Mittwoch, 8. Oktober 2014

Was ist da los?

Egal, was die verbleibenden Wochen noch bringen werden - dieses Jahr hat mich beschleunigt.
Nicht in Kilometern, Stunden und Minuten, sondern in Erfahrungen, Eindrücken und Emotionen.
Grundsteine wurden gelegt. Pläne geschmiedet. Zweifel zerstreut.

Danke, Universum - mach' weiter! Ich strenge mich an, Schritt zu halten!

Sonntag, 28. September 2014

Bin ich Ultra? - 1. Maintal UltraTrail


Schon wieder (lang) laufen?
Tja, wenn man quasi dazu gezwungen wird:
1. Altweiber-Sommer
2. Zwangs-Resturlaub 2013
3. ein Erstling (immer etwas Besonderes!)
4. Weinfranken? Kenn ich nicht!
Also ausreichend gute Gründe. Hinzu kommen wie immer die blanke Lust an der Qual, die Neugier auf deren Bewältigung sowie die Hoffnung auf neue Erfahrungen. All dies sollte hinreichend befriedigt werden.

Der Astra entscheidet sich aufgrund des völlig fehlenden Zeitdrucks am Freitag Mittag nicht ganz überraschend für die nicht ganz so kriegerische B27 nach Fulda. Zur Einstimmung auf die Zielregion futtere ich dabei schon mal ein Kilo rote Bio-Trauben (mit Kern!). Viele Pinkelpausen. Dann kurz doch auf die A7, bevor es im Gramschatzer Wald schon wieder runter und ab durch den Wald geht. Rimpar, Güntersleben, Veitshöchheim – man erreicht so das Startgelände ohne nervige Ampeln und ohne jeglichen Stadtverkehr. Ich spähe schon mal ab und zu in die Waldwege, wie der Bodenzustand so ist und welche Schuhe er nahelegt. Wir kreuzen diesen Abschnitt morgen 2mal, soviel hab ich mir gemerkt, also dürfte der Eindruck recht repräsentativ sein. Sieht alles ziemlich trocken aus, auch auf den Feldwegen kein Schlamm. Pure Grit, auch wenn ihr schon 1.100+ km in der dünnen Dämpfung habt: ihr dürft morgen wieder ran! 80g weniger pro Schuh als bei den Cascadia, die irgendwie doch eher in die echten Berge gehören.

Ich übernachte im Hotel-Ristorante Etna – eine rein monetär und lage-bedingte Wahl. Keine 2km vom Start, keine 50 Euro die Nacht. Im Mittelalter mag die Örtlichkeit noch eine lauschige Post-Station an den Fahrwegen am Main entlang gewesen sein. Dann kam wohl die Eisenbahnlinie dazu (50m hinterm Haus), dann die B27 (heute vierspurig in Höhe des 2. Stocks mit Auffahrrampe unmittelbar vorm Haus) und dann noch die ICE-Brücke, die man einfach quer über das gesamte Setting zimmerte. Will heissen: Lärm und sonst nichts, auch morgens um 3 sinkt die Taktung der Güterzüge kaum ab. Dann auch noch Gewehrschüsse! - nein, doch nur Kastanien, die auf ein Vordach knallen. Ich schlafe definitiv keine Stunde am Stück. Das Zimmer macht es nämlich erforderlich, das Fenster auf jeden Fall geöffnet zu halten, um in dem Muff aus überaltertem Teppichboden etc. nicht zu ersticken. Das tu ich dann trotzdem fast, denn das Fenster liegt über dem Restaurant-Eingang, der allgemein als die Örtlichkeit dient, wo man in Großgruppen weinseelig über die letzte gescheiterte Raucher-Entwöhnung palavert, und natürlich zwischen den Lungenzügen viel und laut lacht.

Aber ich bin ja Ultra und mir darf so was nichts ausmachen. Ich brauch ja auch gar nicht schlafen, liegen langt schon, ich muss morgen ja nur laufen und nicht denken. Die Mikro-Schlafphasen reichen dennoch für einen gefühlt stundenlangen pre-race-Start-Verschlaf-Alptraum in einer ganz neuen Version: Nicht das eigentliche Verschlafen ist diesmal das Problem, sondern eine vorherige, offenbar für nötig erachtete Streckenbesichtigung (Ablaufen einer kompletten Marathon-Strecke), in deren Verlauf nach und nach unumstößlich klar wird, dass man es nicht pünktlich zurück bis zum Start des Rennens schaffen wird. Gehirn – was machst du da?

Topfit erkläre ich somit um 4.45h die Nacht für beendet und bemerke sofort den ersten (und einzigen) Planungsfehler: kein Wasserkocher – kein Ingwer-Zitrone-Tee! Aber ich bin ja Ultra … Zum Glück gibt es noch einen Rest Weintrauben, dann greife ich eher mechanisch und recht appetitlos Banane, Apfel und OrganicFoodBar (Belgium Chocolade). Und ab geht’s, bloß endlich weg hier aus diesem Krach.

Die Startnummer (das ist hier wörtlich zu nehmen: kein störendes Werbe-Beiwerk, außer einem natürlich sehr berechtigten und mit mehreren ASFM-Größen aufgewerteten Hinweis auf den nächsten Bilstein-Marathon) hatte ich mir im Rahmen eines kleinen Spazierganges noch am Vorabend geholt. Und es gibt Aufkleber für den Astra! Spätestens jetzt war mir diese Veranstaltung gänzlich sympathisch. Ein sehr zurückhaltendes Setting in einem kleinen Vereinsheim, der (Jugend-)Fußball steht hier klar im Vordergrund. Nur ein einziges DINA4-Schild gibt einem Gewissheit, dass man richtig ist und morgen hier irgendwo der 1. Maintal Ultratrail (MTUT) starten wird. Jetzt am frühen, dunklen Morgen sieht das nicht wesentlich anders aus, aber der Parkplatz füllt sich kontinuierlich und die einschlägig bekannten Typen beginnen damit, ihre Utensilien zu richten.

Derer bedarf es eine ganze Menge, die Veranstalter haben eine recht umfangreiche Pflichtliste festgelegt. Für einen Lauf in einem solch moderaten Gelände etwas ungewöhnlich, aber auf keinen Fall schädlich. Der Vorteil ist für mich: keine lange Überlegung, ob mit oder ohne Rucksack, denn auch der „muss“. Da die Stationen im Schnitt 10km auseinander liegen und bis zu 20° angesagt sind, hätte ich mich wohl sowieso dafür entschieden. Trailschuhe sind auch vorgeschrieben, wobei glücklicherweise eine Mindestrestprofiltiefe nicht erwähnt wird. So wild wird es schon nicht werden, denke ich, „Trail“ ist ja immer sehr relativ und oft rennt man dann doch die meiste Zeit auf Forstschotterstrassen oder befestigten Wirtschaftswegen. - Kleiner Irrtum! -

Eine gute halbe Stunde vor dem Start um 7 Uhr beginnt die Dämmerung und das Aufblasen des Start- und Zielbogens. Die haben hier die Ruhe weg! Dann findet man noch den Sicherungsschalter für die Klo-Beleuchtung und das Mikrofon bekommt auch Saft. Dem briefing steht damit nichts mehr im Wege (es findet aber trotzdem ohne Mikro statt). Die wichtigste Info für mich ist, auf welche Markierungen (anderer Veranstaltungen) wir nicht achten dürfen. Für uns gibt es Schilder, Flatterband (schwarz-gelb) und aufgesprühte Bodenpfeile (rot). Check. Ich hab ja sogar den Track auf dem Garmin, was soll da passieren?

Vor uns liegen 61.5km mit 6 VPs und angeblich über 1.600hm. Die absolute Höhendifferenz umfasst aber noch nicht einmal 200hm! Das ist wieder so eine Strecke, deren Höhenprofil man viel zu leicht auf eben diese Schulter nimmt: Ach, die paar Hügel … Nee, diesen oft gemachten Fehler will ich mir heute nicht leisten – und ich habe die 5 oder 6 fiesen Zacken jenseits der 35km-Marke, bis zu der man den tiefsten (172m) und höchsten Punkt (368m) bereits hinter sich hat, bewusst abgespeichert. Dafür bin ich aber auf anderes nicht vorbereitet – ab wann ist man eigentlich wirklich ein richtiger Ultra = hat man alle möglichen Fehler gemacht?

Nun denn, es wird ernst – aber die Meute der geschätzten 150 Maintal-Novizen (die Startnummern gehen nach meiner Beobachtung bis 185) ist auch 2min vor dem Start nicht wirklich willig, den Raum vor dem Start-Banner zu füllen. Ja – was erwartet uns heute wirklich? Bei einer Erstausgabe ist die Spannung irgendwie anders. Rückblickend sind das für mich immer besondere Läufe gewesen, eben nicht nur für die Veranstalter. Dieses Jahr ist es nach dem Dragon Trail schon die zweite, insgesamt mit Bilstein und Solling-Querung (für die ich jeweils eine lückenlose Bilanz habe!) die vierte. Erlebte (Lauf-)Geschichte, sozusagen!

Durch eine glückliche Fügung finde ich mich nach dem Countdown von 10 relativ weit vorne wieder – und Überholen wird von km2 bis 10 nur selten einfach sein. System-Check: Garmin: läuft (mit Track), ich: laufe (schon nach 1km einigermaßen rund), Nase: läuft. Let’s go! Noch ist etwas Unruhe im Feld, eine Enduro versorgt uns mit Abgasen und Lärm, dto. ein Quad. Muss wohl sein. Hoffentlich nicht über 60k! Ein kraftstrotzender schwarzer Hund mit himmelblauen Augen (passt später gut zum Medaillen-Band!) wundert sich garantiert, warum wir so trödeln. Ich komme mir immer vollständig degeneriert vor, wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit und Kraft sich diese Viecher - zugegebenermaßen auf 4 Pfoten - bewegen. Ok, break, es geht los: km2 – trail! Km3 – trail! Km4 – trail! usw. Erst bei km10 passen mal wieder 2 Läufer nebeneinander! Herrlicher spätsommerlicher – nein, im Morgendunst oder –nebel doch eher frühherbstlicher Buchenwald. Der Untergrund alles andere als einfach und trocken, jeder Schritt muss sitzen. Bäm – vor mir rollt ein Läufer ab. Nicht seine Schuld, er zieht sich ein meterlanges Stück rostigen Stacheldrahts vom Schuh – weia, Glück gehabt, nix passiert.

Der erste VP, der erste Weinberg, kurzes mentales Verschnaufen, aber schon ballern wir wieder irrwitzig steil bei km 12 einen recht schuttigen Trail hinunter. Unten scharfe Rechtskurve mit Posten: „8 min zur Spitze, 1min zu den Verfolgern!“ Ich muss schmunzeln: Die Spitze 8min vor mir? So so, das wird bald mehr sein… Aber die Verfolger interessieren mich. Ah, da sind sie, gleich 4 oder 5 Mann. Es geht jetzt 2km bergauf zum höchsten Punkt der Strecke. Langsam von hinten anschleichen! Sie gehen. Ich auch. Dies ist kein single trail mehr, dies ist purer Cross. Die rote Farbe an den Stämmen und die Flatterbänder halten uns auf Kurs. Prima. Oben hab ich sie. Eindrucksvolle Szenerie mit nebelverhüllten Windrädern und momentweisen Tiefblicken ins Maintal. Eigentlich viel spannender als blauer Himmel. Geil!

