
Ein wenig Beruhigung und Zuversicht schöpfte ich aus dem Umstand, dass ich zuvor ja den Deutschlandlauf (DL) absolviert haben würde (hüstel ...) und Trainingskilometer also voraussichtlich "automatisch" vorhanden sein würden. Aber im Ernst: Diese beiden Vorhaben in einer Saison - würde das funktionieren können? Motivationstechnisch, physisch? - Und nichts liegt mir normalerweise ferner als Nächte durchzulaufen (nach einem Tag auf der Strasse, gefolgt von einem Tag auf der Strasse; de facto hatte ich das noch nie getan [in Biel startet man ja erst um 22h]), ohne jede Option auf ein kleines Schönheitsschläfchen am Wegesrand wie grundsätzlich bei meinen (wenigen) 24h-Läufen praktiziert. Denn ich würde durchlaufen müssen, die Zeitlimits beim Spartathlon erlauben für einen Otto-Normalverbraucher wie mich nichts anderes.
Geplantes Harakiri also? Eigentlich schon. Nimmt man zu meinen persönlichen Schwächen (nachts lieber zu schlafen, und daher Etappenläufe den Ultra-Ultras vorzuziehen) noch die durchschnittlichen klimatischen Gegebenheiten beim Spartathlon (warm bis heiß, eher schattenlos; 2012: 18% Finisher) hinzu, und schaut auch neben der Streckenlänge (85km weiter als ich jemals zuvor gelaufen war) mal vorsichtig aufs Höhenprofil (z.B. d+ 900m nach exakt 150km, also irgendwann morgens zwischen 2 und 4h = zur absoluten prime time der Inneren Uhr; Gesamtanstieg ca. 3.200m d+), kann eigentlich keine andere Bewertung herauskommen als: das ist Wahnsinn, da habe ich nun wirklich nichts zu suchen. Aber genau das weckt ja immer wieder diese verfluchte Neugier in mir...
Pre Race
Der Deutschlandlauf war inzwischen Geschichte, und ich hatte ihn mit einem blauen Auge (3 Wander-Etappen zum Schluß wegen eines geschwollenen Fußgelenks) und etlichen in der gleichen Farbe colorierten Zehennägeln insgesamt gut und kontrolliert zu Ende gebracht (großer Dank - und eigentlich auch der Pokal! - gebührt dabei Harald, der mich am 31. Mai in letzter Sekunde davon abhielt, wg. Verletzungsproblemen, die seit April aufgetreten waren, abzusagen). Was ich mir aber zugegebenermaßen nicht ausreichend plastisch ausgemalt hatte, waren die körperlichen Auswirkungen, die die 19 ohne Pausentag gelaufenen, im Mittel 70km langen Etappen hervorrufen würden. Die Waage zeigte nach der Rückkehr von der Zugspitze Werte, die entweder auf eine schwache Batterie (in der Waage) oder eben Aufzehrung sämtlicher körperlicher Reserven (in mir) schließen ließen. An Laufen war zunächst überhaupt nicht zu denken, und auch 4 Wochen nach dem Ende des DL (= 4 Wochen vor Sparta) plagten mich noch massive, bis dato unbekannte Malessen, wie z.B. eine in der Brustwirbelsäule ausgelöste nervliche Blockade des Atemzentrums. So entstand die wahnwitzige Situation, dass ich in den 8 Wochen zwischen den beiden Mega-Laufevents meines Lebens summarisch gerade einmal auf die Distanz kam, die es in Griechenland in einem Rutsch zu bewältigen galt. Ein wenig Hoffnung keimte in den letzten Tagen vor der Abreise auf, als ich immerhin mal wieder einen Marathon schmerzfrei durchlaufen konnte. Es war der Berlin-Marathon (nunmehr mein insgesamt 5. dort), exakt 10 Jahre nach meinem ersten Marathon an gleicher Stelle, diesmal allerdings knapp ohne neuen Weltrekord. Ein richtig guter Lauf für mich, mit unterwegs zunehmend aufkommender Lauflust und damit am Ende sogar negativem Split (bei mir sehr selten). Es war mein 198. offizieller Marathon- oder Ultra-Lauf, und der Spartathlon würde die Nr. 199 werden (normal war natürlich dafür die 200 vorgesehen, aber der diesjährige Mauerweglauf, nur eine Woche nach dem Deutschlandlauf, wurde als gescheitertes Experiment nach 32km vorzeitig beendet; gemeldet war ich dafür nur, weil ich mich vor dem DL dazu entschieden hatte). Letztlich gab ich dann aber erst am Abend des Wahlsonntags verabredungsgemäß meinem Supporter Silvio (und mir) grünes Licht: Griechenland, wir kommen (allerdings zu unterschiedlichen Terminen)!
Unumgänglich war es - nicht zum ersten Mal - anläßlich der zu bewältigenden, kaum vor dem geistigen Auge visualisierbaren Aufgabe zunächst, sich ein sehr einfaches Konzept zurecht zu legen, das einen über die Strecke tragen würde. Es musste so einfach sein, dass ich mich auch noch im quasi-Delirium jenseits der 200km oder 30Std daran orientieren würde können:
- Auf keinen Fall durften jemals Gedanken an die Entfernung (wie weit ist es noch?) zugelassen werden.