Km 15 – die ersten Halluzinationen? Sehe ich doppelt? Da läuft zweimal der selbe nebeneinander – gleiches Outfit, gleicher Laufstil. Ich hole sie ein. Ok, jeder Blinde sieht, dass das Zwillinge sind, sicherheitshalber frag ich trotzdem. Was mich wundert ist allerdings, dass sie keine aufeinanderfolgende (oder die selbe) Startnummer tragen. Ich habe sie heute nicht zum letzten Mal gesehen… Weiter geht’s, jetzt bei km17 recht felsig, fast wie beim Kernberg-Lauf in Jena, durch den Kalk, super Tiefblick (wenn man denn hinschaun könnte, aber das verbietet sich, wenn man hier nicht zum Rauskramen des vorgeschriebenen Erste-Hilfe-Packs gezwungen werden will). Und dann eine steile nasse Wiese hinunter, wo ich mich ehrlich gesagt wundere, vorher der Grip der Schuhe kommt, durch eine Art verlängerten Friedhof / Kreuzweg (kenn mich da nicht so aus) hinein nach Retzbach am Main, womit wir bei km19 bereits den tiefsten Streckenpunkt erreicht haben.

Luft holen, Beine ausschütteln, wo ist die Markierung? Für meinen Geschmack ein paar zu wenig rote Bodenpfeile im Ort. Intuitiv (kann das verkehrt sein?) gehe ich mal davon aus, dass es geradeaus geht, solange nichts anderes behauptet wird. Aber Bestätigung zwischendurch beruhigt immer ungemein. Nette Menschen stehen immer da, wo es auch Pfeile gibt, doppelt hält besser. Alles geht gut, ich rolle bei VP2 ein (und sehe schon die Rampe, die mir gleich bevorsteht). Die VPs – 100 Punkte, für Hard- und Software. Alles was ich brauche (und viel mehr) ist da: Salatgurke, Wassermelone, Lächeln, Applaus, nette Worte, Salzstangen, Cola. Den Rest (Vega-Gels und Rohkostriegel hab ich selbst mit). Wieder ein Herzblut-Event, man merkt es spätestens jetzt! Klasse. Weiter. „Da läufst Du hoch, Alter!“ Gemacht. Langsam aber sicher. Born to run im Kopf: Kämpfe nicht mit dem Weg! Wie wahr. Es gibt keine andere Option, außer auf den letzten 2k.

An Silvaner und Müller-Thurgau vorbei immer wieder unterhaltsame Stiche durch den Wald, auch Treppen, und schon bin ich auf der nordwestlichen Wende-Schleife. „Du bist die 12! Nächste Verpflegung ungefähr 2k!“ Das ist mal Info! Wow. Es läuft. VP3 – und weiter bergab in die Rückegasse. Jetzt wollen sie es aber wissen: der „Weg“ ist blockiert mit querliegendem Schwachholz, schade, hier könnte man sonst flott durchziehen. Flatterband. Ok. Flatterband. Flatterband? Flatterband? Garmin!! Kein Track! Ich sehe nur meine Position, aber nicht den Track! Was ist das, um Himmelswillen? Intuition! Weiter geradeaus, wenn nichts anderes behauptet wird, wie vorhin! Sind da Spuren? Ich denke schon. Ein großer Fahrweg kreuzt. Mist, hier muss eine Markierung sein! Ist aber nicht und aschu steht allein im Wald und guckt wohl ziemlich blöd aus der Wäsche.

Ich laufe weiter – keine Ahnung warum. Völlig blödsinnig! Aber ich bin auf Verlaufen schlicht nicht vorbereitet und es gibt keinen Plan. Ja, ich habe mich bei meinen bisherigen 47 Ultras und 45 Marathons seit 2007 noch nie verlaufen! Ich komme an eine Straße. Hinten sehe ich einen Ort. Ich habe die Orga-Nr. im Handy (Pflicht!), und wenn ich weiss, wo ich bin, macht ein Anruf vielleicht Sinn. Also hin da, 1km. Ich bin mir so was von sicher, keine Markierung übersehen zu haben, war ja auf nichts anderes konzentriert! Vielleicht war die ganze Rückegasse ein fake, und jemand hat da die ersten Flatterbänder nachträglich reingehängt? Scheisse, das Rennen ist gelaufen.
Was ist das für eine Straße? Oh, immerhin die B26! Sehe ich irgendwo andere Läufer in der Landschaft? Negativ. Ortsschild: „Stetten – nach Karlstadt 6km“. Anruf. „Stetten? Oh, da bist du viel zu weit! Zurück Richtung Nordwesten, dann in den Wald rein, und dann auf einem Waldweg südlich halten. Verdammt, da haben sie uns wohl wieder die Schilder geklaut!“ Norden, Süden, zwar vage, aber immerhin für einen Geographen verwertbare Angaben. Zurück wo ich herkam. So ein Mist. – F…! – Stopp! „Du bist Ultra! (oder etwa nicht?) Du kannst dich immer wieder auf neue Situationen einstellen.“ Kann ich das? Die Antwort wird mir wesentlich erleichtert, als ich mich kurz nach meinem Wiedereintritt in den Wald einem Haufen von ca. 15 Läufern gegenüber sehe, die da ratlos rumstehen. Genau auf der Kreuzung mit dem Fahrweg, der da links ziemlich eindeutig nach Süden verläuft (Sonne sei dank!). Ich erzähle ihnen die Kurzfassung: „Da geht’s lang!“ Weiss ich zwar nicht, aber so irre ich wenigstens nicht mehr allein umher. Keinen von denen hab ich zuvor überholt, d.h. ich muss jetzt mindestens auf Platz 35 oder noch weiter zurückgefallen sein. Ja, ich bin noch im Renn-Modus, ich mach keine Trainingsläufe über 61km. Nach 500m ein ordentliches MTUT-Schild, yiipeee! - und wir sehen, wo wir hätten rauskommen sollen. Wie auch immer!

Das nächste „noch zu laufen-Schild“ sagt „30“, meine Uhr zeigt 34,5, also waren das ziemlich genau 3 Extra-km. Macht mit Telefonieren wohl gut 20min Zeitverlust. Energieverlust? Motivationsverlust? Da vorn den kenn ich doch! Den hatte ich schon mal überholt. Jetzt wieder, sogar zügiger. Den nächsten auch! Und da, die Zwillinge. Ja, alle haben sich da irgendwie verfranst, der eine mehr, der andere weniger. Selbst der Sieger erwähnt später die Probleme bei km29 in einem Post. Ich fühle mich irgendwie wieder dabei. Ärgerlich bleibt es, aber es entsteht eine ganz neue Spannung: Wieviele kann ich auf der sicher selektiveren 2. Streckenhälfte wieder einsammeln? Die Jagd beginnt. Das älteste, einfachste genetische Programm ist wieder hochgefahren worden.

Am VP5 bei (eigentlich) km45.5 endlich die ersehnte Information. Platz 19! Und 2 sind gerade erst weiter und noch in Sichtweite. Hallali! Hinterher. Jetzt setzen auch wieder Detail-Erinnerungen ein. Nein, durch die Wand des Steinbruchs dort mussten wir erstaunlicherweise nicht, aber ansonsten kann ich mich an keinen horizontalen Meter mit Ausnahme von Straßenquerungen erinnern. Nach längeren, sonnigen Feldflur-Anteilen jetzt wieder mehr kühler, schattiger Wald. Bei km47 freundliche Info: „Bis zum 2. Flatterband, und dann gerade links hoch bis zum Gedenkstein!“ „Danke!“ Wollen die uns verar…..? Eine Wand!! Und oben ein Sadist mit Kamera. Aber ich hab die nächsten Beiden jetzt kurz vor mir und ich power mich da irgendwie hoch und kurz danach hab ich sie. 17! Bei 51 hab ich den nächsten. 16! Mensch, mir fällt auf, dass mich definitiv seit km 15 (oder früher) keiner überholt hat, von der Verlauf-Verwerfung mal abgesehen. Keiner. In dem Moment, wo ich das denke, bemerke ich Schritte von hinten, es ist der eine von den beiden kurz vorher. Wir laufen nebeneinander. Blick zur Seite. "Welche AK?" "50!" Mist. "Haben wir noch Chancen?" "Keine Ahnung!" "Ich mach so was sonst nie, komm ja auch aus Holstein." "Lauf weiter, ich komm da nicht mehr mit." Schnell ist er über 100m vor mir. Aber ok, noch sind es 8km, da kann viel passieren. Einfach weitermachen. Rums – ich mach mich lang, rolle aber, obwohl ich so was nie übe, ziemlich weich über die Schulter ab. Alles heile. Weiter. Letzter VP. Da steht der Holsteiner noch! Und 2 andere! Attacke!

Unendlich langsam arbeite ich mich an das Laufpärchen ran – die erste Frau (zuletzt bei km8 gesehen) und der Pferdeschwanz von km16. Logik: Ich hab die eingeholt, also bin ich schneller, also kann ich sie auch überholen, auch wenn ich inzwischen aus dem vorletzten Loch pfeife. Es wird ein Überholvorgang wie zwischen 2 Lkw in den Kasseler Bergen: Lang und langsam (und irgendwie überflüssig). Aber ich komme vorbei. Hinter mir kein Stau. 14! 

Hinter Güntersleben steht dann noch ein Haufen Sadisten und schaut zu, wie wir uns die letzte Diretissima einen Grashang hoch quälen. Nein, Quatsch, ich freue mich über jeden der insgesamt ca. 50 Zuschauer, die dieses Event verfolgen. Aber ein paar Gesichter habe ich mehrfach gesehen – das zählt nicht!

Dreh dich nicht um – das zeigt Angst und Schwäche. Aber ich bin schwach, und ich habe Angst, dass der Holsteiner-M50er doch noch von hinten anrückt. Gut, er tut es nicht. Luft holen für das locker-souveräne Einlaufen ins Stadion (ähem, bzw. auf den Fussballplatz). Funk-Ankündigung der Startnummer. So gehört sich das. Yes! Wie geil, aschu ist im Ziel!

Schöne Medaille! Kühles Weizen! Breite Bank mit viel Platz! Sonne! Grüner Rasen. Perfekt.
Heisse Dusche ohne Auto-off – besser geht’s nicht.

Bin ich Ultra? Wieder ein Stückchen mehr!



Liebes Orga-Team und alle Helfer und irgendwie Beteiligte:
Danke für diese spannenden, anstrengenden, lehrreichen Stunden bei Euch in Weinfranken (oder heisst es Mainfranken?)

Liebe Läufer, die ihr das diesmal verpasst habt:
Tja, jeder macht mal einen Fehler.

Montag, 8. September 2014

Atemlos durch die Nacht


Heute wird's mal nicht so lang!

Dafür war es ja der Lauf, oder besser: er hätte es werden können ...

Die 24 Stunden von Le Mans - nein: Rüningen. Dies ist ein beschaulicher Vorort am Südrand von Braunschweig, der sich insbesondere dadurch auszeichnet, dass es dort selbst bei 90% Niederschlagswahrscheinlichkeit nicht regnet und alle Gewitter einen großen Bogen um die Piste machen. Die Piste - das ist ein bis auf den letzten Zentimeter vermessener, 1000m langer Parcours, der keinerlei Hindernisse oder Schikanen (bis auf eine 180°-Rechtskurve) aufweist, und garantiert auch keinen einzigen Höhenmeter (deswegen war ich ja auch hier; nach 2 Bergläufen einfach mal wieder flach laufen, ohne hinzugucken). Die Strecke gliedert sich vom Belag her in ca. 400m Rasen, 350m Tartan und 250m Asche (Grand), insofern kommt der Wahl der optimalen Bereifung natürlich entscheidende Bedeutung zu. Es gibt eine Boxen-Gasse mit Multi-Media-Wand, auf denen jeweils der aktuelle Rennstand zu ersehen ist, und unverzichtbare Infrastruktur wie einen Catering-Bereich (der z.B. morgens um 5h warme Pellkartoffeln im Angebot hat - genial!), Massage-Zelt, und eine Bühne für Live-Musik. Nachts wird das Ganze ordentlich durch Flutlicht ausgestrahlt. Das wichtigste aber vielleicht (zumindest für mich) ist die sattgrüne, topfebene Wiese, auf der man sein Zelt in maximal 50m Luftlinie zur Strecke aufschlagen kann. Damit steht dem vollen Sinnen-Erlebnis (Geräusche, Gerüche, Überholmanöver) auch während der (nicht gerade kurzen) in der Horizontalen verbrachten Rennabschnitte nichts im Wege.

Die 24 Stunden von Rüningen. Das Programm: Wir sitzen nicht im Rennwagen, sondern bewegen uns irgendwie auf 2 Beinen fort. So schnell wir wollen, so lange wir wollen, so oft wir wollen. Und wir wollen dann ziemlich oft und so schnell wie (noch) möglich, denn sonst fressen uns die Mücken auf. Nein, im Ernst, seien wir ehrlich: der Beiname "Lauf" ist in Bezug auf die Mehrheit der Teilnehmer und/oder Stunden nicht wirklich angebracht. Sei's drum! Dafür ist die Atmosphäre wirklich so entspannt, wie man es bei vielen geplanten Familienfesten leider nicht hinbekommt. Neben den Laufklamotten gilt es somit zunächst, Party-Garnituren, Grillapparaturen und Getränkevorräte auf die Wiese zu schaffen. Profis bewerkstelligen das mit Sackkarren oder Ähnlichem, Greenhorns wie wir vom ASFM (Hecke und Sanna sind auch dabei) müssen alles schleppen und haben so bereits vor dem Start ca. 60% ihrer Carbo-Speicher verbraucht.

24-stundenlauf, sportanlage-rüningenUm 15 Uhr geht der Spass los. Noch nicht sehr bedeutungsvoll zeigt die große Digital-Uhr über dem Start-Tor die "24:00:00" an. Für mich gibt es damit zum ersten Mal kein "wie weit noch?", sondern nur ein "wie lange noch?" Sehr ungewöhnlich (und gewöhnungsbedürftig). Aber genau dafür ist die Uhr da. Mit dem Startschuss beginnt sie ihren langen, sehr langen Count-Down auf "00:00:00". Zeitgleich erschallt eine tatsächlich bis zum Lauf-Ende am nächsten Nachmittag um 15h nicht mehr aussetzende Playlist mit liebevoll ausgesuchten Stücken, die - wenn man hinhört - alle irgendwie zum Thema Laufen, zur jeweiligen Tageszeit, oder sonstigen Lebenslagen passen. Das Ganze verteilt auf alle denkbaren Genres von Metal bis Schlager, von Abba bis Zappa und aus einem Zeitfenster von 1970 bis 2014. In Runde = Kilometer 5 joggen wir zu Billy Jean ("I am the one who will dance on the floor in the round"), danach verschwimmt alles schnell in der einsetzenden Erschöpfung. Bis auf eines: "Atemlos durch die Nacht." Leute, ok, die Nacht war lang, und das Lied kenne ich jetzt, es wird nie wieder aus meinem Stammhirn weichen. "Guten Morgen, liebe Sonne!" - ja, sie schien da mit Sicherheit schon über dem Nebel, der uns bei Tagesanbruch umgab.

Wie gesagt, es wird heute nicht so lang, keine (sportlichen) Details. Bis vielleicht auf die Tatsache, dass Sanna ihre 85km barfuss laufen musste (Schuhe zwar nicht wie früher mal beim Sieber Berglauf vergessen, aber dafür 2 linke eingepackt). Ansonsten steht alles in aller Ausführlichkeit in den Ergebnislisten und Statistiken. Meine sonstigen tiefschürfenden Erkenntnisse zum Rundenlaufen, die auch hier im Wesentlichen bestätigt werden, habe ich ja schon woanders zu Papier gebracht.

Was mir anders als eine fette Blase und eine leicht rubbelnde Knie-Außensehne nach 126km (neben besagtem Liedchen im Ohr) dauerhaft in Erinnerung bleiben wird, ist vor allem die Freude und Begeisterung, mit der die vielen Kinder, oft unter 10 Jahre alt, unterwegs waren. Blond-bezopft, stundenlang Hand in Hand schnatternd mit der Freundin schlendernd, auf Nachfrage strahlend und mit stolz geschwellter Brust (die trotzdem zu schmal für die Startnummer bleibt) die Rundenzahl verkündend ("17" am Abend, "28" am nächsten Vormittag). "Macht Ihr das eigentlich freiwillig oder kriegt Ihr eine Belohnung?" "Ja, wir dürfen jede Runde am Glücksrad drehen! - Und wenn ich einen Gutschein gewinne, schenk ich den Mama zum Muttertag, ich brauch' den nicht!"

Das sollte geklappt haben! Ein wunderbarer Urlaubs-Abschluss.

Sonntag, 31. August 2014

Entscheidung im Karwendel

Die goldene Regel für diesen Blog lautet ja: Nur schreiben, wenn ich auch Lust habe und es was zu berichten gibt. Das ist heute gar nicht so leicht zu beurteilen: Sitze ich nicht allein deshalb vor der Tastatur, weil es da draußen wie aus Kübeln schüttet? Hatte ich gestern unterwegs die meiste Zeit über nicht einfach einen leeren Kopf?

Dabei fing der Tag so verheißungsvoll an. Als ich um 4.30h die Klamotten ins Auto lade, um von Leutasch zum Start des Karwendellaufs nach Scharnitz zu starten, traue ich meinen Augen nicht: Auf der Dorfstraße, keine 50m entfernt, steht ein kapitaler Hirsch, ein riesiges Tier, wie ich es in freier Wildbahn noch nie gesehen habe. Er beobachtet mich ein Weilchen und trottet dann gemächlich weiter durch die Gärten Richtung des Hangfusses, um dort in den steilen Wald zu verschwinden. War das jetzt echt oder wieder nur einer dieser verrückten PreRace-Träume vor (zu) frühen Starts?

Wider Erwarten regnet es nicht, und das Thermometer zeigt lauschige 15°C hier oben auf 1.100m an. Vielleicht wird es ja doch was mit einem Lauf unter "einigermaßenen" Bedingungen. Von den bisherigen 5 Auflagen des "neuen" Karwendelmarsches sind allerdings nicht weniger als 4 ins Wasser gefallen. Letzte Woche beim APUT habe ich zwar erfahren, dass man durchaus auch in den Bergen im Regen laufen und einen gewissen Spass haben kann, aber natürlich würde ich Trockenheit und Sicht vorziehen. Den Wettervorhersagen konnt man letztlich nichts wirklich Aussagekräftiges entnehmen, zu wankelmütig kamen sie über die vergangenen Tage daher (und meist zu optimistisch). Wie auch immer, ich bin für alle Eventualitäten ausgerüstet, diesmal auch für unbeleuchtete Dixies vor dem Start.


Ich bereue nicht, bereits eine Stunde vor dem Start um 5h auf dem "Event"-Parkplatz (der im Normalfall von den Myriaden von MTBlern eingenommen wird, die von hier aus das Karwendel erstürmen) anzukommen und noch einen halbwegs unzuparkbaren Slot zu erwischen. Das Dropbag für das 52km entfernte Ziel in Pertisau am Achensee - go straight east! - ist auch fertig, also auf zum Start am Gemeindehaus, das ungefähr 1k entfernt ist. Es nieselt nur leicht, ist nach wie vor fast warm, und ich entscheide mich angesichts der auf den ersten 18k bevorstehenden 900 postiven Höhenmeter die Regenjacke lieber gleich in den Laufrucksack zu packen. Auch die ewige Frage "Startnummernband oder nicht" wird wieder zugunsten der eigentlich nicht vorgesehenen rückwärtigen Montage am Laufrucksack entschieden - die Wanderer, die den Großteil der Teilnehmer der insgesamt damit zurecht "Karwendelmarsch" titulierten Veranstaltung stellen, machen das ja auch so.

Pünktlich 10 min vor dem Start beginnt es zu regnen, zunächst - dann zu schütten. Obwohl ich so was hasse, entscheide ich mich noch um 5:57h dazu, das Icebreaker long sleeve aus- und die Regenjacke anzuziehen. Ich bin voll konzentriert und vergesse nicht einmal, das Shirt im Rucksack auch in eine Plastiktüte zu stecken. Ohne (= nass) würde es mir nicht viel nützen, wenn ich später darauf zurückgreifen muss. Noch immer stehen die meisten in Kurzarm herum, viele ohne Kopfbedeckung, einige sogar im Singlet. Entweder sind die hier alle wirklich hart, oder sie wissen es halt besser. Die Startansage erwähnt dann auch das Wetter nur beiläufig als "typisch" für den Karwendellauf, und bei einer Schneefallgrenze von 3200m sei ja alles halb so wild und eben optimales Laufwetter.

So, jetzt aber! Buumm - der Kanonenschlag haut mich fast um. Das Feld der über 500 Läufer startet vor den Wandereren und auf der Bundesstrasse wird gleich mal Vollgas gegeben. Was haben die hier vor? Selbst weit zurück im Mittelfeld ist eine pace angesagt, die mir so gar nicht dem Restvorhaben (52km und 2.300hm, verteilt auf 3 Hauptanstiege) angemessen scheint. Erst nachdem eine erste Geländestufe hinter uns liegt und sich das Karwendeltal, dem wir bis km18 nach Osten hinauf auf den Hochalmsattel (1803m) beim Karwendelhaus folgen werden, öffnet, finde ich nach und nach zu einem erträglichen Rhythmus.

Ich weiss nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll: Weinen, weil ich ja ansatzweise weiß, wie umwerfend es hier aussieht, wenn die Sicht auf die Berge frei ist. Letztes Jahr kam ich Anfang August bei Traumwetter auf meiner Mission München-Venedig hier durch die Gegend und übernachtete auf dem Karwendelhaus. Ein Highlight der gesamten Tour! - Oder eben freuen, weil heute die ganze Phantasie gefragt ist, hier überhaupt ein Gebirge zu vermuten, wenn die Sichtweite oft nicht weiter reicht als 30m. Und was kann schöner sein als der Phantasie freien Lauf zu lassen!

Durch ein merkwürdiges Geschrei werde ich aus meinen Überlegungen gerissen, wir nähern uns dem ersten VP (der auf österreicherisch "Labe-Station", also besser "LS" heisst). Ein älterer Herr vom Standpersonal unterhält sich nett mit den Läufern, um zwischendurch immer wieder unvermittelt ein gebrülltes "Tää! - Tää!" auszustoßen. So haben beide Seiten ihren Spaß. Der ist für die Läufer nur wenige km später erstmal zu Ende, denn die Serpentinen hoch zum Joch beginnen, und die Steigung nimmt spürbar zu. Mir gelingt es einige Zeit, im Laufschritt zu bleiben, aber als mich der erste im Gehschritt überholt, erinnere ich mich an die goldene Regel des (Ultra-) Berglaufs: Kraft sparen!

Es regnet ziemlich stark, und je näher wir dem Joch mit LS2 in der Nähe des Karwendelhauses kommen, um so windiger wird es. Zu Beginn der eigentlichen Rampe hatte ich die Regenjacke ausgezogen - nass ist nass, egal ob von innen oder von außen. Jetzt wird mir aber trotz des Volldampfes, unter dem wir stehen, langsam etwas kühl und als erstes ziehe ich mir im Schutz eines Bergwacht-Zeltes an der Station wieder Klamotten über. Es gibt hier oben als Schmankerl eine köstliche, fast heiße Kartoffelsuppe, praktischerweise aus normalen Trinkbechern, einfach ideal bei diesen Bedingungen. Ich nehme mir Zeit für zwei Becher im Stehen.