- Vielmehr wollte ich über die 74 Kontroll- und Versorgungspunkte (VP) (ja, wirklich, es gibt 74 bemannte VPs, an denen man sich - wenn es einem Spaß macht - 74 drop bags hinterlegen lassen kann, und die einen maximalen Abstand von 4,7km, im Mittel von 3,2km haben) nur einen Aspekt verfolgen: "Wieviel Puffer habe ich jetzt an diesem VP auf die cut off-Zeit (und ist es mehr oder weniger als am letzten VP)?"
- Und als darauf aufsetzende Rechenaufgabe: "Ab wann habe ich so viel Polster erarbeitet, dass ich mit 5 km/h oder sogar 4 km/h auch marschierend das Ziel rechtzeitig nach 36 Stunden erreichen kann?" - Zugegeben, die Umsetzung dieser Rechnerei würde schon voraussetzen, dass gerade in einem späteren Stadium des Rennens noch nicht alle Proteine aus meinem Gehirn zum muskulären Ersatzdienst abgezogen sein würden. Aber ich hatte ja auch noch Silvio! -
- Flankierend zu diesen eher technischen Aspekten wollte ich mich damit über Wasser halten, dass ich den Anlass des ursprünglichen, historischen Laufs des Pheidippides 490 v.Chr. - schnellstmöglich eine Botschaft zu überbringen - innerlich nachempfinden wollte. Ich gab mir also die Aufgabe - nein: den Befehl! - nach 36 Stunden in Sparta zu sein, um der Welt die mangels angreifender Perser evtl. etwas einfältige Meldung machen zu können, dass ich in 36 Stunden von Athen nach Sparta gelaufen sei (und noch lebe). Und erwartete danach auch keinen Eintrag im Geschichtsbuch, sondern maximal in den Annalen der DUV. Nichts anderes als Finishen würde je im Fokus stehen.
Race Days -3

Das erste mittlere Abenteuer stellt bereits die Busfahrt im X96 vom Flughafen zum Hotel in Glyfada, südöstlich des Stadtzentrums unmittelbar am Meer gelegen, dar. Das "X" in der Linienbezeichnung steht wohl für Express, und das nimmt der Fahrer (Zigarette, Handy) wörtlich und donnert mit seinem klapprigen Gelenkbus mit 80 bis 90km/h durch die 50er-Zonen, umkurvt geschickt die lahmen PKWs, und macht keinerlei Anstalten, jemals irgendwo zu halten. Wären wir nicht zuvor durch Ralf, den Spartathlon-Zentralkontaktmann und -Koordinator der DUV, mit ausführlichen, bebilderten Anfahrtbeschreibungen ausgestattet worden, wir hätten keine Ahnung gehabt, wann wir wo den Halteknopf hätten drücken sollen, man ist ja eher Analphabet hier in diesem Land. Wir - das sind 3 bis 5 Spartathleten, untrüglich erkennbar am ausgemergelten Gesicht und den unvermeidbaren Hokas an den Füßen - die allein in diesem Bus aufeinandergetroffen sind. Beim Check-In im Hotel Palace, dem diesjährigen deutschen Mannschaftsquartier, das wir tatsächlich punktgenau treffen, werde ich, bevor ich ein Wort sagen kann, lächelnd mit den Worten begrüßt: "You must be Mr. Schulze!" - "???" - "I studied your Spartathlon profiles!" In mir entsteht eine Vorahnung, welchen Status der Lauf hier offenbar tatsächlich einnimmt und was da noch alles auf uns zukommen dürfte. Die gute Dame hat also ihre Reservierungslisten mit den Teilnehmerlisten abgeglichen und sich die Fotos eingeprägt. Bin ich schon jetzt berühmt? Irgendwie kommt es mir so vor. Ab jetzt trage ich - entgegen allen Aberglaubens - meist das "Spartathlon Team Germany"-Shirt.
Ich teile das Zimmer mit Bernhard, der noch einen Tag früher angereist ist und schon zweimal teilgenommen hat. Schnell einigen wir uns auf Nichtbenutzen der Klimaanlage (viel zu gefährlich!), nicht zu Schnarchen und Stoßlüften während der Nacht. Denn obwohl das Zimmer zur Meerseite geht, ist es doch recht laut, einerseits durch die alle paar Minuten unten verkehrende Straßenbahn (nette Trasse: ein grünes Band aus dauerbewässertem Gras zieht sich durch die sonst braune Landschaft, wohl ein reliktisches Projekt aus glorreicheren modernen Olympiade-Zeiten; ansonsten liegt das verfallende Segel-Zentrum gleich hinter dem Hotel recht trostlos da), andererseits durch die nonstop Musikberieselung unten am hoteleigenen Pool, in den man hier aus dem 5. Stock irgendwie gerne einmal springen würde. Bernhard ist etwas aufgelöst, denn sein Koffer weilt noch in Amsterdam, und er hat Sorge, dass seine Ausrüstung rechtzeitig zur Verfügung stehen wird. Vielleicht fliegt er nächstes Mal doch von Frankfurt aus direkt nach Athen? Soll ja möglich sein.
Beim Abendessen sind schon etliche der insgesamt ca. 30 deutschen Starterinnen und Starter versammelt und ich sehe immerhin 2 Gesichter vom Deutschlandlauf wieder. Ansonsten kenne ich aber sowohl von den Namen her als auch von Angesicht zu Angesicht nur wenige, was meiner Befürchtung Nahrung gibt, hier auf der gänzlich falschen Veranstaltung zu sein. Die scheinen alle in einer anderen Liga zu laufen und ich halte lieber die Klappe bzgl. meiner Wochenkilometer, 100Meiler, 24h Läufe etc. Kaum einer wird da weniger zu vermelden haben. Ich kümmere mich lieber ums wirklich gute Buffet, das auch für Vegetarier ausreichend Komponenten anbietet. Die sonnengereiften Tomaten sind der absolute Hit, wie überhaupt alles Obst und Gemüse, das wohl auschließlich direkt aus der Region stammen dürfte.
Race Days -2
Der heutige Hauptprogrammpunkt ist natürlich das Entgegennehmen der Startunterlagen, also das Check-In. Das passiert ca. 300m entfernt in einem anderen Hotel. Es gibt 2 Startnummern, einen Zeitnahme-Chip, Teilnehmerausweise, Ausweise und Schilder für den Supporter und sein Fahrzeug (es gibt sehr dedizierte Regeln für den Support, dazu später mehr), Starter-Shirt, und etliche Bögen mit Aufklebern für die Drop Bags, die man ggf. zu den VPs schicken lassen will. Die müssen morgen abgegeben werden. Es gibt allerdings keine Taschen oder Tüten dafür, die muss man selbst organisieren (die Profis packen die natürlich bereits zu Hause, sehe ich später). So verbringe ich den Nachmittag mit einem Gang ins Zentrum von Glyfada, um (möglichst auffällige) Abfallbeutel und einige Ergänzungen zu den mitgebrachten Gels und Riegeln zu kaufen. Die Hauptaufgabe besteht aber darin, sich zu entscheiden, an welche VPs man überhaupt Beutel schicken will und was da jeweils drin ist. Und natürlich auch irgendwo zu dokumentieren, an welchen der 74 VPs man nach einem Beutel suchen muss. Ich entscheide mich, dies auf der Rückseite der Startnummer zu notieren.
Die Rückseite der Startnummer mit etlichen Zusatz-Informationen |

Race Days -1
Hauptprogrammpunkt: Nicht mehr so viel bewegen. Mittags drop bags abgeben. Danach hinlegen und auf die Ankunft von Silvio warten. Er würde alles, was ich potentiell unterwegs brauchen könnte, z.B. Wechselsachen und -schuhe, übernehmen. Er übernachtet im Zentrum von Athen, und wir hatten ausgemacht, dass er nicht zum Start, sondern erst zum ersten offiziellen Supporter-VP nach 42km in Megara kommen würde. Bis dahin wollte ich ihn per SMS über meine jeweilige Position auf dem Laufenden halten.


Race Day 1, Freitag 29.09., 07:00 - 23:59
Es konnte nicht falsch sein, exakt in der Ausrüstung zu starten, in der ich auch mindestens 15 Tage beim Deutschlandlauf komplikationslos unterwegs gewesen war. Das blaue NYC Marathon Ärmellose, die alte unzerstörbare Salomon Tight (ohne Unterbüx drunter), das noch ältere Pearl Izumi Stirnband (das früher mal weiß war), das Limmer-Triathlon Cap, das deutschlandfarbene Wristband, die Nathan-Handflasche (selbst bei dieser Witterung und VP-Dichte keineswegs überflüssig!). Nur an den Füßen (wohl nicht so entscheidend bei einem 246km Läufchen) erlaubte ich mir entgegen allen Regeln und wider jegliche Vernunft ein kleines Experiment: Die Hokas kamen dran (beim DL gar nicht erst dabei gehabt, weil immer irgendwie komisch gewesen bei den Trainingsläufen). Bisher maximal (mit vielen Blasen) 80km am Stück getragen. Dazu die doppellagigen Wright Socks vom DL, irgendwie auch zu dick. Aber es war eben eine Intuition, und der sollte man folgen. - Sicherheitshalber stecke ich mir doch noch ein Paar Falke RU4-Socken in den Hosenbund, immerhin muss ich mindestens einen Marathon laufen, bis ich beim ersten Treffen mit Silvio Zugriff auf die Wechselsachen bekomme. Für alle Fälle habe ich auch die dünne ToniMara Windjacke dabei, wirklich Sommer soll es ja weder heute noch morgen werden.
![]() |
Team Deutschland (teilweise), Akropolis, km0, Fr06Uhr55 |
Es geht endlich los, tatsächlich! Bei so einer Großveranstaltung, auf die man Monate hingelebt (und gezittert) hat, immer wieder ein irrer Moment. Ich habe mir vorgenommen, auf den ersten Kilometern immer eine "6" als erste Ziffer der pace-Zahl auf der Uhr zu sehen. Man hat 4:45Std. Zeit für den ersten Marathon, man hat 12:45Std. für die ersten 100km (die ersten 100km: diese Formulierung muss man sich schon auf der Zunge zergehen lassen... ). Es wird eine einzige große Energiesparübung werden (gut, dass ich nicht ahnen konnte, dass mir am Ende von meinen Uhren 20.800kcal für den Lauf in Rechnung gestellt werden würden, sonst hätte ich mich an Ort und Stelle weinend hingehockt). Also: So gleichmässig wie möglich über die Straßen gleiten.
Wir sind anfangs absolut mitten im Zentrum von Athen unterwegs, an einem Wochentag zur rush hour. Uns umgibt ein unglaubliches Verkehrsgetöse aus Autos, Lastern und vor allem Motorrädern. Und erheblicher Gestank. Mehr als in Deutschland in ähnlicher Situation. EU-Abgaswerte? Maximal auf dem Papier... Polizisten versuchen, die drängelnden und hupenden Autofahrer in Schach zu halten. Das gelingt auch auf den ersten Kilometern, so lange das Feld noch einigermaßen beisammen ist. Aber schon bald mogeln sich immer mehr Roller und Pkw in die für uns reservierte Fahrspur, und man muss schon ziemlich achtsam sein, vor allem, wenn quer durch die Läuferkolonne mal eben nach rechts zu einer Tankstelle abgebogen wird.