Der erste Downhill über 6km hinunter zum Kleinen Ahornboden auf 1400m steht an. Wie der gesamte bisherige Weg weiterhin auf einem Fahrweg. Allerdings jetzt auf einem sehr ruppigen Belag mit sehr groben Steinen und "eingebautem" anstehenden Fels dazwischen. Nicht ganz einfach und auch nicht ungefährlich zu laufen, denn die Sicht ist allgemein schon schlecht, bei mir tendiert sie wegen beschlagener und nasser Brille gegen Null. Da hilft auch der Schirm der Haglöfs-Kappe, die ich vor einem Jahr bei der Wanderung genau hier auf der Strecke fand und die logischerweise heute hierhin Ausgang bekommen musste, nicht wirklich viel. Mehrfach versuche ich, die Gläser mit den Fingern abzuwischen, aber das Resultat ist leider eher eine Verschlimmerung. Ich torkele also wohl von außen betrachtet relativ amotorisch da hinunter, immerhin scheint es einigen noch schwerer zu fallen, hier die pace zu halten und ich mache einige Plätze gut. Ja - dann der Kleine Ahornboden, letztes Jahr ein kitschiges Idyll mit diesen vereinzelt auf den sattgrünen Wiesenflächen vor den weißen Mauern der Karwendelspitzen unter einem dunkelblauen Himmel stehenden Baumriesen. Heute ein einziges vernebeletes Grau in Grau, hinter dem man - ich erwähnte es bereits - nicht unbedingt ein Hochgebirge vermuten muss. Das schottische Hochland käme auch in Frage. Auch der Boden gibt das her, hier unten eher ein Sumpf als eine Bergwiese. Längst habe ich aufgegeben, "trockene" Trittstellen finden zu wollen.

Ich halte mich nicht groß an der LS auf. Ab hier betrete ich privates Neuland, und das reicht zur Motivation, selbst bei diesem Wetter. Es geht jetzt wieder hinauf zur Falkenhütte auf 1850m, wiederum über 6km, also insgesamt km30. Zunächst vollzieht sich das recht moderat und abwechslungsreich (gemessen an der wenigen Abwechslung, die heute optisch wahrnehmbar ist), am Ende zweigt der Trail jedoch auf einen Grashang ab und zieht sich dann in der Direttissima steil, oft mit Stufen, bergauf. Ich erkenne nach einiger Zeit als Vorteil an, im Nebel nicht ausmachen zu können, wie lang es noch so weiter geht. Normalerweise sieht man die Hütte garantiert über die gesamte Passage, verbunden mit dem berg-typischen Trugschluss "ich bin schon fast da!" Jetzt steigt man eben und steigt und steigt, und irgendwann wird die Hütte aus dem Nebel auftauchen und es wird vorbei sein und die brennenden Schenkel dürfen sich auf die "Erholung" bergab freuen.

Vor dem eigentlichen Abstieg tief hinab zur Eng am oberen Ende des Großen Ahornbodens (1225m, km 36) queren wir nun auf recht alpinen, aber (eigentlich) gut laufbaren Trails vor den bestimmt (wenn man sie denn sehen könnte) sehr imposanten Laliderer-Wänden hinüber zum Hohljoch. Dort oben vollzieht sich wie so oft an solchen Übergängen ein ziemlicher Landschaftswechsel und es geht plötzlich über die völlig durchweichten und von meinen Vorläufern (es müssen recht viele gewesen sein!) zertretenen Almen fast nicht laufbar steil hinunter. Einer nach dem anderen zieht an mir vorbei. Erinnerungen werden wach an den Petit Ballon in den Vogesen, wo es mir auf dem Rückweg hinunter ins Rheintal ähnlich erging. Auf die Dauer sehr frustrierend, zumal ich nicht ausmachen kann, was der Trick dabei nun eigentlich ist. Wie schon beim APUT wäre ich hier ohne die Stöcke verloren bzw. noch langsamer. So schaffe ich es, sturzfrei bis zur Eng zu kommen, was insbesondere auf dem letzten km vor dieser Zwischenzeitnahme (mit Ausstiegs-Möglichkeit, da Straßenende) längst nicht allen gelingt.

Eine Zeit von um die 4h oder knapp darunter hatte ich mir bis hierher vorgestellt, um dann noch insgesamt evtl. eine sub6 zu schaffen. Nun, erstens werden jetzt schon 4:07h ausgewiesen, und zweitens sind die Beine weiß Gott nicht mehr frisch (falls sie das heute jemals waren). In Anbetracht des noch bevorstehenden (sich weiterhin dankenswerterweise in Wolken verhüllenden) abschließenden Aufstiegs über die Binsalm zum höchsten Streckenpunkt am Bimssattel (1905m, 40,5km) beschließe ich, es ruhig zu Ende zu bringen und eher die 6:30h anzupeilen. Die 70km/3000hm vor 6 Tagen stecken schon noch in den Knochen, und auch die "regenerative" 4,5h-Wanderrunde vorgestern von Leutasch über die Scharnitz-Scharte (1000hm) mag suboptimal gewesen sein (aber es schien zum einzigen Mal in der ganzen Woche die Sonne, da musste ich los!). Ich genieße also zunächst ausgiebig den köstlichen "Gemüse-Fond", eine Minestrone wie aus dem Bilderbuch, bevor ich mich dann doch wieder weiterzwinge.

Aus dem Gegenhang dann plötzlich durch ein Wolkenloch der Blick hinunter zurück auf den Großen Ahornboden, der sich selbst in dieser vom heutigen Wetter diktierten Farblosigkeit als verheißungsvolles und spannungsgeladenes Gemälde präsentiert. Ja, ich sollte dieses Ding hier wirklich noch mal bei Normalwetter (nicht aus Sicht der Veranstalter, sondern aus meiner!) wiederholen. Das sollte ich eigentlich wirklich! - Ich kämpfe mich mit zwei Leidengenossen, uns gegenseitig immer wieder antreibend, den sehr steilen Weg hinauf zur Bimsalm. Niemand ist jetzt noch im Laufschritt (hier müssen aber offenbar zuvor welche im Laufschritt durch sein, denn in diesen Minuten meines Kampfes gegen den inneren Schweinehund bei km 38 läuft das Spitzen-Trio insgesamt in Zeiten unter dem alten Streckenrekord von 4:26h im Ziel bei 52km ein - schlicht und einfach unglaublich bei diesen Bedingungen [... aber auch sonst]). Ich habe das oft studierte Höhenprofil der Strecke noch so weit vor dem virtuellen Auge, dass ich mich daran erinnere, dass die Bimsalm nicht der höchste Streckenpunkt ist, sondern es danach noch "etwas" weiter bergauf geht. Nun, dieses etwas wächst sich zu einem hammerharten, steilen und - überflüssig zu sagen - matschigen Trail aus, der mich noch näher an den Rand der Erschöpfung bringt als der finale Aufstieg zum Sonnenkopf letztes Wochenende. In einer keuchenden Kette gebeugter Gestalten arbeiten sich die "Läufer" den endlosen Zickzackweg durch die Latschen hinauf. Oft nerven Zickzacks, weil diese Form der Weganlage meist nur mäßigen Höhengewinn in Bezug auf die zurückgelegte Strecke bedeutet. Hier ist das anders, und ich versuche, die Gedanken an die Ankunft oben am Sattel auszuschalten und setze mir nur immer auf's Neue den nächsten Wendepunkt als Ziel.

Der Sattel ist dann nicht einen Meter breit, drüben geht es sofort wieder gnadenlos steil runter, wieder meist über schlammige Wiesen, zunächst hinunter zur Gramai Hochalm, übrigens immer noch im Regen. Ich möchte mit den Leuten am VP nicht tauschen, auch wenn dort jeweils aufwändige, an 3 Seiten geschlossene Zelte aufgebaut sind. Auf den folgenden 3km verlieren wir 500m an Höhe, und ich gefühlt 20-30 Plätze. Die Leute rennen mit doppelter Geschwindigkeit an mir vorbei. Muss mir egal sein. Weiter konzentriert bleiben, nach wie vor geht es durch steiles, blockiges, verwurzeltes, insgesamt natürlich glitschiges Gelände, wo einfach jeder Schritt und Tritt sitzen muss. Dann ein Bergwacht-Auto, was bedeutet, dass wieder ein fahrbarer = laufbarer Abschnitt beginnt. Ich bin ziemlich froh, bald beide Füße bei jedem Schritt ganz auf den Boden aufsetzen zu können. Mittlerweile ziemliche Schmerzen unter den Ballen, aber tolerabel.

Die letzten 9km werden also noch mal ein "Lauf". Zwar fällt die Strecke auch hier noch über 300hm, aber in der Wahrnehmung ist das nach einem Marathon eher "eben" und dementsprechende Willensstärke ist aufzubringen, um das jetzt noch durchzustehen. Jeder Kilometer ist nun als count down mit Schildern markiert. Es geht über matschige Wiesen, es gibt leichte Gegensteigungen, noch mal im Schritt. 4 oder 5km vor dem Ende beginnt wieder Asphalt. Ich bin in einer Vierer-Gruppe, von der jeder Einzelne garantiert langsamer liefe, wenn er solo unterwegs wäre. Aber so pushen wir uns fast bis ins Ziel. Erst auf dem letzten Kilometer fallen wir auseinander und ich überlasse den drei anderen den Vortritt (sind ja auch alle jünger). Im Zielort Pertisau geht es mitten durch den Touristenverkehr fast bis hinunter zum Ufer des Achensees, das bis auf wenige Meter genauso hoch liegt wie der Start in Scharnitz.

Die junge Dame, die mir die Medaille nach 6:25h um den Hals hängt, entschädigt mit ihrem strahlenden Lachen für Vieles. Im Versorgungszelt gleich nebenan gibt es Sitzbänke, Weizen und Käsebrote und sogar einen Heizlüfter. Während ich letztlich ziemlich zufrieden über meinem Bier sinniere, tropft es vom Schirm der Kappe stetig ins Glas. Mein Gott, ich merke erst jetzt, wie klitschnass ich bin. Nach 10min setzt das Frösteln ein und ich folge den Schildern Richtung "Finisher-Pakete" und "Duschen". Wenn es insgesamt an dem Lauf was zu kritisieren gibt, dann die etwas unwürdige Situation, dass man sich mit Dutzenden anderen Läufern in einem 30m² "großen" Partyzelt neben einer riesigen Tennishalle die nassen Klamotten vom Leib zerren soll, um dann in 2 Containern die erwartungsgemäß eiskalte Dusche zu empfangen. Nein danke! Das Anziehen der trockenen Sachen ist unter diesen Umständen für mich bereits Herausforderung genug und gelingt leidlich. Jetzt irgendwo ins Trockene und Warme! Meine Zuflucht wird der Windfang der Tourist-Info, die gerade wegen Mittagspause geschlossen ist. Es schüttet in Strömen, vergass ich das zu erwähnen?

Die Uhr zeigt halb Zwei und ich mache mich auf die Suche nach den Shuttle-Bussen zurück nach Scharnitz, die ab 14h fahren sollen. Und ja, da steht der erste fast abfahrbereit mit laufender Heizung und einigen Restsitzplätzen. Nichts wie hinein! Wie während der Rückfahrt vom Rennsteig oder von der BC bekommt man jetzt noch einmal plastisch vor Augen geführt, welche Distanz man zuvor bewältigt hat: Der Bus ist trotz 30km auf der Inntal-Autobahn fast 2 Stunden unterwegs, natürlich fährt er dabei ein "paar" km mehr als wir gelaufen sind, aber was solls: Es war nicht mal eben um die Ecke!

Zeit genug, die vergangene Woche Revue passieren zu lassen: Zwei Berg-Ultras mit weit über 5000hm und über 120km Distanz innerhalb von 6 Tagen jeweils im vorderen Viertel/Drittel in vernünftiger Verfassung gefinisht (ich weiß, über diese Eckdaten werden etliche schmunzeln, aber sei's drum!). Dazwischen noch 3 Laufeinheiten und eine längere Wanderung. Zwar extremer Muskelkater nach dem APUT, aber jetzt keinerlei muskuläre oder orthopädische Probleme (und das blieb auch so in den Folgetagen). Wir schreiben den 30.8.2014. Seit Wochen halte ich Jan damit hin, eine Entscheidung bzgl. eines gemeinsamen Starts beim TAR 2015 erst genau nach diesen beiden Läufen, am 31.8. zu fällen. Einige Argumente dagegen wurden nicht entkräftet: In meinen, ganz persönlichen Augen handelt es sich bei diesen Veranstaltungen wirklich nicht um "Läufe". "In den Bergen sollst Du wandern!", sage ich immer (und hab das ja letztes Jahr auch ausführlich praktiziert). Was für mich ein wirkliches no-go wäre, sind solche Unternehmungen bei Nacht, allein schon sicht-technisch. Das kommt ja nun beim TAR nicht vor, und auch sonst erscheinen mir die dortigen Eckdaten noch halbwegs von dieser Welt und auch noch in meiner nächstjährigen AK machbar zu sein.