Nach wenigen Kilometern finden wir uns auf dem Standstreifen der überfüllten Stadtautobahn Richtung Korinth wieder, der wir tapfer für längere Zeit durch unglaublich triste suburb-Reviere folgen. Ständig säumen unfassbare Müllberge den Straßenrand, und man erkennt, welchen Wert es offenbar hat, ein möglichst hohes Pfand auf Plastikflaschen zu erheben. Und man lernt auch, was es mit einem macht, wenn da erst mal Müllhaufen entstanden sind: Ich schmeiße meine leere Geltüte auch da hin, weil es definitiv egal ist. Im normalen Leben ein absolutes no go. Eine ziemlich erschreckende Selbst-Beobachtung. -

Kategorisiert man ein Rennen zu einem frühen Stadium nach dem spontanen Gefühl, welches das Laufen anfangs vermittelt, so ahne ich schnell, dass das heute (und morgen!?) kein Bombentag für mich wird, aber wohl auch kein ganz schlechter. Ich komme voran, immer hübsch mit leicht angezogener Handbremse, bloß jetzt noch nicht atmen. Silvio informieren, an welchen VPs ich vorbei bin. Trinken, essen - klar, von Anfang an!
![]() | |
erstes Treffen in Megara, km42, Fr11Uhr15 |
![]() |
Küstenstraße kurz vor Kineta, km54, Fr12Uhr28 |
![]() |
Motor Oil Hellas, km70 |
Ich laufe auf Roland vom DL auf und bleibe lange in seinem Windschatten. Er ist eine gute Orientierung für mich. Schneller muss ich nicht, kann ich aber zugegebenermaßen auch gar nicht. Eigentlich geht es mir gerade objektiv ziemlich bescheiden dafür, dass gerade erst ein Viertel der Distanz absolviert ist. Ein Viertel - das ist eigentlich nichts! - Ich versuche, mich abzulenken, finde es witzig, dass ich in kurzer Zeit die Startnummern 111, 222 und 333 sehe, und dann auch noch die 246! - Bäm! - ein unachtsamer Schritt in eines der allgegenwärtigen Schlaglöcher am Straßenrand und - autsch! - da hat es wohl einen der diversen ohnehin nicht mehr wirklich fest verwachsenen Zehennägel umgeklappt. Auch das noch! Meine Füße sind seit dem DL in einem bedauernswerten Zustand und sehen wirklich nicht mehr schön aus. Falls sie das jemals taten (es gibt da unterschiedliche Meinungen). Egal - was mach ich jetzt? Anhalten und nachschauen? Besser erstmal weiter, gucken, ob sich das beruhigt. Notfalls bei km80 Schuhe und/oder Socken wechseln. Ach ja, Socken! Da hatte ich doch noch welche dabei!? - Aber, OMG, das hab ich ja beim K..... vor dem Start an der Akropolis schlicht vergessen! - und nun werden 2 schöne, blaue, aus der Hose herausgefallene Falke-Socken da irgendwo in den Büschen liegen. Das kommt von diesen unorthodoxen, nicht eingeübten Sperenzchen. - Aber nein, da ist ja doch noch wenigstens eine unter die Windjacke gerutscht, die auch im Hosenbund steckt. Ok, ich habe noch eine rechte Ersatzsocke, es tut aber links weh. Du bist Ultra! - Vergiss es, einfach weiterlaufen, möglichst rund, das regelt sich wieder ein. Die Hoffnung stirbt zuletzt.


![]() | |
Zevgolatio/Korinth, VP29, km102, Fr17Uhr55 |

Was wird das geben?

Ich rolle in die Dämmerung und die Hügel hinein, einen Halbmarathon (😎) bergauf. Plötzlich ist es ein komplett anderer Lauf. Ruhe. Frische, kühle Luft. Das auf- und abschwellende, allgegenwärtige Singen der Zikaden. Wie immer empfinde ich es als wesentlich leichter und angenehmer, in die Dunkelheit hinein zu laufen als direkt in ihr zu starten. Einzig ein paar Wolkenlücken wären wünschenswert, um die Sicht auf die Sterne freizugeben, die hier in dieser dünn besiedelten und damit wenig lichtverschmutzten Region bestimmt beeindrucken würde.
Ich finde meinen Schritt. Es geht kontinuierlich, aber nicht steil nach oben. Die Läufer sind plötzlich weit auseinander gezogen, zum ersten Mal laufe ich phasenweise auf dem kurvigen Sträßchen "allein". Ich hangele mich von VP zu VP. An jedem einzelnen wird die Durchgangszeit in einer Handliste notiert (wie bei der BC), an insgesamt 10 gibt es auch automatische Mess-Matten. An den entsprechenden Stationen wird mir mein drop bag oft unaufgefordert von den Helfern gereicht, sie sind sehr aufmerksam, nett und hilfsbereit. "Nice number!", bekomme ich irgendwo zu hören. Ja, ich mag meine 69 auch, damit kann kaum etwas schief gehen! - Ich plane meinen weiteren Lauf: Ich muss an einem der nächsten VPs mehr anziehen, darf auf keinen Fall ins Frösteln kommen. Lange Strümpfe, Armlinge, Kopftuch. Das kostet zwar Zeit - auch die Schuhe müssen für die calfs dann runter - aber es hilft ja nichts. Am VP 32 bei km113 in Halkion rüste ich mich um, das dauert wieder fast 9min. Ich ignoriere die im Zehenbereich etwas blutigen Socken, zupfe sie nur etwas zurecht, bloß nicht reinschauen! Der Puffer liegt unverändert bei knapp 2 Stunden. Alles klar. Noch 11km weiter bergauf, bevor kurz hinter Ancient Nemea bei km125 auf einer kurzen Bergab-Passage etwas Erholung in Aussicht steht.
![]() |
Ancient Nemea, VP35, km123, Fr20Uhr55 |
Die Verdauung meldet sich, zum ersten Mal seit der Akropolis. Aber das ist ja nun auch schon 14 Stunden her und ich habe seitdem eigentlich kontinuierlich gefuttert (und getrunken). Kleine Mengen natürlich nur, aber kontinuierlich. Am Ende werden es ca. 20 Gels, 250gr Haferkekse (furztrocken, aber gut), 1 L Kokoswasser (genial), 1 L Powerade, 250gr Datteln, 3 oder 4 Dosen Red Bull und etliche Liter Wasser gewesen sein. Und was man sich sonst noch so an den Stationen greift wie eine Handvoll Nüsse oder ab und zu auch mal eine halbe Scheibe Brot. Da muss logischerweise auch mal wieder etwas raus und ich muss innerlich schmunzeln, dass das genau vor der Bergauf-Serpentine rüber nach Nemea stattfindet und ich somit da bestimmt gleich förmlich hochfliegen werde, leicht wie ich dann bin! - Wieder unterwegs, stelle ich fest, dass ich hier mindestens 3 bis 4 Wettkampf-Distanzen innerhalb des einen Laufs absolvieren werde: den Marathon (geschenkt!), die 100km, die 100 Meilen, die 24 Stunden. Wahrscheinlich wird es sogar eine neue persönliche 24h-Bestleistung! Verrückt. Und 3mal die BC. Oh nein, nein - schnell weg mit diesen Gedanken! -
Apropos BC: Hier wie dort waren es vergleichbare Irre, denen die Beantwortung einer selbst aufgeworfenen Frage keine Ruhe ließ: "Kann man im Winter in einem Tag von Göttingen auf den Brocken laufen?" - "Kann man in anderthalb Tagen von Athen nach Sparta laufen, wie es alte Schriften behaupten?" - Im Fall von Sparta waren es zwar keine Lokalmatadoren wie bei der BC, sondern Briten um den RAF-Offizier John Foden, die 1982 den erfolgreichen Erstversuch unternahmen. Egal, letztlich wurde die Welt auf diese Weise mit zwei unverzichtbaren Ultraläufen beglückt.
Die Reflexionen darüber, wem man es eigentlich zu verdanken hat, dass man sich hier gerade durch die Nacht quälen darf, werden abrupt beendet, als ab km130 die einzigen 3 unbefestigten Kilometer der Strecke anstehen - neben dem Übergang über den Sanga-Pass (mit 1060m höchster Punkt der Strecke nach genau 100 Meilen/161km ). Wenn man 15 Stunden auf mehr oder weniger glattem Asphalt, auf jeden Fall aber ohne Steinchen unter den Füßen, unterwegs war, tut jeder einzelne Schritt auf einer Schotterstrecke ziemlich weh - Hokas hin oder her. Dazu kommen die Staubwolken von den Begleitautos. Es geht auch wieder leicht bergauf. Und es tröpfelt sogar etwas. Ätzend! Nein, nicht kämpfen, viel zu früh! Ich lasse mich zum ersten Mal zurück in den Schritt fallen. Macht aber nichts, diese Passage wird vorbeigehen. Tut sie natürlich auch, und bald schon nimmt mich wieder die kleine gewundene Straße auf, die mich unweigerlich näher und näher an die "Schlüsselstelle" der Strecke, den Abschnitt zwischen Lirkia und Nestani mit der Überschreitung des Passes über die Ausläufer des Lyrkeion-Gebirges bringen wird.
![]() |
Malandreni, VP40, km140, Fr23Uhr30 |
Am VP in Malandreni ist der Bär los, ein echtes Dorffest ganz im Stil der Feiern in den Dörfern in der Nacht rund um Biel. Zum ersten Mal gibt es Nudeln, leider sind sie kalt und die Portionen viel zu groß (für mich). Genau wie am VP35 brauche ich wieder gut 8min für die Reorganisation. Silvio und ich verkriechen uns aus dem Gewusel in eine stille Ecke am Rand. Wir machen aus, dass wir uns erst wieder am Mountain Base treffen werden, wo der single trail über den Paß beginnt. Es ist zwar nur ein knapper Halbmarathon (😎) bis dort, aber der beinhaltet gut 600 Höhenmeter, die BC mit ihrem Entsafter lässt grüßen (allerdings hat man dort genau 100km weniger in den Beinen). Das bedeutet am Ende fast 3,5 Stunden Support-Pause für Silvio am Stück, während derer er es sich im Micra mal so richtig gemütlich machen kann.