Also:
Wer immer macht, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.
(oder vielleicht etwas klingender)
Nothing venture, nothing have.

Let's go for it! 

Dienstag, 26. August 2014

Du machst mich nicht kAPUTt !


Spätestens seit August hatte sich der Sommer 2014, so er denn je wirklich existiert hatte, aus den mitteleuropäischen Gefilden verabschiedet und Hunderte ehemaliger Wetter-Experten, die die Hoffnungslosigkeit ihres Treibens zwischenzeitlich eingesehen hatten, befanden sich auf Jobsuche. Niemand mochte auf ihre 7-Tage-Prognosen, auf denen sie „Sonne“ und „24°“ versprachen, noch einen Pfifferling geben. Das einzige, was teilweise noch half, war ein Blick auf das Regenradar möglichst kurz vor einer geplanten Laufeinheit. Obwohl – mit welcher Geschwindigkeit sich immer neue Gewitterzellen und Starkschüttungen aufbauten, war schon beeindruckend. Ich kann mich jedenfalls an die letzten 48 Stunden ohne Niederschlag, egal ob zu Hause in Göttingen oder während der 14 (rennfreien!) Tage in der ersten Augusthälfte im Chiemgau, nicht erinnern.

Ideale Rahmenbedingungen also für den Allgäu Panorama UltraTrail (APUT) mit Start und Zielort in Sonthofen, der in den letzten Jahren bekanntermaßen unter Hitzewellen, wolkenlosem Himmel und allen damit verbundenen Gefahren für die Teilnehmer zu leiden hatte. Unvergessen bleiben die letzten 5 Kilometer auf der Marathonstrecke 2012 auf dem Iller-Damm bei weit über 30° (im Schatten, wo keiner war). Heuer (um sich jetzt auch mal sprachtechnisch der Region anzunähern) würden andere Herausforderungen gestellt werden. Tapfer verkündeten die Veranstalter bis zuletzt „ideale Laufbedingungen“ auf der website – nun ja, schlimmer kann es immer kommen, das ist richtig.

Vor dem Start an dieser (heute) trostlosen Kreuzung neben diesem (heute) trostlosen Betonkasten, der sich „Allgäu Outlet“ nennt, hört man jedenfalls in der letzten halben Stunde eine Phrase sinngemäß immer wieder: „Bei so einem Regen bin ich noch nie losgelaufen!“ Und man darf annehmen, dass das hier versammelte Völkchen, das sich den 69km mit gut 3.000 Höhenmetern auf der großen Schleife rund um das obere Illertal stellt, schon den einen oder anderen Lauf in den Beinen hat. Tatsächlich ist es mehr als niederschmetternd, die wahre Intensität der Schüttung im Scheinwerferlicht der Autos, die auf dieser schicksalsträchtigen Kreuzung nach und nach mitleidslos die Läufer in die kalte, nasse Nacht ausspucken, wieder und wieder verdeutlicht zu bekommen. Nieselregen, normaler Regen – da würde ja kein Ultra meckern – aber das!? Alle drängen sich unter das schützende Vordach des Outlets, selbst 5 Minuten vor dem Start steht kein Mensch unter dem Startbanner auf der Straße. OMG, was wird das geben heute!?

Jan und ich sind von den 600m vom Auto (steht am Zielbereich) hierher schon gut durch. Der erste Planungsfehler wird deutlich: Ich habe in der Zieltasche zwar Plastiktüten für die nassen Laufklamotten vorgesehen, aber die (noch) trockenen Zielklamotten nicht auch für diesen weiten Weg bis zur Abgabe am Start wasserdicht verpackt. Nun ja, sie werden ja wohl nicht auf einer Wiese im Regen liegen wie am Rennsteig und die Tasche als Ganzes wird ca. 10 Stunden Zeit haben, wieder anzutrocknen. 

Ansonsten gab es diesmal – ha, think positive! – aber sehr wenige Entscheidungen, von denen manche falsch oder suboptimal hätten sein können, zu fällen: Schuhe – das fetteste, was Du hast (Brooks Cascadia, ergänzt mit Inov8-Gamaschen: bravourös!). Stöcke – das klarste Ja, das es geben kann (auf 4 Beinen hast Du einfach bessere Karten im grundlosen Morast als auf zweien). Regenjacke – (nur ein kleiner Scherz). Wechsel-Shirt und Mütze, Buff, Trinkblase (ja, doch!) und die Vega-Gels (wie immer liebevoll per Nagelschere an den Ecken zuvor "kantengerundet", damit es keine blutigen Finger beim Hantieren oder Löcher in den Taschen gibt) und Organic Food Bars. Hat alles gepasst. Auch die dünne Orthovox-Merino-Unterhose unter die sowieso schon zu enge CompressionsTight. Knie frei, unten CEPs (natürlich in weiss, damit man hinterher auch sieht, was Sache war!)

Startklar bis auf den Besuch des Dixies auf dem (unbeleuchteten) Parkplatz hinter dem Outlet. Lehre 1: Nachts sind alle Dixies dunkel. Lehre 2: Mit offener Tür fällt minimales Restlicht ein und du erkennst immerhin, wo die Schüssel ist. Lehre 3: Wenn Du wirklich cool bist, erinnerst Du Dich selbst in diesem angespannten Moment daran, dass das Handy zur Pflichtausrüstung gehört und eine Taschenlampenfunktion hat. Ich war dann wohl doch nicht cool genug.

Um exakt 5:58h setzt so etwas wie Unruhe ein und erste Läufer nehmen den Kampf mit den Elementen auf und begeben sich hinaus an die Startlinie. Wir 5 (Ex-)Göttinger wünschen uns gegenseitig einen guten Lauf und stehen noch keine 20 sec auf der Strasse, als vorne wohl der Startschuss fällt und sich das Feld in Bewegung setzt. Wir weit hinten in der 2. Hälfte. Sehr gut, damit ist das traditionelle, anfängliche Überpacen wirklich mal ausgeschlossen, denn es geht bald auf schmalere Fußwege und Staubildung setzt ein. Nicht zuletzt wegen des drolligen Versuchs etlicher, nicht mitten in die dicksten Pfützen zu treten. So viel ist mir klar: Damit wird sich heute spätestens nach 30min kein Mensch mehr aufhalten!

Bei km3 geht es los: Vernünftigerweise wird marschiert, und ich erinnere mich an dieser Stelle immer wieder gern an Dennis’ statement vor meiner 1. Teilnahme 2012: „Der APUT ist komplett laufbar!“ Heute ist er dann zufällig neben mir und präzisiert: „Ich habe ja nicht gesagt, in welchem Tempo!“ Lauter Irre hier, er will nächste Woche Sardona laufen und hier heute mal „locker mitjoggen, vielleicht in Oberstdorf raus.“ Jan „hat Sehnenplatte“ und weiss auch noch nicht so recht, wie weit ihn die Füße tragen werden, möchte allerdings sein sturzbedingtes DNF vom Pitztal-TrailManiak abarbeiten. Ich hab’s dagegen leicht: Letzter Lauf weiter als 23k datiert von vor 4 Wochen, dazwischen weitgehend laufbereinigter Familienurlaub, keine Vorbelastung durch irgendwelche Höhenmeter. AUF GEHT’S!!

Es regnet, das erwähnte ich ja schon. Die Kapuze der Pearl Izumi Ultra Barrier ist genial – dicht sowieso, aber sie umschliesst auch das ganze Gesicht nahezu hermetisch und nichts läuft einem in den Kragen. Ein Buff (der einem eh irgendwann nur noch als nasser Lappen um den Hals hängt) erübrigt sich völlig. Das Innenklima bleibt trotz maximalem Dampfdruck (+1000Hm auf den ersten 14k) angenehm. ASFM-grün ist sie auch noch, also volle Punktzahl.


Kurz vorm 1. VP bei km9 offenbart sich dann dennoch der zweite Planungsfehler: Ich hole die Stöcke (Fizan) aus dem Rucksack (Deuter Speedlite 10) und will sie nun doch langsam in Betrieb nehmen. Ich weiss nicht, wann und wo ich sie zuletzt benutzt habe – auf jeden Fall lässt sich bei beiden das mittlere Segment zunächst nicht lösen! Ich Idiot, warum habe ich diese (Trocken!)-Übung nicht zu Hause gemacht? Jetzt, mit nassen, rutschigen, klammen Fingern habe ich kaum Ansatz an dem nur ca. 1cm schmalen Bereich. Mit etwas nur mässig feuchtem Klopapier gelingt es nach mehreren Anläufen dann doch, alles zu lösen und auf die nötige Länge zu bringen. Uff, man darf aber auch gar nichts außer Acht lassen bei so einem Ding! Wie elementar hier ein Material-Versagen hätte werden können, konnte ich zu dieser Zeit, wo wir uns größtenteils noch auf Asphalt oder Schotterwegen befanden, noch gar nicht ahnen.

Bis zum ersten Checkpoint an der Grasgehren-Alm (km19) und noch etwas darüber hinaus war mir die Strecke wie erwähnt bereits vom Marathon 2012 bekannt. Das hat Vor- und Nachteile. Vorteil: Man erinnert sich grob, was kommt, man weiss, dass dieser Lauf seinen Beinamen „Panorama“ absolut zu Recht trägt, auch wenn einem sich dies heute im Nebel zunächst nicht unbedingt erschliesst. Man freut sich, dass man heute nicht in Staubschwaden gehüllt in diesem herrlichen Talschluss östlich des Riedberger Horns über Kühe steigen muss, die auf dem Weg liegen, und dass es nur leicht graupelt und nicht richtig schneit (später sehen wir die Neuschneegrenze bei geschätzten 1900-2000m). Man rafft sich diese exakt 5m zum Laufschritt auf, um von dem tapferen Fotografen, der dort an gleicher Stelle kurz vor dem Übergang hinunter zur Alm, aber diesmal eben im Schlamm hockt, würdevoll verewigt zu werden. Man freut sich auf den wesentlich größeren noch unbekannten Streckenteil. Nachteil: Man hat schon eine Vorzeit für den ersten Abschnitt, und wird daher spätestens bei der ersten Zwischenzeit erfahren, wie langsam man tatsächlich unterwegs ist (der Garmin ist hinter dem engen Bündchen der Regenjacke bisher keines Blickes gewürdigt worden). Doch große Überraschung: Es sind nur ca. 10 Minuten über „wellige“ 19km, die den Unterschied zwischen dem ambitionierten Lauf 2012 und diesem eher teilnahmslosen Dahintrotten 2014 machen! Die 2:23h bis hier lassen sogar nach einschlägigen Vorab-Studien früherer Ergebniislisten eine sub10h gesamt weiterhin im Bereich des Machbaren erscheinen.

Beschwingt und motiviert durch diese Erkenntnis passieren wir (ja, Jan ist zufälligerweise mal wieder um mich rum) die wunderschönen km bis zur Stelle, wo sich bei der Dinigörgen-Alm die Marathon- und die Ultra-Strecke trennen. Zuvor erhalten wir auf den Wiesen bei der Schönberg-Alm einen Eindruck davon, was aus Dauerregen und Kuhfladen unter den Schuhen einiger Dutzend Vorläufer entsteht: Ein knöcheltiefer, grün-brauner Sumpf, der einem nicht nur fast die Schuhe auszieht, sondern einem hin und wieder auch die Stöcke aus der Hand reisst. Ist ja nur noch etwas mehr als ein Marathon, und ein Drittel der Höhenmeter haben wir auch schon! Aber: Es hört jetzt tatsächlich auf zu regnen, von kurzen Rückfällen abgesehen, und hin und wieder erscheint schon eine Bergflanke aus dem allumfassenden nassen Grau.