Race Day 2, Samstag 30.09., 00:00 - 17:57
Am tiefsten Punkt der Strecke jenseits der 100km-Marke, direkt hinter VP41 "Junction to Lirkia" auf 155m NN, fallen dann einige denkwürdige Ereignisse zusammen:
1. Mein Garmin 310XT piepst und signalisiert: "Batterie schwach".
2. Es ist auf die Sekunde genau Mitternacht, er und ich sind also seit 17 Stunden unterwegs (womit sein Piepsen mehr als legitim ist [ich kann ja dummerweise nicht piepsen]).
3. Es sind noch 100km bis ins Ziel (na gut: 102,6). -
Ich bin von mir selbst begeistert und beruhigt, dass ich offenbar noch voll bei Bewußtsein bin, weil ich die 2. GPS-Uhr (A-rival SQ100) rein intuitiv schon 3km zuvor in Malandreni gebootet hatte und es jetzt nur noch 2 Klicks braucht, die eine zu stoppen und die andere zu starten. Und ich werde wegen der genannten "glatten" Eckdaten keine Schwierigkeiten haben, die Angaben zum 2. Teil-Track auf's Ganze umzurechnen (die Gesamt-Pace ist komplett egal, was zählt, ist der Puffer zum Cut off - oh, ich vergaß zu erwähnen, dass der genau in diesem Bereich der Strecke mit 2:20 Std. seinen größten Wert überhaupt annahm).
Also hinein in die sich zunächst kaum wahrnehmbar einschleichende Steigung, die einem gleichwohl dieses zermürbende Gefühl von "Wieso fällt auf einmal das Laufen so schwer?" beschert. Aber schon bald wird der Blick frei auf einen unerwartet imposanten Talschluß, an dem weit oben am Hang die Lichterkette der beleuchteten Autobahn verläuft und sich eine unübersehbare Schlange aus Stirnlampen in großen Zick-Zack-Schwüngen die Flanke noch hoch darüber hinaus emporwindet. Na Mahlzeit! Aber ich bin auch froh, endlich diesen spannendsten Streckenabschnitt, um den sich viele mehr oder weniger wilde Erzählungen ranken, erreicht zu haben. Und eins steht fest: Hinter dem Pass geht es nur noch zum Ziel! Also werde ich da hoch kommen und mir die erforderliche Zeit nehmen. Was sonst!? -
Nachdem ich Lirkia und einen weiteren VP im letzten Bergdorf passiert habe, beginnt es unvermittelt recht bestimmt zu regnen. Recht feine, aber dichte Tropfen... Der Wind weht dazu wie den ganzen Tag schon weiter ziemlich frisch, und mit steigender Höhe und späterer Uhrzeit natürlich auch zunehmend kühl. Ich krame die Regenjacke aus dem Rucksack - wäre ja auch zu schön gewesen, sie mal umsonst mitzutragen - ziehe sie mit über den Rucksack und verkrieche mich unter die Kapuze. Klingt einfach, ist es aber nicht: Es ist dunkel, ich bin kaputt, die Finger sind steif, die Klamotten sind nass und flutschen nicht - ich muss stehenbleiben. Es ist dennoch beruhigend zu wissen, dass man sich auf dieses Teil (Pearl Izumi Elite WxB) verlassen kann, die Zugspitz-Runden 2015 und 2016 lassen schön grüßen. Die Brille fängt an, im Dampf zu beschlagen, die Hände sind eiskalt, das Telefon summt im Rucksack, aber ich komme nicht mehr dran, Silvio wird es sich denken können.
Die Rampe ist gerade etwas zu steil für mich, als dass ich sie ohne Gefahr zu großen Krafteinsatzes noch laufen könnte, und das Wandern dauert wie immer ewig. Aber es gibt genügend Leidensgenossen um mich herum und nach etlichen langen Kehren unterqueren wir die Autobahn und sind gleich darauf am VP47 Mountain Base, wo aufgrund der Enge ein ziemliches Chaos aus ankommenden und abfahrenden Supporter-Fahrzeugen herrscht. Es ist kurz vor 3 Uhr morgens, es regnet und stürmt, und es hat vielleicht so 10-12° C, schwer zu schätzen in der Nässe. Irgendwie finde ich Silvio in dem Getümmel (oder er mich) und wir versuchen, uns unter das Dach eines Pavillions zu drücken. Es ist alles wenig erholsam und in Gedanken bin ich sowieso schon auf den letzten steilen 2km den Pfad hinauf zum Paß. Trotzdem ist unsere Stimmung immer noch erstaunlich gut und entspannt. Wir werden uns auf der anderen Seite in Nestani wieder sehen. Für Silvio sind es wenige Minuten auf der Autobahn durch einen Tunnel, ich werde genau 2 Stunden für die knapp 12km über den Kamm brauchen. Gut, dass ich das jetzt noch nicht weiß.
![]() |
Impression vom Trail hinauf zum Sanga-Paß |
Ich arbeite mich kontinuierlich hoch, verlasse mich darauf, dass mir als altem Brocken-Challenger so ein Wetterchen und Lüftchen doch nur ein feuchtes Stirnrunzeln entlocken kann und finde es fast witzig, als die Sicht bei waagrechtem Regen kurz vor dem Paß, der ja fast genau so hoch ist wie der Brocken, im Nebel auf die auch dort üblichen 5 Meter abnimmt. Damit muss die Stirnlampe komplett runtergedimmt werden, und man sieht gar nichts mehr, aber mit Flutlicht sieht man im Nebel eben auch nichts. Ergo: Gaanz langsam auf der anderen Seite wieder runtertasten, durch den knöcheltiefen, mit großen Blöcken durchsetzten Matsch einer Forststraße, deren Serpentinen ich manchmal erst erkenne, wenn ich vor ihrer Stirnwand stehe. Der VP oben am höchsten Punkt ist wohl der undankbarste und härteste der ganzen Strecke, keine Sekunde bleibe ich im Sturm stehen. Dabei hat man da oben fast metergenau die 100 Meilen voll (für mich 20:09 Std., ergeben die späteren Analysen), was allemal ein Grund zum Feiern gewesen wäre.
Ich hole einen Läufer ein, der offenbar gar keine Lampe hat und auch nichts auf dem Kopf (ich: Stirnband, Mütze, Kapuze), und ich frage mich, wie er das macht und überlebt und hoffe, dass er sich nicht noch hinlegt und ich ihn retten muss, denn dabei würde ich wohl zusammen mit ihm erfrieren. Lange Hose, Rettungsfolie? Schön wär's. Ich Idiot! - Aber es geht alles gut und irgendwann haben wir wieder Boden unter den Füßen und erreichen im Dörfchen Sagas wieder die Zivilisation. Und es hilft nichts: Es geht leicht bergab, es gibt keinen Grund, seit geraumer Zeit nicht mal wieder anzutraben und zu versuchen, wieder in einen Laufrhythmus zu finden. Noch liegt mehr als ein Rennsteig vor mir - oh nein: verbotener Gedanke! Auf jeden Fall ist es für eine Wanderung noch viel zu weit.
Die Wassertropfen und die Spannung fallen zusehends von mir ab, "das Ding" liegt hinter mir, und jetzt folgen etliche eher ruhige Kilometer über eine Art Hochebene in ca. 700m Höhe, so meine vage Erinnerung, bevor es gegen Ende hin noch einmal über den Rand der Suppenschüssel hinauf geht und den letzten Halbmarathon (😎) nach Sparta abfällt. "Ganz böse Rampe da bei 206!", habe ich noch von einem deutschen Teilnehmer im Ohr.
![]() |
Nestani VP52, 172km, Sa05Uhr10 |
Von der Flanke des Hügels, an dem Nestani klebt, geht es hinunter in die intra-montane Beckenlandschaft rund um Tripoli (die ich freilich jetzt noch gar nicht als solche erkennen kann). Lange, flache Geraden charakterisieren jetzt die Strecke, Segen und Fluch zugleich, denn ich finde zwar schnell wieder ins gleichmäßige Schlurfen, aber jeder Schritt will auch aktiv gelaufen sein. In den Morgenstunden nimmt der Verkehr wieder deutlich zu und mit der nächtlichen Ruhe ist es bald vorbei. Die ersten Erntehelfer werden auf offenen Anhängern zu den Weinfeldern gekarrt. Nur sehr zaghaft wandelt sich das Schwarz der Nacht über ein Dunkelgrau zu einem Mittelgrau, und wirklich hell wird es zunächst erstmal nicht. Als Mitteleuropäer (und erst recht als Mitteldeutscher bzw. Leinetalbewohner) muss man sich also nicht groß umstellen. Trotzdem etwas schade, aber auf die Laufbedingungen bezogen nach wie vor ein großes Glück. Seltsamerweise ist dies jetzt die einzige Phase des Rennens, während der ich für ungefähr eine Stunde wirklich müde bin und mich zwingen muss, meine Konzentration auf die kontinuierliche Ernährung und die Abstimmungen mit Silvio aufrecht zu erhalten. Und folgerichtig verpasse ich es auch prompt, den Moment und die Stelle bewusst wahrzunehmen, an dem ich 24 Stunden unterwegs gewesen bin. Hinterher sehe ich dann, dass es bei km182.4 war, irgendwo im Nirgendwo. Na bitte - persönlicher Rekord (und erneutes Erfüllen einer Spartathlon-Qualifikationsnorm, in diesem Fall von 180km/24h)!