Auf dem steilen Trail hinunter nach Rohrmoos zeigt sich dann erstmals der Unterschied zwischen mit und ohne Stöcken bei den gegebenen Bedingungen: Ziemlich mühelos überholen wir einige Läufer, die ohne unterwegs sind, und eben sämtliche Reibung auf den glitschigen Steinen, Wurzeln und im allgegenwärtigen Matsch allein über die Fußsohlen erzeugen müssen. Es folgt der einzige (3km)-Abschnitt, der etwas „öde“ daherkommt. Auf Asphalt geht es schnurgerade ostwärts mässig empor. Wir widerstehen der Versuchung, dies so schnell wie möglich hinter uns zu bringen, und wandern meist brav bergauf. Scherz beiseite, zumindest ich merke hier bei km28 bereits deutlich, dass ich nunmehr 3,5h unterwegs bin und haushalten muss, wenn ich finishen will. Auch registriere ich wohl gerade noch rechtzeitig einen leeren Magen und schiebe etwas foodbar in die Backentaschen. Zurück ins Leben holt mich der optimal bestückte VP am Hörnle-Pass. Mit Blick aufs Kleinwalsertal und die bevorstehende markante Steigung am Gegenhang hinauf zum Söllereck geht es verdauungsfreundlich hinunter nach Riezlern, wo wir die atemberaubende Schlucht der Breitach überqueren. Applaus von den Wanderern, die uns entgegenkommen. Kuhglockengeläut und immer wieder aufmunternde Worte.

Ok, hinauf zum Söllereck (km35-40, 1050-1400m), Geduldsübung, Spielchen („wir laufen bis da hinten, wo der Rote jetzt ist“, „ab den Büschen laufen wir wieder“, usw.). Beruhigend ist, dass wir überhaupt nicht überholt werden. Einige Startnummern tanzen seit Stunden um uns rum, wir schwimmen also offenbar gut mit. Oben setzt zum ersten Mal so etwas wie Zuversicht ein: Das Ding ist im Sack (auch wenn uns das dicke Ende bewusst ist). Kurzweilig, schön und teilweise ziemlich anspruchsvoll hinunter über den malerischen Freibergsee auf die Wiesen südlich von Oberstdorf. Die Sonne scheint (!!!). Jacken aus. Wir dampfen. Schade, fast der ganze Dreck ist wieder von den Schuhen ab! Das sollte sich aber wieder grundlegend ändern. Zum ersten Mal einen lockeren Schritt für die Ebene finden und noch die 3k bis zur 2. Zwischenzeit im Ski-Stadion abspulen. Ja, fast genau 6h für diese fast 49k, das müsste nach menschlichem Ermessen (wir wissen allerdings nicht wirklich, wovon wir reden) eine sub10 werden!
Wir gönnen uns 6min „Pause“ für etwas Weizen, Salzbrot, SMS („alles ok“) an die Fans am Ziel. Als wir weiter wollen, kommt Dennis rein und ist wie wir erneut erstaunt darüber, wie wenig Unterschied „Vollgas“ und „locker laufen lassen“ machen. Auch bis hier nur wenige Minuten. Er will bis zum Ziel „nur noch gehen“ und sich heute „nicht zerschießen“ (und kommt dann 8min nach uns rein …). Weiter. Wir sind im Marschschritt doppelt so schnell wie die Wanderer, die wahrscheinlich 50k weniger in den Beinen haben. Zu viel Adrenalin, ganz klar. Das Stück Oberstdorf – Gaisalpe erinnere ich noch (gegen die Laufrichtung) von meiner post-marathonischen Nebelhornbesteigung 2012 am Tag nach dem Lauf. Also erst hinter der Gaisalpe wieder echtes Neuland. Aber hier ist jetzt endlich APUT-Time: Panorama unter blau-weißem Himmel mit Blick auf die gesamte bereits abgespulte Runde. Geniale Landschaft! Aber immer noch erzählt uns Jan’s Ambit etwas von noch fehlenden 500hm!

Dann die psychologisch wichtige und menschlich sehr herzlich besetzte Station an der Entschenalp (1350m) vor dem Schlussanstieg auf den Sonnenkopf (1712m). Wir bekommen zum lecker Kräuterbrot 0,5l-Cola-Flaschen mit auf den Weg. Aschu darf tragen (weil er hat ja einen Rucksack, in den auch was reinpasst). Nervositäts-Pinkeln direkt vor dem „Einstieg“. Mein erstes Mal heute (seit dem Start), aber immerhin. Die rötliche Färbung kann ich auch schnell wieder zuordnen: Kein Blut, sondern 0,5l Rote Beete-Saft heute morgen, angeblich 16% Leistungssteigerung (EPO bringt nur 7%).

Was jetzt kommt, ist für mich neu: Volle 33min ohne einen einzigen Zwischenstopp für exakt 1.5k, bis wir endlich an diesem verdammten Gipfelkreuz stehen und unseren nicht gebrauchten Cola-Ballast an die dankbaren Nachfolger weiterreichen können. Rechnerisch irgendwas bei 23% Durchschnittssteigung. Steil ist schön und gut, Matsch ist schön und gut, aber steil und Matsch (und wir reden hier von: MATSCH!) nach knapp 60k können grenzwertig sein. Wie das unser dortiger temporärer Begleiter auf Straßen-Slicks ohne Stöcke gemacht hat, bleibt für mich ein Rätsel.

Ich habe keine (benutzbaren) Oberschenkel mehr. Die Aussicht auf 1000hm downhill über 8k (man sieht tatsächlich das Ziel von hier oben!) lässt mich etwas erschaudern – zu Recht, wie sich schnell zeigt. Jan könnte flitzen, aber er will nicht. Ich will, aber ich kann nicht. Es ärgert mich, dass uns dadurch gerade hier auf diesem „einfachen“ Teil zum ersten Mal einige Leute überholen. Und plötzlich stehen da unsere Ladies am Wegesrand, 4k vor dem Ziel. Beide sind heute auch schon gelaufen, allerdings nicht zusammen. Ich hatte unterwegs mit dem Gedanken gespielt, dass das passieren könnte und dass es nett wäre. Ist es jetzt auch, aber ich kann der Freude keinerlei Ausdruck verleihen und muss mich bei jedem Schritt vollständig auf die Kontrolle meiner Schmerzen konzentrieren. Luft zum Reden hab ich eh nicht. Sie werden es verstehen. Endlich eine Passage mit für mich optimalem Gefälle, wo ich ansatzweise rund laufen kann. Pace noch mal 5:00. Wunderschön der vorletzte Kilometer an einem Bach entlang, bis unmittelbar vor dem Ziel ist man umgeben von echter Landschaft. Dann bei geöffneter Schranke über die Schienen und ins Ziel, persönliche Gratulation vom Race Director, Umarmung mit Jan, der letztlich mehr als verdient vor mir in der Ergebnisliste erscheint. Mensch, schon wieder so ein Ding!

Die Ausrüstung hat gestimmt, die Ernährung hat gestimmt, die Taktik hat gestimmt. Alles gut. Nie zuvor habe ich an einem Tag mehr Höhenmeter gemacht, egal ob Wandern und/oder Laufen (es sind wohl gut 3.100). Das erste Weizen, das zweite Weizen. Ich sitze in der Sonne (!!), mehr ist momentan nicht drin. Sanna holt meinen Zielbeutel, Maren holt mein Steinmanderl. Jan holt Pommes. Sanna schwärmt uns vom Sole-Bad vor, das sie nach ihrem 4. Platz im HM genossen hat. Aber Jan und ich brauchen/können das jetzt nicht. Nach Hause, duschen, essen, Feierabend!“ Spricht ja auch nichts dagegen, zwar ist um 17.30 Siegerehrung, aber was wollen wir da? AK-Podium? Niemals! Doch nicht bei einem Berglauf.

Man lernt nie aus.

Montag, 14. Juli 2014

Auch wer im Kreis läuft, kann weiterkommen*



* diesen schönen Titel habe ich hier gefunden

2. Anstaltsmarathon der JVA Rosdorf 12. Juli 2014
Lange Zeit (sofern diese Wortwahl in Bezug auf die Dauer meiner vergleichsweise doch noch recht überschaubaren Marathon-Karriere, die sich momentan im 8. Jahr bewegt, überhaupt angemessen bzw. zulässig ist) war ein Mehr-Runden-Kurs beim Marathon für mich ein striktes Tabu. Und das logischerweise nicht aus bereits gemachten Negativ-Erfahrungen, sondern eben einfach aus Prinzip. Und so was ist ja immer schlecht.

Erstmals gebrochen habe ich das Tabu beim Zeiler Waldmarathon 2010, der das zweimalige Durchlaufen einer Halbmarathonschleife vorsieht. Ich habe es ohne Komplikationen überlebt, und erinnere mich noch dunkel daran, dass ich auch schon damals einen gewissen Reiz darin empfand, den Verlauf, die Eindrücke und Gefühle dieser zwei Varianten des vermeintlich Selben zu vergleichen und zu versuchen, die faktischen und gefühlten Unterschiede irgendwie zu erklären.

Gesteigert wurde dieser Wagemut dann beim Sondershausener Untertage-Marathon, der 2011 über 8 Runden führte. Ich stellte fest, dass jede einzelne Runde „ihr“ eigenes Thema und damit neben den Kilometern, die sie lieferte, auch ihre eigene Bedeutung hatte. … 1. Kennenlernen der Strecke (es gab ja z.B. mangels GPS-Einsetzbarkeit vorab kein Höhenprofil) 2. Überprüfen, ob man sich alles einigermaßen korrekt gemerkt hatte 3. Irrtümer korrigieren usw. 

Die nächste substanzielle Weiterentwicklung liegt dann in der Absolvierung eines Marathons mit einer Rundenlänge von ca. 1km, so dass ca. 40 Runden erforderlich werden. Wie geht denn so was? Gar nicht so schwer, und interessanter als vermutet! Vor allem dann, wenn das Setting „natürlich“ ist, die kurze Rundenlänge sich quasi notwendigerweise von allein ergibt – wie in einem Gefängnis, wo bereits der Umfang der Außenmauern die theoretisch maximal möglich Rundenlänge definiert (und nicht die Böswilligkeit eines Veranstalters o.Ä.). Bei Knast-Marathons in Oldenburg letzten Herbst und jetzt direkt vor der Haustür in Rosdorf bekam ich die Gelegenheit, es auszuprobieren. Dass ich nach Oldenburg überhaupt ein zweites Mal am Start stand, lag dabei nicht nur in der kurzen Anreise begründet.

Die sich ergebenden Vorteile eines Multi-Rundenlaufs liegen teilweise auf der Hand, teilweise erschließen sie sich aber auch erst durch’s tatsächliche Laufen: Es gibt jeden Kilometer einen VP, wodurch sich das Mitführen von Trinkfläschchen oder Geltüten erübrigt. Man kann ggf. jeden Kilometer das Equipment anpassen (Jacke an/aus, Schuhe wechseln, Mütze, Handschuhe). Man kann jede Runde auf’s Klo. Es gibt (ziemlich bald) keine Überraschungen mehr, was die Streckenführung angeht (Untergrund, Steigungen). Es gibt quasi unbegrenzt viele Foto-Punkte für die Fotographen. Man bleibt (fast) über die Gesamtdauer der Veranstaltung mit allen Teilnehmern zusammen: Entweder man überrundet oder man wird überrundet, auf jeden Fall sollte man am Ende wirklich alle Teilnehmer mehrfach gesehen haben. 

Aber sonst – ist das nicht dann doch irgendwann langweilig? Ich tendiere hier stark zu: ganz im Gegenteil! Es gibt ungeahnt viele Aspekte des Rundenlaufens, auf die man vorab vielleicht nicht kommt, die sich dann aber unterwegs ganz von selbst in die Wahrnehmung schieben: Ist es Zufall, dass ich in jeder Runde diesen Gullydeckel mit dem linken Fuß erwische? Die Pfütze in dieser einen Kurve, die wird ja offenbar von Runde zu Runde kleiner, oh, jetzt ist sie ganz weg! Der Trampelpfad im Gras neben der gemulchten Finn-Bahn, der war doch am Anfang noch nicht da? Kann ich es wagen, in der Linkskurve noch enger um den Pfosten des Tores herumzulaufen, ohne zu riskieren, mir meine Schulter anzuhauen? Oh, jetzt hat die Besetzung des Wachpostens am zweiten VW-Bus gewechselt! Wo befindet sich mein "Konkurrent" (lat. =‚zusammenlaufen‘) diesmal, wenn ich an dem einen bestimmten Punkt bin, von dem aus man die Hälfte der Runde überblicken kann? (Man, läuft der gleichmässig!). Du kommst eben einfach an jedem Streckenpunkt nicht wie sonst nur einmal, sondern x-Mal vorbei, kannst beim ersten Mal nach rechts (die Mauer), beim zweiten Mal nach links (die Zellenhäuser), beim dritten Mal nach oben (die Stacheldrahtrollen) schauen, und dann wieder von vorn, denn die wandernden Schatten verändern alles ständig.

Es kann tatsächlich passieren, dass man über diese epochalen Beobachtungen alles vergisst und plötzlich ist man in Runde 29 und es sind nur noch 9 to go. Das macht es wirklich einfach! Allerdings – ist der Gedanke „nur noch x Runden“ erst einmal gedacht, wird es doch noch gewohnt hart, das Marathon-Ziel zu erreichen. Es wäre ja so einfach und bequem, einfach aufzuhören, ohne aufwändigen Rücktransport bei einem DNF!

Hier hilft der besondere Hintergrund des Laufes. Es geht ja nicht primär darum, dass irgendwelche Lauf-Verrückten eine weitere Möglichkeit bekommen, einen "neuen" Marathon auf ihre Liste setzen zu können. Es geht vor allem darum, dass wenige, sozusagen handverlesene Häftlinge sich nach einer gewissen Trainingsphase einer Wettkampfsituation stellen können, bei der sie nicht wie sonst auf ihre noch kürzere Sportplatz-Trainingsrunde und mit den immer gleichen Gesichtern beschränkt bleiben, sondern in einem größeren Teilnehmerfeld durch sonst verschlossene Zwischentore unterwegs sein können und prüfen oder erfahren können, wie weit ihre Leistungs- und Leidensfähigkeit schon gereift ist. Vor diesem Hintergrund ist es Ehrensache, dass ich durchhalte und durchlaufe, obwohl es vermeintlich um nichts geht. Tatsächlich geht es hier für Einige um mehr als irgendwo sonst.

Wer im Kreis läuft, kann weiterkommen. Mit Sicherheit gilt das im Sonderfall eines Knast-Marathons für alle Beteiligten, unabhängig davon, auf welcher Seite der Mauer sie gerade leben. Es hat mich gefreut, dass Einige, die ich in Oldenburg kennengelernt hatte, jetzt wieder dabei waren. Teilweise haben sie inzwischen "die Seiten" gewechselt (und das ausschließlich in der anzustrebenden Richtung).


Montag, 7. Juli 2014

Vergiss Biel



Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist natürlich mit dieser Überschrift nicht gemeint: „Biel kann man (als 100km-Lauf) vergessen!“ Nein, dieser Text ist wieder mal rein ego-zentrisch, und somit ist dieser Leitsatz (zunächst!) als Aufruf an mich selbst gedacht: „Vergiss Biel!“ (und dein dortiges zweites DNF beim 4. Versuch). Inwieweit weitere Deutungsmöglichkeiten hinzukommen, werden wir im Laufe des Textes sehen…

Wie macht man ein 100k-DNF vergessen? Indem man einen 100k-Lauf finisht, das ist nahe liegend. Nicht unbedingt nahe liegend mag sein, dass man diesen nächsten 100k-Lauf auf die Minute genau 3 Wochen nach dem Rennausstieg zeitgleich morgens um 04:00 beginnt und ihn damit auch unter diesem Aspekt in gewisser Weise fortsetzt bzw. zu Ende bringt. Das geht wohl definitiv nur in der gewählten Kombination Biel / thüringenUltra. Mit „fortsetzen“ kann dabei nur die gedankliche Ebene gemeint sein, denn was haben Biel und tU gemeinsam außer der Distanz? Nicht viel! Startgeld, Teilnehmerzahl, Höhenmeter, Sprache – alles klafft doch deutlich auseinander. Aber was wären wir ohne diesen Strauß an Möglichkeiten!

Bei der Anfahrt an Eisenach vorbei grüßt der anlässlich des Rennsteig-Ultra von mir leicht hassgeliebte Inselsberg, und ich bin froh, morgen nicht über ihn, sondern nur um ihn herum laufen zu müssen. Die Abfahrt Waltershausen ist schnell erreicht, und tatsächlich finde ich meinen Weg durch diese unglaubliche Zone aus McDoof, Baumärkten, Speditionen und Betrieben aller Art und bin beruhigt, dass sie wenigstens das nette Dörfchen Fröttstädt nicht gleich auch noch mit solch einer Mega-Halle überbaut haben.
Schon vom Auto aus erkenne ich die auf den Asphalt gesprühten gelben U-Symbole für die Laufroute und habe so kein Problem, die Lokalität Dorfgemeinschaftshaus / Sportplatz zu finden. Selbst zu dieser frühen Stunde (15.30) sind bereits motivierte Einweiser vor Ort und so stehe ich schnell auf einer traumhaften, sattgrünen Wiese zwischen Apfelbäumen, 50m vom Ziel-Banner entfernt, und kann mir sogar noch einen geeigneten Platz aussuchen. Geeignet heisst heute – Schatten muss her, denn es sind 29°C und der Himmel ist fast wolkenlos. Gut, dass wir erst morgen laufen, wo „nur“ 24° und ein paar Gewitter angesagt sind.

Kaum habe ich mit dem Zeltaufbau begonnen, steht auch schon der race director himself neben mir und begrüßt mich. Ja, eigentlich wollte ich hier schon seit Jahren starten, aber der Termin fiel oft in die Ferien und da war es urlaubsfamilientechnisch immer schwierig. Dann erscheint der allseits bekannte und beliebte Ultra-Texaner mit dem schwäbischen Akzent auf der Szene. Wir haben Großes für morgen vor – ich jedenfalls, denn ich will mindestens bis zum 1. Checkpoint bei ihm bleiben, um die Gefahr des Überpacens zu minimieren (und mal „in Ruhe“ mit ihm zu quatschen). André hat hier schon 5mal gefinisht und dabei immer sehr konstant ein Zeitfenster von etwas über 12 Stunden getroffen. Angesichts der knapp 2.300 Höhenmeter und der meist herrschenden hohen Temperaturen auch für mich eine Zeit, die einen passenden Rahmen darstellen könnte. Vergiss Biel – meine 9.30er-Zeiten von dort sind hier garantiert nichts wert bzw. unerheblich (ok, surprise, surprise, vergiss auch diesen Plan – immerhin: die ersten 5k sind wir zusammengelaufen, und das in der selben AK, was nur alle 5 Jahre möglich ist).

Nach dem Abholen der Startunterlagen (der Astra bekommt endlich mal wieder einen neuen Aufkleber!) trinken wir unser erstes bleifreies Weizen unter diesem reizenden Freisitz, der wie gemacht für dieses Wetter ist. Urlaub pur, sozusagen. Was André eigentlich (konkret) beruflich mache, frage ich ihn, ohne zu ahnen, dass die uns beide nicht sehr erhellende Antwort „operations“ (jetzt nicht im medizi­nischen Sinne zu verstehen) ihn angeblich während des gesamten Laufs beschäftigen sollte und er im Laktat-Rausch dann doch noch eine zumindest ihn befriedigende Übersetzung fin­den wird. Wenn man bei einem 100k-Lauf sonst keine Probleme hat – herzlichen Glückwunsch!

In der Garage eines neuen Anbaus gibt es später das an diesem Tag natürlich unvermeidliche public viewing, es ist immerhin Viertelfinale! Ich weiss nicht, wann sich die ersten dort ihre Sitz- (und Sicht!-) Plätze gesichert haben: Um kurz vor Anpfiff hat man jedenfalls keine Chance mehr und eigentlich muss ich mich ja eh auf andere Sachen konzentrieren. Drop Bag? Ja / nein / wie viele / wohin / Inhalt? Rucksack ja / nein? Welche Schuhe? Das ist der Nachteil der Auto-Anreise – man drückt sich vor Entscheidungen zu Hause und die Karre ist dann einfach zu voll mit Optionen. Letztlich nehme ich den Rucksack mit 1,5l-Blase mit (Gott sei Dank, sag ich nur im Nachhinein …), u.a. weil da alle Gels und auch ein Regenjäckchen reinpassen. Auf 700m NN ist bei Gewitter der Sommer ganz schnell vorbei, machen wir uns da nichts vor! Die Pure Grit II gehören zur Start-Formation (und tuen ihren Dienst dann ganz passabel und außer einer winzigen Blase gibt es keinerlei "bleibende" Spuren), die Pure Flow kommen zum Einwechseln in den (einzigen) Dropbag für km54 (2. checkpoint). Natürlich hab ich die Schuhe dann doch nicht getauscht, obwohl zumindest das Ausziehen der Treter allein wg. diverser Steinchen (Gamaschen? Vergessen!!!) angesagt gewesen wäre – aber man kennt das ja: Nach dieser Distanz mach ich keine überflüssige Bewegung mehr, und die Doppelschleife krieg ich da schon mal gar nicht mehr auf mit den unbeweglichen Fingern.

Nachdem ich dann mit leichtem Groll mein Zelt um 180° gedreht habe, um nicht über die Motorhaube eines später angekommenen Mitstreiters in meinen Eingang klettern zu müssen, ist wohl alles perfekt vorbereitet, der Wecker natürlich völlig überflüssigerweise auf 03:00 gestellt und alles klar für eine milde (selbst der dünne pro-forma-Schlafsack ist noch zu warm), ruhige (Schade, dass die Autobahn auch nachts auf hat) und entspannte (hahaha) Nacht. Unglaublich, aber wahr: gegen 1 Uhr werde ich von – Regentropfen! – geweckt, die auf’s Zelt prasseln. Gut – „prasseln“ ist etwas übertrieben, aber es regnet auf jeden Fall für ca. 1h, und ich erinnere mich an den Elm-Lauf, wo alle Wetter-Portale einig waren, dass es im Vorfeld trocken bleiben würde, und wir dann auf einer gleichfalls lieblichen, aber trotzdem klitschnassen Wiese saßen. Nun, so schlimm wurde es hier nicht, und da man einmal wach war, konnte man auch aufstehen, die Schlafzeit betrug geschätze 2 Stunden. Das Auto-Thermometer sagt 17.5°, und das ist doch mal ein Wort, morgens um drei. Kein Problem, sich mitten in der Nacht gleich lauffertig anzuziehen und dabei nicht zu frieren.

Erst jetzt morgens vor dem Start erhält man seinen frisch auf die Startnummer kodierten Zeitmess-Chip, der – Novum! – am Handgelenk zu tragen ist und ab und zu (grün) vor sich hinblinkt, was ich als Zeichen verstehe, dass er noch lebt. Die Zeitmess-Firma SportIdent erscheint mir, nicht zuletzt wegen der umfassenden Auswertungsmöglichkeiten im Nachgang, als sehr professionell (übrigens genau wie DataSport in Biel!). Es folgt eine launige Ansprache der Orga und schon schlurfen wir Richtung Start-Banner. Der Himmel zeigt zwar bereits Spuren von Dämmerung, aber am Boden ist noch schwarze Nacht. Das wird aber schnell vorbei sein und die ersten 5km gehen noch über einfache Wege durch die Prärie, sodass sich Stirnlampen erübrigen. Nur Texaner tragen eine, sogar über die Gesamtdistanz.

Der 8. thüringenUltra (mein 1.) hat begonnen! Es gibt kein Zurück mehr und nur diese eine, einfach, aber brutale Option: Finishen! Vergiss Biel – die Erklärungen (Nachtlauf gegen die Körperrhythmen und -funktionen) ziehen hier alle nicht! Klar, um 04:00 bin ich auch noch nie losgelaufen, aber da stehen andere Leute jeden Tag auf. Zeit egal, denn (und das macht Erst-Läufe so angenehm): es wird auf jeden Fall die Lauf-PB. Und wenn da die Latte nicht ganz so hoch gelegt wird, wird es beim nächsten Mal einfacher, eine neue Marke zu setzen (und das ist bei mir eigentlich immer Pflicht, Ausnahme: BC). 

Ein bisschen mulmig wird mir schon, weil der Toilettengang vor dem Start „nicht nötig“ war und es nach einigen km anfängt, in den Gedärmen zu rumpeln und zu poltern. Nicht schon wieder! Ich bin wach genug, mich an so etwas wie Bauch-Atmung zu erinnern und sie auf entspannenden Bergab-Passagen zu praktizieren. Dies führt letztlich zum Erfolg bei km16.

Ok, was gibt es zur Strecke generell zu sagen? Sie ist (erstaunlich genau) 100km lang. Und sie ist ultra-abwechslungsreich. Prärie, Laubwald, Nadelwald, (wenige) Dörfchen, Wiesen, Felder, lila Fingerhüte, weiße Fingerhüte, Teiche, Stauseen, Industriezone, Asphalt, Forststraßen (glatte und grobschottrige, nach links hängende, nach rechts hängende), Wanderwege, Trails, einige km (jetzt aspaltierte) Bahnstrecke mit (herrlich kühlem) Tunnel, bergauf, bergab, wenig ebene Abschnitte, 2mal über die Kammlinie des Thüringer Waldes bei ca. 750m NN. Ich hab mich definitiv nicht gelangweilt in den 11 Stunden – super! Der Rennsteig hat dagegen seine Längen, in Biel sieht man notgedrungen nicht so viel.  Und dann die VPs. Ja, es gehört ja fast zum guten Ton, diese bzw. die Menschen, die sie eigentlich ausmachen, bei den meisten Läufen hervorzuheben. Ist ja auch in Ordnung. Manchmal gibt es trotzdem noch Steigerungen. Wenn man unaufgefordert bei km80+ mit einer Gießkanne beträufelt wird und überall Melone, Gurke, Tomate und bleifreies Bier (meine lebensrettende Entdeckung des Tages!) bereitstehen, ja, dann vergebe ich gerne die Maximalpunktzahl (aber die hab ich wie gesagt schon oft vergeben). Will nur heißen: PERFEKT! Wie der ganze Lauf. Drop bags, Wertsachenauf­bewahrung, Übernachtung, Soforturkunde - noch dazu auf einem Papier, das der Leistung der Teilnehmer und der Orga gerecht wird: fett!, Versorgung vor und nach dem Lauf (ok, hier ist der vegetarische Anteil noch ausbaufähig). Dann die Markierung, bei solch einem Trip sicher nicht ganz unerheblich: einfach sensationell! Ich habe mir unterwegs immer vorgestellt, wie das Team die geeigneten Stellen/Steinplatten/Baumstümpfe/Abflussrinnen ausgesucht, ggf. liebevoll von Staub befreit und dann bepinselt hat. GPS-Track komplett überflüssig. Ich bin versucht zu sagen, man sollte Didi dort mal ohne Guide laufen lassen (sorry, ihr wisst, was ich meine).

Details? – Nicht viele, irgendwie ist alles eine Wolke. Obwohl ich den Grundverlauf der Strecke vorher oft studiert habe, hab ich unterwegs teilweise die Orientierung (was war schon, was kommt noch) verloren und wunderte mich abschnittsweise über die Position der Sonne. 11 Stunden sind so lang, man sieht so viel, der Speicher reicht nicht. Da war der mit Lautsprecheranlage bewaffnete Posten bei km21 am Ortsrand von Ruhla, der kurz nach 6 Uhr morgens dem noch schlafenden Talkessel verkündete, welche Größen des Ultra-Laufsports gerade diesen denkwürdigen Ort passierten. Das stundenlange Jojo-Spiel mit den Fahrradbegleitern, bergauf überholt man sie bei noch über­raschend mässigen Steigungen, sie keuchen oft mehr als man selbst, bergab schießen sie an dir vorbei und du bist neidisch, weil sie sich etwas ausruhen können. Dennoch wissen auch sie am Ende des Tages mit Sicherheit, was sie getan haben. Die Kontrollblicke auf die Startnummern der mich überholenden Läufer, wobei es sich beruhigenderweise in der Mehrzahl um eine Stunde später gestartete Staffelteilnehmer handelte, die sich nicht selten sogar dafür entschuldigten, vorbeiziehen zu müssen. Da waren die langen Passagen auf frischem Grobschotter, wo man besser doch auf den Weg guckt, obwohl der im Prinzip einfach ist. Wann werden endlich Schuhe erfunden, die die seitliche Längsneigung der Forststraßen durch keilförmige Sohlenquerschnitte ausgleichen? Ok, man müsste sich im Vorfeld für "linker" oder "rechter" Rand entscheiden, vllt. doch nicht so praktikabel. Ein paar Bekannte hab ich überholt (das brennt sich halt ein, wenn man damit nicht rechnet, siehe Elm-Trail). Superschön – halt einfach "schön" - war die Landschaft und die Ausblicke bei km15, zwischen km32 und 36 (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Die Bahnstrecke runter nach Floh-Seligenstadt war im wahrsten Sinne des Wortes die Härte, der Rück-Aufstieg zur Ebertswiese nicht so schlimm wie erwartet, der Wiesen-Trail hinunter nach Tambach sagenhaft. Warum sind die Bergab-Abschnitte immer so kurz und steil, dass man sie kaum laufen kann (km79) und sie kaum Erholung oder Zeitgutmachen ermöglichen?

Aber dann kam der Abschnitt ab km85. Der war anders – und ich werde ihn so schnell nicht vergessen! Da muss ich schon etwas genauer drauf eingehen. Laut Veranstalter gibt es 17 VPs. Richtig müsste es heißen: „Mindestens“ 17 VPs. Denn auf einmal stehen teilweise alle 50m auf kleinen Tischchen vor den Häusern oder Datschen an den Ortsrändern zumindest Wasserwannen mit Schwamm, oft aber sogar noch diverse Getränke, einmal plätschert sogar eine kühle Gartendusche. In der Mittagsglut oft unbemannte Stationen der Anteilnahme und Liebenswürdigkeit, die ich (jetzt 44 Ultras) so noch nicht erlebt habe. Unbemannt? - Nicht immer. Manchmal lassen es sich die Kinder nicht nehmen, einem den Wasserbecher entgegenzutragen und ahnen dabei vielleicht gar nicht, wie dankbar man ihnen dafür ist. Oder das Rentnerpärchen bei km89 (und wohl ungefähr auch genauso alt), das vor seiner Datsche sitzt und kräftig applaudiert und natürlich auch noch eine kleine Versorgungsstation aufgebaut hat. Es treibt mir spontan das Wasser in die Augen und ich bekomme diesen Kloß im Hals, den ich sonst nur von der Vorab-Visualisierung des Ziel-Durchlaufs kenne und der mir gefährlicherweise für ca. 300m den Atem nimmt. Hinter der nächsten Kurve hat jemand aus (knochentrockenen) Pferdeäpfeln das tU-Markierungssymbol am Wegrand nachgebildet. Ich frage mich, ob es ein wohl Teilnehmer oder ein Spaziergänger war. Dann endet der Thüringer Wald plötzlich und man steht wieder am Rand der Prärie, die es nun erneut zu queren gilt und die ihrem Ruf (heiß, flach, staubig) alle Ehre macht. Der Südwind kommt genau von hinten, und so hat man den Eindruck, die Luft steht. Dann sogar eine Fata Morgana: In der Ferne am Horizont (an dem erfreulicherweise auch schon die überdimensionalen blauen Fabrikhallen vor Fröttstädt zu erkennen sind) taucht im Flimmern ein merkwürdiges Tor auf, das da mitten auf dem Acker steht. Beim Näherkommen wird klar: das ist der berühmte VP 95km, an dem man – so die Lautsprecher­durchsage – die sieben hübschesten Frauen Thüringens umarmen darf. Das möchte ich bei aller Wertschätzung in meinem verklebten Zustand aber keiner zumuten – nur die jüngste (geschätzt 9 Jahre alt) kommt in den zweifelhaften Genuss. Alles was dann bis zum Ziel noch folgt ist ein mittlerer Alptraum, den durchlebt zu haben am Ende wieder etwas Positives hat: Kilometerlange Geraden, menschenleer, durch die Industrie-Zone, der Kampf (?) gegen die tickende Uhr („Wieviel darf ich bei der Reststrecke noch gehen, um noch unter 11 Stunden zu bleiben?“), was - jetzt kommt erst die Autobahn-Unterführung? - der nahende, gefühlte Hitzetod, die Komplett-Krämpfe in den Unterschenkeln, die mich mehrmals zum Stehenbleiben zwingen. Am Ende siegt die Vernunft, für eine 10:59 nicht noch ein richtig böses Ende zu riskieren, und so laufe (!) ich in einer ehrlichen 11:01 – natürlich mit persönlicher Ansage, die durch im Dorf stationierte Vorab-Posten auch dann garantiert wird, wenn man seine Startnummer hinten auf dem Rucksack trägt – ins Ziel. Mein 3. Finish über die 100k, yes! Nach 10 sec. ist mein Chip abgenommen und ich bekomme einen Auswertungsbon in die Hand gedrückt, der mich überraschenderweise als 4. der (wie in letzter Zeit so oft zahlenmässig größten) AK50 ausweist. Ich bin überrascht und zufrieden und nehme die 50m bis zum Zelt in Angriff, ziehe irgendwie die Matte raus und lasse mich in den Schatten fallen. Die nächste halbe Stunde ist geprägt von Versuchen, die Beinmuskulatur zu entspannen, was aber zu immer neuen, teilweise krassen Krämpfen führt. Hoffentlich hat mich niemand beobachtet, wie ich mehrfach wie von der Tarantel gestochen aufspringen muss. Trotzdem: unter dem Strich ein „gutes finish“, mir geht’s gut, ich habe Durst und Appetit und nach einer Stunde spielen auch die Gräten beim Gang zur Dusche (warm!) wieder mit.

Es ist einfach nur herrlich, im himmelblauen 1-Stern-Finisher-Shirt auf der Wiese zu liegen, und die Zieldurchsagen mit den vielen bekannten Namen zu hören. Pünktlich wie ein Maurer kommt nach 12:20h André an, und erzählt mir nach der Gratulation als erstes, dass er die passende Übersetzung für „operations“ gefunden habe. Der tU macht einfach jeden glücklich.

Was geht mir durch den Kopf? Mehr als 100km? Niemals! Nochmal Rennsteig? Nö. Nochmal Biel? Nö. Nächstes Jahr den 2. Stern holen? Muss nicht nächstes Jahr sein, aber bestimmt irgendwann. Auf jeden Fall gehört der tU - nicht allein der Strecke wegen - in meine geheime Liga der besonderen Läufe. Dort gibt es nur 5 Tabellenplätze. Wenn einer aufsteigt, muss einer absteigen, das ist so einfach wie beim Fußball.

Einmal im Leben solltest du nach Fröttstädt.