![]() |
Alea-Tegea, VP60, km195, Sa09Uhr03 |
![]() |
Papantonis, VP63, km206, Sa10Uhr58 |

Gedacht - getan. Ich wandere die letzten 11km komplett durch. Und was gibt es Besseres, als wirklich den Umständen entsprechend maximal entspannt diese vielzitierte, tatsächlich sagenhafte Atmosphäre aufzusaugen, die sich mit der Annäherung an die von hohen Bergzügen umrahmte Stadt unten im Tal zu entwickeln beginnt und dann auf den letzten 3 km durch die menschengefüllten Hauptstraßen Spartas kontinuierlich zu einem kleinen persönlichen Triumphzug steigert, bei dem man die Ovationen von den Balkonen dankend entgegennimmt. - Ich bin da!! - Der Mut, sich einer eigentlich nicht für leistbar gehaltenen Aufgabe gestellt zu haben, ist einmal mehr belohnt worden. Die letzten 500m hinauf zur Statue. Ich werde sie nur dieses eine Mal zurücklegen, da spüre ich große Gewißheit. Ich schaue mich um. Nicht, weil ich von hinten anrückende "Gegner" fürchte, sondern weil ich sie ggf. alle vorbei lassen will, um "ganz alleine" vor die Statue von König Leonidas I. von Sparta zu treten, seine Füße zu berühren und damit dieses Rennen und diese Mission (und vielleicht noch viel mehr?) zu beenden. -



![]() |
Sa 30.09.2017, 17Uhr59 |
Race Days +1, Sonntag 1. Oktober
![]() |
Sparta (200m) vor Taygetos (2408m) |
Silvio schlummert ohropax-bewaffnet noch selig und ich mache mich daran, die mehrere Kubikzentimeter Flüßigkeit aus den diversen Blasen an beiden Füßen abzulassen, damit ich überhaupt wieder auftreten kann. Am groteskesten ist eine knallrote Blutblase auf dem rechten Fuß zwischen den Wurzeln des großen und des zweiten Zehs, die offenbar über einen Verbindungskanal zwischen den beiden Zehen hindurch unter die Sohle zu den Fußballen befüllt wurde, wo wohl wegen des ständigen Drucks durch das Auftreten einfach kein Platz für die Anlage einer ordentlichen Blase vorhanden war. Ansonsten gibt es aber bis auf die kleine Schwellung über dem Knie nichts weiter an Blessuren zu beklagen, sogar die rechte Ferse hatte bei km200 unerwartet aufgehört zu nerven und sich endlich ihrem Schicksal ergeben. Trotzdem reagiere ich eher verhalten, als Silvio die Augen aufmacht, das Wetter sieht, zum Fenster stürzt und etwas von einem "Bergläufchen" faselt. "Aber man muss sich ja auch nicht immer selbst sakristeien!", stellt er schließlich fest, und dieser Satz beweist, dass die letzten 48 Stunden auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen sind. Wir lachen uns halb tot, gehen in einer Bar um die Ecke in der Sonne frühstücken, erfahren vom Kellner, dass in Germany alles, alles besser sei, packen unsere Siebensachen, verabschieden uns vom deutschen Team, das erst nach einem offiziellen Lunch mit dem Bürgermeister nachmittags per Reisebus zurück nach Athen starten wird, kriegen beim Tanken noch tolle Spartathlon-Schlüsselanhänger dazu und begeben uns auf unseren ganz privaten, sehr entspannten road trip zurück in die Metropole, wo Silvio leider abends schon wieder in den Flieger steigen muss.
![]() |
durch die namenlosen Berge östlich von Tripoli |


Race Days +2
Am Montag ist schon einen Tag früher als damals von Helmut Kohl mit dankenswerter Weitsicht angeordnet ein Feiertag: Für mich sowieso jedes Jahr aufs Neue, aber diesmal natürlich ganz besonders. Mein Traum - ja, so kann man es durchaus nennen - meinen Geburtstag diesmal mit der Siegerehrung als Spartathlon-Finisher begehen zu können, wird wahr. Und bis zum Gala-Empfang am Abend gibt es keinerlei Programmpunkte, so dass ich einfach in den Tag leben kann und ihn mit einem Trip ins Athener Stadtzentrum begehe. ![]() |
eine Teilnehmerin ? |
![]() |
jetzt ist es amtlich! |
Ich habe viel gelernt in diesem (meinem elften) Laufjahr. Vielleicht zu allererst, auf mich selbst und/oder das, was man Intuition nennt, zu vertrauen - auch wenn dazu hin und wieder ein gewisser externer Zuspruch (man könnte es auch Arschtritt nennen) hilfreich ist oder sogar erforderlich wird - und immer mein eigenes Ding zu machen, sei es in der Vorbereitung oder im Rennen.
Man muss auf keinen Fall Trainingsweltmeister sein, um Sparta (oder den Deutschlandlauf) zu finishen, das sei eventuellen Interessenten an diesen Veranstaltungen mit auf den Weg gegeben. Im Jahr 2017 hatte ich keine Trainingswoche mit mehr als 140km (zwangsläufige Ausnahmen ergaben sich durch die Teilnahme am Balaton Supermarathon und den 24h von Delmenhorst) und keinen Monat mit mehr als 540km (Ausnahme Juli Deutschlandlauf). Ich hatte keinerlei Trainingsplan und bin im Training nie weiter als 45km am Stück gelaufen. Was wohl bedeutsamer ist, sind die angehäuften Lebenskilometer. Da geht es wohl wirklich kaum ohne ein (individuelles?) Mindestmaß. Und nicht zuletzt: Man braucht den Mut zu echter Regeneration. Auch einfach mal nicht laufen. Wenn man darauf nicht von alleine kommt, sorgt der Körper über kurz oder lang meist selbständig dafür und bremst einen temporär ein wenig aus. Auch in diesem Fall gilt es, Ruhe zu bewahren und intuitiv zu handeln.
Andererseits habe ich mich mental nicht geschont und kenne jetzt auf dem öden, schnurgeraden Radweg neben der lauten B27 zwischen Göttingen und Friedland auf 15km jeden Maisstängel in jeder Wuchsphase. Was man unbedingt braucht, ist eine aufgeräumte Birne und den darin eingemeißelten Entschluss, dass man es will. In diesem Kontext empfehle ich zu Übungszwecken z. B. die Oster-Serie der Ultrafriesen.
Ich mache keinen Hehl daraus, dass alles auch ganz anders hätte kommen können und ich hier dann ganz andere Weisheiten zum Besten zu geben gehabt hätte. Dem Glücks- und Zufallsfaktor kommt eine immense Bedeutung zu, unabhängig von einer gewissenhaften Vorbereitung. Nun, das Universum hat da dieses Jahr offenbar seine schützende, schattenspendende Hand über mich gehalten und mich äußerst wohlwollend begleitet. Besten Dank.
(c) alle Fotos während des Laufs sind von Silvio, außer jene, bei denen "Sparta Photography Club" draufsteht, und ein paar vor und nach dem Lauf sind von mir
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen