Sonntag, 5. Juli 2015

Hotter Than July - TU 2015

Das Verrückte an dem Tag ist, dass gerade die grenzwertig heißen Bedingungen dafür verantwortlich werden, dass es für mich heute hier beim ThüringenUltra kein DNF gibt. Kein Schreibfehler!

Ich laufe nicht den tU, sondern den tU 2015, und das ist ein neues, ein anderes Rennen, Zeiten aus meiner 2014er Erstausgabe werden mehr als egal. An dem Punkt, wo ich unter Normalbedingungen (z.B. in Biel ...) mit Sicherheit gedacht hätte: "Was soll der Quatsch, sich hier weiter zu quälen, wenn Du letztes Jahr 30min schneller warst?  - Das war's dann für heute!", an dem Punkt, wo man nach 70km auch sonst meist schon genug gelitten hat, da sage ich mir heute: "Die restlichen 30 werden hammerhart, aber ich will genau diesen Lauf, den es so wahrscheinlich nie wieder geben wird, zu Ende bringen." Es darf nur nicht kosten, was es wolle. Nein, das nicht. Aber wandern wäre ok.

Verstehen soll und muss das keiner, ich tu's auch nicht.

(c) Mayk Hirschfeld
Für das Überleben in Bezug auf den Lauf und wohl auch im wörtlichen Sinn muss ich vor allem eins vermeiden: Dass mir das Eiweiß in der Birne zu Klumpen stockt. Da oben ist die Schaltzentrale, die muss (am längsten) funktionsfähig bleiben. Eiweißgerinnung setzt bei 42.6°C ein. Wir haben zwar nur so um die 38°, aber das sind Schattentemperaturen ohne weitere Aufheizung durch körperliche Betätigung. Aber bitte - wo ist hier Schatten? - und wie soll ich ohne körperliche Betätigung ins Ziel kommen? Logisch also, dass ich mich trotz der hohen Dichte von VP's, die bis auf zwei Ausnahmen immer unter 6km Abstand haben, mit 2 großen Flaschen in den Vordertaschen auf den Weg mache. Überhaupt - bei dieser Milchmädchen-in-der-erfrischenden-Kühlkammer-Rechnung - "Weniger als 6km zwischen den VPs, das halt ich doch locker durch!" vergisst man nur zu schnell, wie lange man realistisch besonders zwischen km88 und km100 in der dann absolut schattenlosen Prärie für einen einzigen dreckigen KIlometer tatsächlich unterwegs ist ... 

Besagte Flaschen dienen gar nicht vorrangig als Trinkreservoir, sondern als Quelle für die ambulante Dauerdusche. Immer schön nass bleiben, Stichwort: Verdunstungskälte (bzw. eigentlich korrekter: Verdunstungskühlung)! Wir googlen: "Die Verdunstungskälte stellt einen Mechanismus dar, um Landlebewesen vor Überhitzung zu schützen. Pflanzen können bei starker Sonneneinstrahlung ihre Temperatur durch die Verdunstung von Wasser auf den Blättern regulieren und sich damit vor Überhitzung schützen. Diese Abkühlung um mehrere Grad verhindert, dass sich das Blatt auf eine Temperatur erhitzt, die lebenswichtige Enzyme hemmt oder sogar ganz zerstört." Da ich (noch) keine Pflanze bin, muss eben von außen nachgeholfen werden. Scheint auch leidlich funktioniert zu haben.

Wir sind also sozusagen schon mitten im Rennen. Ich bete jetzt hier nicht die vielen Kilometer runter. Es gibt aber natürlich wie immer kurze Momente oder Sequenzen, die sich trotz der Hitze in das Eiweiß einbrennen (uups, Gefahr!). Genau wie letztes Jahr stehen wir bei molligen 20° morgens um 4 mit fast nichts an und nach weniger als 2 Stunden Schlaf bei Vollmond unter dem Startbanner. Gänsehaut rührt maximal von der Angst vor der eigenen Courage (oder ist es doch eher "bewusster Irrsinn"). So extrem unterschiedlich wie die Bedingungen heute morgen im Vergleich zu vor 14 Tagen an der Zugspitze auch sind - die Gedanken sind unglaublich ähnlich. "Geht das?" - "Kannst Du das?" - "Darfst Du das?"
Auf diese Fragen (auch auf die von Andre, der mir als Retourkutsche zu meiner letztjährigen, an ihn gerichteten Denksportaufgabe - sozusagen zur Vermeidung von Langeweile unterwegs - die Beantwortung der Frage, was sein TShirt-Aufdruck 'FUHRC' bedeuten könnte, mit auf den Weg gibt) gibt es die Antworten logischerweise erst etliche Stunden später. Auf eine andere Frage gibt es die Antwort schon jetzt: "Willst Du das?" - "Ja, ich bin neugierig!"

Foto: M. Woitynek

Ich hatte noch rumgeflaxt, dass ich schnell angehen würde, um möglichst viele km noch in der Morgenkühle absolvieren zu können. Bereits im ersten Waldstück, in dem noch die Hitze des Vortages hängt, weiß ich, dass ich hier so schnell rennen kann wie ich will, aber eines nicht erleben werde: Kühle! - Trotzdem bin ich "gut" unterwegs, VP1 und VP2 einige Minuten schneller als letztes Jahr. Bei km 17 steigt dann der Glutstern über die Kammlinie: der Spaß kann beginnen. VP3/21k - diesmal ohne Lautsprecherdurchsage, aber dafür durchgezählte Läufer: "22!" - Wie bitte? - "Aschu, mach keinen Mist! - Auch wenn Du die Startnummern einiger M55er auswendig gelernt hast und die Typen hier um Dich herum tänzeln - lauf Dein eigenes Rennen!"

Mir gefällt die Strecke wirklich noch besser als letztes Jahr. Man erinnert sich an bekannte Abschnitte, man speichert einige neu. Die Sprungschanze bei Brotterode, ist die etwa neu? - Scheisse, diese Rampe bin ich letztes Jahr durchgelaufen, heute wird gewandert. Halt, stop! - Nix Scheisse! - "When you're moving in the positive, your destination is the brightest star." Diese Text-Passage aus einem Stück von Stevie Wonder aus dem Album "Hotter than July" war mir als Mantra für den Lauf zugeflogen. Anders kann man es nicht nennen. Und es ist immer wieder faszinierend, dass man solche Sätze, die garantiert vor einem ziemlich anderen Hintergrund entstanden sind, ohne jegliche Verrenkungen auf einen Lauf beziehen kann. Ja, der strahlende (2.) Stern ist mein Ziel und Bestimmungsort! - Und dazu muss ich nichts tun als mich im Positiven bewegen, das Positive sehen! Und nicht am Negativen festbeißen. Es funktioniert! Der Satz wird mein heiliger Vers, der mir über den gesamten Lauf immer wieder - vor allem eben in den weniger leichten Phasen - in den Sinn kommt, und er bringt mich heil ins Ziel.

7Uhr15, km 32.8
Ich renne die glatt asphaltierte ehemalige Bahnstrecke Richtung "Halbzeit" in Floh-Seligenthal runter. Konzentration! Was brauch ich/will ich aus dem drop bag? Schuhe wechseln? Der Belag der Forstwege war doch deutlich rauher als erinnert, ich komme mit den Pure Connect zwar problemlos klar, aber wären die Pure Flow für die zweite Hälfte nicht doch etwas entspannender? Gels aufnehmen! Hemd wechseln? -- Und ich freue mich wie ein kleines Kind auf den Tunnel, durch den wir müssen. Das wird heute die einzige kühle Oase sein! Ich hatte nur vergessen, wie kurz er ist - 86m, schade. Und so kühl wie erwartet ist es dann auch nicht ganz. Ich nehme mir trotzdem die Auszeit und wandere - eine weitere Ganzkörper-Spritzdusche applizierend - entspannt hindurch.

Ich bin nach 5:27h um 4 Minuten früher an der Kontrolle bei km55 als letztes Jahr. Als gesamt 15.! Dass das nicht so bleiben wird, ist mir mehr als klar. Es zeigt aber bereits jetzt, dass das Feld (überraschenderweise ...) dieses Mal spürbar verhaltener unterwegs ist. Trotzdem hab ich nicht überzockt, sondern bin das gelaufen, was ich stressfrei laufen konnte. Und habe doch ein wenig meiner nicht ganz ernst gemeinten Taktik (früh&kühl möglichst weit kommen), die ja doch vor einem ernst zu nehmenden Hintergrund entwickelt wurde, umgesetzt.

Denn jetzt geht der Spaß richtig los! 1. die Sonne steht inzwischen am mittleren Vormittag ausreichend hoch, um auch von Hochwald flankierte Forstwege zumindest abschnittsweise zu bestrahlen. 2. Ja, ich bin schon ein paar km gelaufen heute. 3. es steht der gut 7km lange und 450hm hohe Rück-Aufstieg auf die Kammhöhe bei der Ebertswiese bevor. - Schnell zeigt sich jetzt der Unterschied zum letzten Jahr, wo es ja mit 26 bis 28° auch nicht gerade kühl war: Ich kann diesmal bis dort hoch nur sehr wenige Abschnitte laufen. Das geht aber allen so. Es gibt kaum Positionsveränderungen. Der allererste Sonder-Spontan-VP (die ja sprichwörtlich für den ThüringenUltra sind). An einer Quelle, fast schon oben am Jobststein, wo trotz der Höhe von gut 600m nichts als heißer Wind aus den Wiesen weht, füllt ein netter Mensch Wasser (kalt!) in eine Gießkanne. Man muss kurz Schlange stehen, um dranzukommen. Ist das geil! Leider nur für 1 Minute.

Runter in den Splittergrund nach Tambach. Fast 9km ohne VP! Brüllheiße Buschflanken neben dem Trail im oberen Bereich. Erste Ansätze von Krämpfen an den Außenseiten der Waden. Vorsicht, das ist ein bißchen früh... Unten im Tal dann das Plätschern des kühlen Baches, dem wir für 4km folgen. Du selbst rennst in der Sonne auf der staubigen Piste. Wann überwinde ich mich, runter zum Wasser zu steigen? Welchen Sinn würde das haben? Die ersten wandern phasenweise - wohlgemerkt bergab in der Top20. Dann die Höchststrafe: das Freibad von Tambach, direkt neben der Strecke. Ich habe bei solch einem Wetter noch nie ein Freibad gesehen, das so leer war. Ich will da rein. Ich will aus dieser Hitze! - Stop, keep moving in the positive!

Vor dem VP hab ich nur einen Gedanken - ein Bier (na klar, ohne!), und - ich bin ja ganz bescheiden inzwischen - das 10° kühler ist als die Außentemperatur. Ein frommer Wunsch. Ich verbrenne mir fast die Lippen an der Flasche. Da hocken die Schatten einiger absolut gestandener Ultras rum, die nicht den Eindruck erwecken, als würden sie noch weiter wollen/können. - Will ich weiter? Nein - ich muss! Irgendwie. Die gut 3km bis zum VP12 laufe ich keinen Meter. Dauert ewig. Egal. Finishen. Ich kenne die Strecke. Gleich dann runter an Finsterbergen vorbei bis zur Straßenquerung, die auch der Jägerstein Ultra berührt. Dann wieder lange hoch, 3. Kontrolle (und 2. Freibad!) vorbei, weiter hoch, dann steil runter, dann moderater immer am Waldrand entlang, bis uns die Strecke bei km88 in die Prärie wirft. Baumlos. Schattenlos. Glühend.

aus dem Gästebuch der TU-Seite
Die Erdbeeren am VP14/km81 in Friedrichroda sind der absolute Knaller. Wiederbelebung! Was für ein Geschmack. Salzerdbeeren. Alles, was ich in den Flossen hatte, schmeckt nach Salz. Ich bin eine Salzkruste. Meine blaue Bade(lauf)hose ist grauweiß. Ich nehme jede Stunde eine Salzkapsel, das kommt mir viel vor. Noch keine Probleme, objektiv betrachtet. Ich weiß, wie ich heiße und kenne die Geburtstage meiner Kinder (wie war noch die Reihenfolge?).

Am VP15, am Rande zur Wüste, haben sie tatsächlich einen Kühlschrank. Sieht jedenfalls aus wie einer. Scheint aber eher zu heizen. Die Leute geben ihr Bestes, aber heute gibt es Grenzen. Grenzen der Technik. Die Natur schafft es noch. Die Quellen sind kühl. Ein älteres Ehepaar erscheint 2 bis 3mal an solchen Stellen, scheint sich an der Strecke entlang zu beamen, füllt "eiskaltes" Wasser ab und spendiert sogar noch darin gekühlte Mineralwasserflaschen. Danke.

Das Ding ist im Sack. Noch 12km. Noch 12 irrsinnige Kilometer, für die ich gut 1:40h brauchen werde. Ich werde unter 12 Stunden bleiben, wenn nichts Elementares mehr dazwischenkommt. Damit wäre ich vollkommen zufrieden. Ich bin gespannt auf VP95km, für den ich über das TU-Gästebuch einen Musikwunsch hinterlegt hatte. "Legs" von ZZTop. Erscheint mir jetzt reichlich schwachsinnig. Die Beine sind nicht das Problem. - Und die freaks da machen es wirklich wahr und entschuldigen sich über Lautsprecher noch, dass das ein paar Sekunden dauern wird mit dem Auflegen. Wie furchtbar, da muss ich ja die letzten 50m bis zum Stand (weiter)gehen! Das ist definitiv ein Haufen absolut Verrückter, der dort stundenlang bei garantiert über 40° Realtemperatur in den Getreidefeldern durchfeiert und der es alleine wert ist, sich diesen Lauf zu geben.

Was folgt, sind Überraschungen: Die lange Gerade (schattenlos) im Industriegebiet von Waltershausen ist in der Realität noch viel länger als in der schon schlimmen Erinnerung aus dem Vorjahr. Und diesmal natürlich heißer. Am Ende, wo es dann runter zur Autobahn-Unterführung geht, kommt mir ein Radler entgegen. Harald, der wegen Verletzung nicht mitlaufen kann, obwohl er dies wohl so gern wie kaum ein zweiter täte. Er ist trotzdem da, er nimmt teil, er hilft. Moving in the positive. Sehr stark. -- Das schreibe ich jetzt. Als er bei mir ankommt, blaffe ich erst mal: "Nee, lass mich bloß in Ruhe, ich bin durch. - Ok, dann erzähl mir was, aber ich kann nicht sprechen." Und er ist Vollprofi. Er hat ja selbst schon so viel mehr durchlitten als ich. Er weiß, wie das geht. Die letzten 2km werden von daher zwar nicht wirklich schnell, aber kurzweilig. - Harald, du hast (schon wieder) einen gut!

(c) SPORTident GmbH
In 11:41 komme ich als 23. gesamt und 3. AK55 in ordentlichem Zustand (denke ich da noch) ins Ziel, habe also gegenüber 2014 auf der zweiten 45km-"Hälfte" ca. 45min "verloren". Das hält sich noch im Rahmen, finde ich.


Die erste Stunde nach dem Zieleinlauf wird plötzlich und unerwartet zu einem mittleren Desaster - objektiv betrachtet. Grausame Krämpfe in den ganzen Beinen, Aufspringen im Versuch, das irgendwie weg zu bekommen. Dadurch wohl Kreislaufüberlastung und Übelkeit (mit allen unappetitlichen Folgeerscheinungen). Sorry an alle, die das mit ansehen mussten. Subjektiv - klingt natürlich jetzt etwas merkwürdig - nehme ich es eher als eine angemessene oder verständliche Reaktion des Körpers auf eine doch wohl unangemessene Gesamtbelastung, und zur Strafe muss ich leider die AK-Siegerehrung auslassen. Ich tu das nie wieder (bei solcher Hitze laufen und eine Siegerehrung auslassen), ich versprech's! Bzw. verlasse ich mich einfach drauf, dass nächstes Jahr beim TU wieder menschlich(er)e Bedingungen herrschen.


Montag, 22. Juni 2015

Muddy Waters - ZUT 2015

Der Weg ist heute eher nicht das Ziel, sondern oft einfach ein Bach. Es ist interessant zu beobachten, wie sich immer wieder Miniatur-Muren lösen und sich auf den Punkt zubewegen, an dem man eigentlich als nächstes seinen Fuß aufsetzen wollte. Aber längst ist es egal, worauf - oder besser: worin man landet. Die Phase des Pfützen-Vermeidens ist lange vorbei, so sie denn heute jemals ernsthaft existiert hat, und der Gedanke daran führt maximal noch zu einem für Ausstehende wohl reichlich unverständlichen Spontan-Grinsen über beide Backen. Trollige Idee!

An die 4.000 Füße, bewaffnet mit den aggressivsten auf dem Markt verfügbaren Stollenprofilen, haben am Ende auf den hinteren Trail-Abschnitten, auf denen sich alle 5 Distanzen zusammenfinden, den wasserübersättigten Boden bearbeitet und die Suppe aus dem Substrat gepresst.

ZugspitzUltraTrail 2015 - "Die durch das Wasser kamen."

Es ist ein Morgen der Kategorie:
"Gut, dass ich keinen Hund habe, den ich jetzt ausführen muss!"
Es ist ein Tag der Kategorie:
"Wenn es schon schwierig ist, Leuten zu erklären, was wir hier vorhaben und warum wir so etwas tun, dann sollte ich einen Erklärungsversuch besser nicht heute starten."
Es ist ein Abend der Kategorie:
"Ich habe wieder Neuland betreten. Es sind persönliche Grenzen verschoben worden. Und ich habe das Ding unterschätzt."

Ich stehe am Start in Ehrwald zum SuperTrailXL, der mit 79km und 4.100 Höhenmetern angesetzt ist und das Zugspitz- und Wetterstein-Massiv bis auf die Nordwestseite komplett umrundet. Das bedeutet für mich je nach Verlauf geschätzte 12 bis 14 Stunden Aufenthalt unter freiem Himmel. Es gießt wie aus Kübeln. Es herrschen (positive) einstellige Temperaturen, hier auf knapp 1.000 Metern Höhe. Nach 7km Strecke müssen wir das erste von dreimal auf über 2.000m hinauf. Es soll dort oben schneien. Gut, dass man nichts von den Bergen sieht. Wir könnten auch im Harz stehen. Wir warten auf die Entscheidung der Rennleitung, die quasi in letzter Minute auf der Basis von Einschätzungen eigener Strecken-Scouts (und nicht irgendwelcher Modell-Daten irgendwelcher Wetter-Portale) verkünden will, ob eine Alternativ-Route gelaufen werden muss. Ich bin ehrlich: Ich hab die Hosen voll und hoffe es. Und finde dieses Vorgehen der Orga äußerst professionell. Man ist hier vorbereitet, das Alternativ-Trailbook wurde bei der Registrierung gleich mitverteilt und man weiß, woran man ist.

In meinen Kindheits-Urlauben waren Alpentage wie diese, an denen man die Berge nicht sieht und unter jeder frei in der Luft endenden Dachrinne kostenlos duschen kann, das Schlimmste, weil sie automatisch zur Untätigkeit - was Bergsport angeht - verdammten, maximal konnte man sich in einem Spassbad vergnügen (aber die gab es damals noch nicht). Heute sollen wir laufen. Einen ganzen Tag, und länger ...

Der Posten an der Ausrüstungs-Kontrolle schaut mir tief in die Augen. Er fragt nach einigen vorgeschriebenen Details. Es ist irgendwie klar, dass ich sie in diesem Regen nicht rausfingern muss. Genauso klar ist, dass hier jeder alles dabei hat. Alles andere wäre ansatzweise Selbstmord. Wir begeben uns hier auf eine Gratwanderung, was das Leistungspotential der Ausrüstung angeht. Hier muss alles passen und funktionieren. Und es gibt für unsere Distanz kein drop bag zum Kleiderwechsel unterwegs. Ich weiß, dass ich am Jägerstein bei ähnlichen Temperaturen, etwas weniger Regen, und einer Laufzeit von über 10 Stunden gut klargekommen bin. Das ist jetzt wertvoll und beruhigend. Das einzige, was ich nicht habe, ist eine Regenhose. Bisher habe ich die auch nie vermisst, und die Erfahrungen der Leute dazu sind recht unterschiedlich. Solange man sich rennmäßig bewegt und unter Dampf steht, wird die Kühlung von außen durch die Wärme von innen offenbar ausreichend kompensiert. Eine nicht zu unterschätzende Unsicherheit besteht allerdings für windige Verhältnisse. Wir müssen über 2 oder 3 höhere Übergänge. Da wird es windig sein. Und ich weiß, was wind chill ist.


Heute ist Sommeranfang. Und ich stehe absolut in 100% der Klamotten, die ich auch im Februar bei der letzten Brocken-Challenge anhatte, am Start, also in langen Hosen, drunter lange Compressions-Socken, mittlere Merino-Unterhose, obenrum dreilagig. Im Pack habe ich Ersatz-Handschuhe und -Mütze, ein weiteres langärmliges Teil, Ersatz-Socken, ein Winter-Stirnband und viele Plastiktüten.

7 Uhr 45. Ansage der Rennleitung: Das Feldernjöchl und die Rotmoosalm werden wegen starken Schneefalls ausgelassen. Von der Pestkapelle geht es stattdessen direkt durch's Tal zur Hämmermoos-Alm. Keine Pfiffe, obwohl sich jetzt einige Sorgen um ihre UTMB-Punkte machen werden. Jeder weiß: Das ist heute wirklich vernünftiger so. Minus 3.5km, minus 650hm. Minus eine gute Stunde. Und das Scharnitzjoch bleibt uns auf jeden Fall erhalten ...

Außenstehende werden evtl. schon hier Fragen nach der Verantwortbarkeit der Durchführung des Unterfangens unter diesen Bedingungen aufwerfen. Man muss sich klar machen, dass ein Großteil der Teilnehmer sehr schwierige Abschnitte in weitgehender Erschöpfung und zusätzlich bei Dunkelheit absolvieren werden müssen. Ich persönlich halte das Ganze - ohne im Entferntesten auf den Trendzug "je härter, je besser" aufspringen zu wollen, trotzdem für gerade noch akzeptabel, optimale Ausrüstung und sportliche Vorbereitung der Teilnehmer vorausgesetzt. Eine Haupt-Gefahrenquelle scheidet z.B. schon mal aus: Gewitter! Und mit Nässe, zumindest von unten, hat man sich in den Bergen abschnittsweise grundsätzlich auseinanderzusetzen. Das sind meine Gedanken in den Minuten vor dem Start.

Hinterher sehe ich das immer noch so. Auch wenn ich eine neue Qualität von Nässe erlebt habe. Und weiß, dass die Ausrüstung am Limit war und nicht viel hätte passieren dürfen. Ein Gefühl (natürlich sehr) relativer Sicherheit und Geborgenheit vermitteln unterwegs die tapferen Vertreter der Bergwacht, die mehr als doppelt so häufig wie die VPs über die Strecke verteilt sind und in Zelten oder unter Schutzplanen in der nassen Kälte ausharren. Man wäre wohl tatsächlich nicht krepiert, hätte aber mit hoher Wahrscheinlichkeit grenzwertig gelitten, wenn man durch Unfall oder Erschöpfung zur Bewegungsunfähigkeit verdammt worden wäre. Wie schnell alles von "ok" in "Vorsicht - Gefahr!" kippen kann, erlebe ich auf den 2km vom Ziel ins Hotel, auf denen ich mich in Erwartung der heißen Dusche in Sicherheit wähne und endlich ohne schlechtes Gewissen einfach locker gehen darf und dies auch tue. Sofort friere ich extrem, und ein weiterer Kilometer wäre richtig unangenehm geworden. Es war für mich (wie gewohnt) ein ziemlicher Tanz auf Messers Schneide mit dem Energie- und Wärmehaushalt.

Leidende Kreaturen. Wang-Alm, 1740m - (c) Kelvin Trautman, www.sportograf.com


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Los geht's. Das anfängliche Frieren erübrigt sich wie erwartet schnell auf dem steilen, schmierigen Trail hinauf zur Forststraße Richtung Ehrwalder Alm und VP Pestkapelle. Das mit dem zusätzlichen Vizor als Regenschutz für die Brille (hatte ich in Lam nicht dabei, weil Sonne angesagt war) bewährt sich sofort und über das ganze Rennen. Ja, so funktioniert es mit dem Durchblick! Der fehlt dann aber doch bald - zwangsläufig - angesichts des dichten Schneetreibens auf ca. 1.700m kurz hinter der Pestkapelle. Meine Güte! Die Kühe verkriechen sich unter die Tannen. Ich auch, wenn auch mit anderen Absichten. So ein Klogang mit klitschnassen Fingerhandschuhen etc. ist schon deutlich aufwändiger als unter Normalbedingungen. Dafür sozusagen Wasserspülung gratis. Ich habe noch über 1km damit zu tun, die Handschuhe wieder richtig über die Flossen zu bekommen.

Die Schafe am Aufstieg zum Scharnitzjoch haben ihre Standheizung eingeschaltet - auf ihnen bleibt keine Schneeflocke liegen. Ansonsten ist alles plötzlich ein richtiges Wintermärchen: Frische, weiße Pracht, hin und wieder lugt noch ein vorwitziges Butterblümchen heraus und erinnert an die Jahreszeit. Sichtweite 50m. Eine dunkle Schlammspur zieht sich durch die weiße Landschaft, hier muss man wirklich keine Wegmarkierung beachten.


Ich habe den Abstieg runter ins Haupttal nach Reindlau über die Puit-Alm aus der Urlaubswoche letztes Jahr (zwischen dem leicht verregneten APUT und dem total verregneten Karwendelmarsch) noch gut in Erinnerung, was nicht bedeutet: "in guter Erinnerung": Damals hatte ich als offizieller Tourist verbotenerweise keine Stöcke dabei und bin nur mit Mühe heil durch den Matsch runtergekommen. Die 90jährige Wirtin aus Leutasch, die ihr ganzes Leben in diesem Ort verbracht hat, erzählte, dass sie so einen (Nicht-)Sommer wie 2014 noch nie erlebt habe. Vielleicht droht dieses Jahr schon wieder ein neuer Rekord? Jetzt, zwar mit Stöcken bewaffnet, aber bei noch viel vollständigerer Durchtränkung des Geläufs, wird der downhill wieder ein einziger Eiertanz. Ununterbrochen setzen sich Leute auf den Hintern, inzwischen holen wir von hinten das Feld der in Leutasch gestarteten Supertrailer ein. Es ist manchmal überhaupt nicht mehr auszumachen, worauf oder worin wir uns da eigentlich fortbewegen, eine Mischung aus Schnee, Boden, Kuhfladen - Schlamm eben, farblich etwas heller als eine akzeptable mousse au chocolat.

Unten am Hubertushof bekommen wir wieder festen Boden unter die Füße. Es gibt warme Tomatensuppe mit Einlage und auch sonst wirklich alles, was der (Vegetarier-)Magen begehrt. Gut 30km liegen hinter mir. In sage und schreibe 4,5 Stunden. Bei diesen Hochgebirgs-Trails darf man alle gewohnten Betrachtungen zur pace getrost vergessen. So ganz langsam lerne ich das. Und ich beginne, Frieden mit mir selbst zu schließen: Meine bisweilen vorherrschende Empörung "das ist doch kein Laufen!" wird sukzessive ersetzt durch: "das ist halt eine Parallel-Sportart!" (und am Ende immer noch ein ziemlicher Unterschied zum reinen Wandern) -- Dann urplötzlich ein spektakuläres Natur-Phänomen: Ein Sonnenstrahl! Ja, wirklich. Es regnet auch nur noch leicht. Völlig euphorisch ziehe ich die Regenjacke und die Handschuhe aus und freue mich auf die nächsten einfachen, flachen Kilometer stromab die Leutascher Ache entlang Richtung Mittenwald.

Die gestalten sich aber ganz anders als erwartet. Nach 500m spüre ich irgend etwas Störendes unter dem Fußgewölbe im rechten Schuh. Mein erster Gedanke ist eine große Falte im Socken. Merkwürdig, hatte ich noch nie, aber das wäre ja kein Wunder nach diesem mehrstündigen Spülgang. Mal schauen! OMG, was ist denn das? Die Innensohle hat sich mehrfach gefaltet wie der Balg eines Akkordeons und ist dadurch ca. 10cm kürzer als der Schuh! Keine Chance, das wieder in die ursprüngliche Form zu bekommen. Ich halte auf den nächsten 3km dreimal an, um erneut zu versuchen, das Ding zu richten, aber nach jeweils 200m hat es sich wieder zusammengekräuselt. Einfach rausnehmen und wegwerfen? Nein, dann ist der Schuh zu groß! Socken wechseln, weil das vielleicht was ändert? Quatsch, nach ein paar Metern in den nassen Botten sind die doch auch durchweicht. Weiterlaufen? Ja, wohl die einzige realistische Variante. Ich versuche, möglichst rund zu laufen und nicht zu humpeln. Nach einer Weile hat sich der ganze Salat dann wohl soweit arrangiert, dass es wieder geht. Und als wir nach dem VP Mittenwald wieder steileres und unebeneres Gelände erreichen (es regnet wieder heftig), spüre ich es kaum noch. Also jetzt mit den Maßstäben eines echten Ultra-Trail-Runners gemessen. Am Ende habe ich nicht mal irgendwo eine Blase, was einfach ein Wunder ist. 

Bis zum VP am Ende des Ferchensees (knapp 45km, knapp 6,5 Stunden) zwinge ich mich zum Durchlaufen. Das Terrain und der Weg sind einfach (und trotz des Regens schön!), wenn man die riesigen, wegbreiten Pfützen völlig ignoriert - wie es mir die mich inzwischen überholenden TopTen der Ultra-Distanz vormachen. Und es gibt keinen objektiven Grund zum Wandern. Wenn nicht hier, wo sonst will ich heute noch "Strecke machen"? An der Station dann eine unerwartete, wohl nicht nur von mir freudig aufgenommene Information: Auch die spätere Schleife über den Osterfelderkopf wird aufgrund der Strecken- und Witterungsbedingungen gestrichen. Das bedeutet: nochmal 6km und gut 400hm weniger. Und vor allem das psychologische Plus, bei der Ankunft an der Längerfelder Talstation nicht noch diesen "künstlichen" Umweg machen zu müssen, sondern gleich über weniger als fünf verbleibende Kilometer dem Ziel entgegenstürzen zu können! Keine 25km to go mehr! Ich fange an zu rechnen: Sub 9h? Sub10h? Auf jeden Fall, kein Thema! Der APUT ging ja auch in 9:16, gleiche Distanz, gleiche Höhenmeter! -- Was für ein einfältiger ZUT-Novizen-Fehler!!

Denn auf dem verbleibenden Weg bis ins Trockene erwarten mich noch der downhill über den u.a. aus Hunderten seifig-schmieriger, steiler Holzstufen bestehenden Kälbersteig in die Partnach-Klamm (820m), der Wiederaufstieg über einen tagestypischen Spontan-Bach-Trail zur Talstation der Längerfelder Bahn südwestlich des Kreuzecks (1.640m), der mich wirklich kräftemäßig an die Grenze bringt, und der abschließende downhill nach Grainau, der auf gut 4km Länge gut 800 Höhenmeter überwindet und damit durchschnittlich fast 20% Gefälle aufweist (von einigen eigentlich fehlenden Brücken über Bäche, die dort wohl sonst nicht fließen, ganz zu schweigen). Kurzum: Gegen Ende zweifle ich kurzfristig sogar noch an der sub 11h!

Auf jenen Moment, in dem der triefende Bergwald mich irgendwann doch noch ausspuckt und ich direkt an meinem Hotel in Hammersbach vorbeilaufen muss, um die restlichen 2km bis ins Ziel zu absolvieren, habe ich mich mental seit dem Vorabend immer wieder vorbereitet. Es gelingt dann auch ganz leicht, logisch. Das schaff ich jetzt auch noch! Ich ärgere mich nur ein wenig über einige Jungspunde aus meiner Wertung, die bergab noch an mir vorbeiziehen, nachdem vorher bergauf von ihnen nicht viel zu sehen war. Immerhin nicht meine AK! -- Solche Gedanken befremden mich rückblickend selbst mehr als ein wenig. Ich sollte doch nichts als froh sein, heile wieder hier unten gelandet zu sein. Aber vielleicht liegt in dieser Haltung, die einfach da ist und die ich offenbar nicht willentlich beeinflussen kann, letztlich der Schlüssel zur Bewältigung der Anstrengung und Aushalten der Schmerzen während dieser langen Tage, an denen man gefühlt fast nur gewandert ist und trotzdem nach 70km im Hellen und nicht als Vorletzter ins Ziel kommt.

Das Universum will es, dass ich - wie schon vor drei Wochen im Lamer Winkel - den Zieleinlauf ganz allein in Ruhe für mich habe. Ich kann ihn voll genießen. Von mir selbst erwarten würde ich offen gesagt in diesem Moment ein gewohntes, ernst-gemeintes "Nie, nie wieder!" - Aber das gibt es erstaunlicherweise gerade heute nicht! - Nein, ich spüre, es wird Sinn für mich machen, gerade hierher zurück zu kommen, sich für den 100er zu melden, um die Runde zu komplettieren, um die Berge einmal wirklich gesehen zu haben, um das Feldernjöchl und den Osterfelder nachzuholen, um die Nacht im Wald zu erleben, um noch etwas stärker zu leiden und mich noch länger zu überwinden. Got my mojo workin'. Verstehe das, wer will.

Die 2km nach Hause kann ich in Vorfreude auf die Trockenheit und Wärme voll genießen. Ich bin fasziniert von den glücklichen, entspannten Gesichtern der Läufer kurz vor ihrem Zieleinlauf, die mir ja nun entgegenkommen. Daumen hoch! Wir wissen, was wir durchlebt haben. Immer wieder gehe ich abends auf den Balkon, wo ich direkt auf die Stelle des "Ausspuckens" der Läufer aus dem Wald auf die Straße sehen kann. Bald erscheinen die ersten eingeschalteten Stirnlampen. Die Prozession der Glühwürmchen wird die ganze Nacht nicht abreißen, im kalten Regen von Grainau.

am Scharnitzjoch - (c) Kelvin Trautman, www.sportograf.com







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P.S.
Zum Abschluß ausnahmsweise mal ein Appell:
Passt auf, Leute! Auch wenn es in gewissen Kreisen inzwischen völlig normal zu sein scheint, "den ZUT zu machen", und da sowieso nur "Autobahnen" sind, und mit den Distanzen und Höhenmetern hantiert wird wie mit Messer und Gabel und Klopapier, und sowieso jede/r den schon gelaufen ist, und im Wissen, dass es noch viel, viel härtere und längere Läufe unter noch viel irreren Bedingungen gibt: Das Ding ist ein neudeutsches Brett. Ich bin selbst fast drauf reingefallen (beim 56. Ultra) !

P.P.S.
die technischen Daten:
- Schuhe Brooks Cascadia 9 - Deutlich rutschfester als die PureGrit 3, dafür aber auch klotziger. Das Malheur mit der Innensohle versteh ich erstmal nicht. Ich kann nicht behaupten, dass die Dinger [es waren natürliche andere Exemplare, aber das selbe Modell] beim APUT oder Karwendel weniger durchweicht waren. Ansonsten haben sie diesen extremen Ausflug (genau wie die Füße in ihnen) vollkommen unbeschadet überstanden.
- Regenjacke Pearl Izumi Ultra Barrier - nomen est omen. Kommt nichts rein. Was raus geht, kann ich nicht schätzen. Man fühlt sich wohl, ist aber natürlich trotzdem klitschnaß.

- die Mütze und die Skins-Socken vom BiMa - auch gut, obwohl geschenkt!
- das ururalte Thoni Mara-TShirt, das mal grün war - immer am Start, wenn es drauf ankommt
- das fast so alte Ortovox Competition LangarmZipperShirt (powered by [ein inzwischen untergegangener Stern am Göttinger Outdoor-Himmel]) - unschlagbar
- Salomon Trail Long Tight - funktioniert offenbar prächtig und sitzt auch naß perfekt
- Regenhose wie gesagt nicht vorhanden (und wieder nicht vermisst)
- die NYC 5 borrows-Handschuhe - kein Witz, die sind nicht schlecht
- Ultimate Direction P.B.-Vest - passt auch für diese Bedingungen locker alles rein.
- die Fizan Compact-Alustöcke - auch schon länger dabei. Halten!
- die Lupine - darf nächstes Jahr zeigen, was sie kann.

Am Ende stehen 69,3km auf dem Garmin (310XT), und SRTM behauptet +3.275 / - 3.500m.
Hier ist der track.
Das Ganze ist nach 10:50:49 als 50. gesamt und 6. AK50+ für mich vorbei (aber bestimmt nicht so schnell vergessen).

Montag, 1. Juni 2015

Bis zum Stillstand der Augen - UltraTrail Lamer Winkel

Was wäre, wenn sie jetzt plötzlich ihren Dienst versagen würden? Verstehen könnte ich es. Seit Stunden diese ununterbrochene Strapaze. Da muss doch irgendwann mal Schluss sein!? Durch die beschlagene, betropfte, (jaja, zu schwache auch) Brille nach einer Ecke Ausschau halten, wo ein Schuh (US 14) wenigstens halb hinpasst und sich keine nasse Wurzelrippe versteckt, über die man seitlich abglitscht und kein bemooster oder bealgter Block wartet, sondern einfach: Boden! Und wenn sie diese Stelle (vermeintlich) ausgemacht haben - dann ist das andere Bein längst auf dem Weg nach vorne und kreischt: "Wohin? - Wohin? Gebt Antwort, ihr la(h)men Funzeln!"

ja, wir sind in Bayern
Mein Gott, tat das weh, diesmal weniger in den Beinen als in den Augen. Muskelkater, definitiv!


Dass das heute nicht mein Tag ist, merke ich schon bei km4. Vielleicht hätte ich doch besser unten am See in Arrach bei den Blasmusikanten bleiben sollen, die um 7 schon bei ihrem ersten (?) Hellen waren.

Sanna zieht locker bergauf an mir vorbei. Mir doch egal. Lauf doch! (Vielleicht sehen wir uns dann ja doch 2 km vor dem Ziel wieder, wie letzte Woche in Bad Harzburg? Schön wär's!) Jan auch irgendwo vorne - gut so. Lauft alle weg, dann hab ich hier meine Ruhe. Von wegen - ständig rückt jemand von hinten ran und drängelt. Jaja, gleich, wenn es irgendwo geht, darfst du vorbei! Mein Gott war das herrlich - allein auf den Trails im Hunsrück. Genau, die waren sowieso viel besser - und Buchenwald (und nicht diese elenden Fichten, die dir mit ihren seitlich rausragenden Aststummeln die Regenjacke aufschlitzen - danke!!). "Flowig" soll das hier sein? Da musst du wohl 23 und sehr, sehr unbekümmert sein, damit du da drüberfliegst. Bin ich beides nicht mehr. Hier heute in der Senkrechten durchkommen und mittelwürdig ins Ziel, das ist alles, worum es für mich noch gehen kann. Na klar, stimmt, die letzten 14 Tage waren etwas voll mit km und hm, es sollte ja auch alles nur Test und Training sein.

Lass das "T" von Letzterem weg - und that's what it is - raining. Die Jacke ist dicht, der Sturm auf dem über 1100m hohen, teilweise gratartigen Rücken, dem wir bis zum Kulminationspunkt am Großen Arber (1456m) über gut 15k folgen, kommt immerhin von hinten. Ein kleinlautes Friedensangebot, oder was? Die Wetterleute gehören alle gefeuert, hier war purer Sonnenschein angesagt (kommt dann auch, am Tag danach, wo wir vor der Heimfahrt vom Kleinen Osser aus noch mal die gesamte Route bewundern und sehen, was wir am Lauftag im Nebel nicht mal ahnen konnten [obwohl: man hätte dann jeweils schon stehen bleiben, die Äuglein neu justieren und ihnen sagen müssen: Guckt mal - da!, vgl. o.]).

von rechts nach links ging es auf der Horizont-Linie entlang, in der Mitte Gr. und Kl. Arber


Ich kriege das hin - das mit der Motivation. Ich stelle mir nicht die Frage: "Was soll das? Was mache ich hier? Warum regnet es immer bei Bergläufen?" Ich weiss, dass es hier keinen, bzw. nur einen (viel zu späten) Ausstieg gibt. Die anderen müssen auch durch. Das hilft. Und die paar guten Geister, die an den unwirtlichsten Punkten im Nirwana stehen und ihre Kuhglocken schwenken. Und Nolle, die mir gefühlte 5mal irgendwie von irgendwelchen Gipfeln strahlend lächelnd entgegenrennt und "Brocken Challenge!!" brüllt. Irgendwelche Irren cranken beim downhill vom Arber an einer romantischen Ski-Hütte den punk und das ist so irreal, dass ich fast flenne. Es gibt noch freaks.

Hoch zum Zwercheck. Ja, immer schön die Direttissima, klar. Ist ja auch besser so, dann ist es schneller vorbei. Oben Bergwacht im Sturm und Regen. Und ein Plateau. Bestimmt tolle Aussicht (sonst). Flach = laufen!? Denkste. Geht nicht. Zu irre verblockt. Runter (logisch, genau so direkt wie rauf) und nochmal hoch zum Osser. - Ey - Moment mal! Mich hat schon recht lange keiner mehr überholt!? Aber ich habe 5 eingesammelt auf den einzigen 4km eine von diesen bei Todesstrafe verbotenen, elenden, glatten, unverwurzelten Forststrassen entlang. Pace 4:39 nach Marathon und gut +2.000hm. Ja, laufen geht (immer), aber nicht "trailen". Scheisse, macht aber trotzdem Spaß.

Der Typ am Gipfel mit der Filmkamera hat mich voll erwischt, ich dachte es wär ein Tourist. Wenn das gesendet wird, wie ich da hochkrieche zum Osser, muss ich meine Karriere vorzeitig beenden. "Jetzt geht es nur noch bergab!" - "Auf Wegen?" - "Auf bayrischen ...!" - Nach dem Großen kommt der Kleine Osser, und damit ist das "nur noch bergab" wie erwartet hinfällig. Ich baller (nur noch um 100% getoppt von den mich jetzt überholenden Spitzenläufern des 13km-Bergsprints) den rauhen Steig runter und überhole und überhole. Mann, pass bloß auf jetzt. Mach keinen Mist!  Dann  der "Holy Trail" - holy shit - sind die hier völlig durchgeknallt? Nein, ich muss nicht draufpinkeln (ist hier nämlich aufgrund des Sonder-Status verboten). Ich will nur noch nach Hause!!

Ich hab die Zielgerade auf dem Marktplatz ganz für mich allein! Geil. Unerwartet genial. Also ist das wirklich alles mein Applaus!? 50m roter Teppich. Ich trudele aus. Statt Medaille gibt es einen Schnaps zum Umhängen.
Und Sanna, die schon seit 20min auf mich wartet. Aber sie hatte heute ja auch Schuhe an.

das Podium der W40


P.S.
doch noch ein paar technische Anmerkungen:

- die Brooks Pure Grit III bekommen diesmal nur eine DreiMinus. Nasshaftkraft nicht wirklich überzeugend (obwohl: irgendwo gibt es wohl physikalische Grenzen). Die Füße sind nach der Tortur aber absolut intakt und blasen- und druckstellenfrei, was auch nicht unwichtig ist. Und auch ohne Gamaschen ist nichts von oben reingefallen.
- die Ultimate Direction P.B. Vest war wieder absolut tadellos, da vermisse ich nichts (und Wasser läuft offenbar auch gut ab)
- das gilt (im übertragenden Sinn) auch für die Pearl Izumi Ultra Barrier. Dicht und mollig warm, Kapuze geht nicht besser. Und schön grün.
- Stöcke blieben zu Hause. Insgesamt richtige Entscheidung. Manchmal hätte ich sie mir kurz gewünscht. Aber ca. 30% hätte man sie auf jeden Fall nutzlos rumgeschleppt. Und auf den anderen 70% hätten mir die zusätzlichen Augen gefehlt, die Dinger sinnbringend im Gelände zu positionieren.

Sonntag, 17. Mai 2015

Der auf dem Pfad tanzt - Saar-Hunsrück-Supertrail


Was ist ein Trail?
Zur Beantwortung dieser Frage wird wohl fast jeder sein ganz persönliches Bild vor dem geistigen Auge entwerfen. Für mich ist es ein gewundener, erdiger, mannsbreiter Pfad durch den Wald. Und somit trägt der Saar-Hunsrück-Trail seinen Namen vollkommen zu recht, und auch das "Super" in der Namenserweiterung ist ein zutreffendes Attribut. Mehr "Trail" wird in Deutschland kaum irgendwo gehen! (Ok, ich weiss, das hab ich schon mal geschrieben! Dieses Deutschland hat schon irre Ecken!)

Meine Güte - wo anfangen? Der erste Kontakt zu der Veranstaltung rührt vom Drücken eines Werbe-Buttons auf trailrunning.de. Der zweite Kontakt ist dann die Homepage, die ein schweres DejaVu hervorruft: So was (kein Geflimmer von irgendwelchen Bannern, letzter Eintrag unter Neuigkeiten mehr als ein halbes Jahr alt, keine wirkliche Streckenbeschreibung geschweige denn ein Höhenprofil (was bei +3.400hm doch irgendwie interessant wäre)) kenne ich bisher nur von der Harz-Querung. Und die mag ich ja (nicht nur wegen ihrer Homepage). Später stellt sich heraus, dass es tatsächlich eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Veranstaltungen gibt. Die Startnummern bei der Harzquerung bestanden oft aus der Rückseite überzähliger Vorjahres-Urkunden. Beim SH-Trail besteht die Startnummer aus zwei in der Mitte mit Tesafilm zusammengeklebten Teilen irgendeines wahrscheinlich irgendwie besonderen Papiers. Sie hat gehalten!

Der SH-Trail ist, um das kurz zu machen, eine Veranstaltung von Läufern für Läufer, die mit vollem Herzblut von den 3 involvierten Generationen der Familie um Orga-Chef Bernhard Sesterheim und weiteren Freunden dieses Jahr zum 5. Mal auf die Beine gestellt wird. Es ist eine im positivistischen Sinne minimalistische Veranstaltung (die auf 80 Teilnehmer beschränkt wird) - das beginnt bei den "Startunterlagen", die in einer Papiertragetasche überreicht werden und neben der beschriebenen 2teiligen Startnummer noch einige Blatt Informationen zu den beiden Lauftagen enthalten - und sonst nichts. Kein Shampoo, keine Flyer, keine Werbedreck. Es geht weiter bei den Quartieren: Veranstalterseitig werden Blockhütten (mit Holz-Podesten als Betten ohne Matratze) oder die Zeltwiese angeboten. Man hat aber die Möglichkeit, sich privat im Gästehaus des Sportzentrums Peterberg zu Braunhausen (bei Nonnweiler, alles klar?) einzumieten. Wohltuend einfach geht es bei der Streckenfindung weiter: Bis auf die ersten 3km am ersten Tag und die jeweils letzten 5km der beiden Lauftage geht es zu 100% auf dem bestens ausgeschilderten Saar-Hunsrück-Steig entlang - ohne Ausnahme. Das Leben kann so einfach sein.

Das Veranstaltungs-Paket umfasst die beiden Lauftage (Bus-Transfers zu den Startpunkten, VPs), bis zu 3 Übernachtungen in Blockhütte/Zelt und 2mal Frühstücks- und Abend-Buffet im Gästehaus sowie T-Shirt mit Goldprägung, Medaille und Grillen nach dem Zieleinlauf am 2. Tag. Der Peterberg dient somit mittlerweile (bei den ersten Austragungen war das wohl noch anders) als zentrales Base-Camp ungefähr in der Mitte der zu laufenden Streckenabschnitte. Am ersten Tag geht es über gut 66 km aus der Nähe von Idar-Oberstein, also aus Nordosten kommend, hierher zurück, am 2. Tag über 59 km direkt aus Trier, also aus nordwestlicher Richtung. Das Zielbanner hängt keine 100m von meinem Zelt entfernt, und die Aussicht, sich nach der Ankunft sofort ins Gras oder auf die Matte fallen lassen zu können, hat für mich immer etwas sehr Beruhigendes.

der Kenner sieht, wo ich gewohnt habe

Beim Abendessen vor dem ersten Start sehe ich mal nicht nur die gewohnten Gesichter (einige natürlich doch), was aufgrund der heimat-fernen Lage (tatsächlich: ich laufe zum 1. Mal im Saarland! - oder wird es vom Heiligabend-Marathon nebenan auch berührt?) nicht ganz überraschend ist. Es gibt natürlich Pasta (mit und ohne tierischem Protein/Fett) und ordentlich Salat. Und ordentlich Mutmaßungen über das morgige Wetter. Es scheint wohl zumindest klar zu sein, dass es nicht trocken bleibt. Nun ja, bei Temperaturen im deutlich 2stelligen Bereich verschmerzbar. Was auch nicht klar zu sein scheint, sind die Längen und Höhenmeter der Etappen (und die Lage der VPs). Obwohl mich dies sonst alles brennend interessiert, spüre ich eine gewisse Schicksalsergebenheit in mir aufsteigen. Wird schon alles gut gehen - und ich habe ja auch nichts weiter vor als seit ewiger Zeit mal wieder 2 ordentliche Distanzen an 2 Folgetagen zu absolvieren (sozusagen der Startschuss in die konkreteren TAR-Vorbereitungen).

Auch, dass man mich in die "schnelle" Gruppe einsortiert hat, nehme ich gelassen hin. Ich erinnere mich an den Deutschlandlauf, wo ich auch einige Tage dem Rudel der langsameren Frühstarter hinterher gehetzt bin. Das "Einsammeln" war immer eine nette Abwechslung während der Stunden unterwegs. Hier wird die größere Gruppe (52) um 7.00 losrennen, die 19 übrigen Leute dann um 8.30 Uhr. Jeweils eine Stunde früher ist die Bus-Abfahrt zum Start. Und davor das (umfassende) Frühstück. Also letztlich doch alles recht zeitig - und so krieche ich dann schon um 21h in das noch trockene Zelt.

Ich bin gut organisiert - und so braucht es nur etwas gymnastische Geschicklichkeit, irgendwann nach Mitternacht, als der prasselnde Regen mich geweckt hat, für den Weg zum Pinkeln den unter dem Vordach wartenden Regenschirm so aufzuspannen, dass möglichst wenig Wasser ins Innere tropft und ich selbst tatsächlich auch trocken bleibe. Weia - das ist alles richtig nass! Welche Schuhe nachher? Hatte gehofft, wie beim Bilstein nach einigen Tagen Trockenheit wieder in Pure Connect rennen zu können. Wird es hier schmierig sein? Viel roter Buntsandstein hier in der Gegend (jedenfalls in der Pfalz). Ich nehme am Ende (an beiden Tagen) die Pure Grit I (letztes Jahr nochmal für unschlagbare 54 Euronen erwischt!) und komme mit ihnen - obwohl sie auf nassem Asphalt ein Pure Joke sind - bestens zurecht. Das beschreibt - indirekt - wohl recht anschaulich den Teer-Anteil. Übrigens: Schmierigen Lehm gab es dann unterwegs auch nicht, alles sehr schön erdig.

Der Niederschlag wandelt sich dann im Morgen-Grauen (nomen est omen!) in einen dichten Niesel, das Ganze aber GsD bei moderaten Temperaturen von deutlich über 10°. Jedenfalls hier, auf ca. 450m NN. Wir werden heute aber größtenteils zwischen 600 und  800m unterwegs sein - und wenn ich da so an den Harz denke...

Es ist immer wieder erschreckend, wenn man vom späteren Zielpunkt aus motorisiert zum Start gekarrt wird, richtig lange unterwegs ist und von daher eindrücklich vorgeführt bekommt, was die zu bewältigende Aufgabe sein wird. Es erscheint kaum vorstellbar und machbar. Zumal der SH-Trail heute weißGottnicht der kürzest möglichen Route folgt. Aber man hat gelernt, dass es dann immer wieder doch geht und so viel sieht man heute zum Glück draußen nicht ("Existiert im Hunsrück überhaupt Leben?"), denn alles ist wolkenverhangen und trüb und grau. Ganz im Gegensatz zur Stimmung im Bus.

Am Parkplatz der Ruine Wildenburg (640m) - about in the middle of nowhere, ein paar km nordwestlich von Idar-Oberstein - werden wir rausgelassen, und Bernhard und sein Team erwarten uns bereits zum "briefing". Das wird wegen des Regens unter einem Vordach abgehalten und ist wirklich brief. Im Kern hält Bernhard zwei Wander-Markierungsschilder hoch. Beide zeigen das SH-Trail-Logo. Eins ist lila, das andere grün/blau. "Ihr lauft immer nach dem grün/blauen, das lila ignoriert ihr!" Kann ich mir merken. Es wird runtergezählt von 10, dann startet seine Frau die Rennuhr.

Los geht's - endlich!
Start 1. Tag: Bernhard erzählt, wo's lang geht

Bereits der Weg, der uns die ersten km "nach Osten" noch ohne SH-Markierung in den Wald trägt, würde mancherorts als "trail" durchgehen. Ich konzentriere mich auf nichts als das Erspähen jener zunächst entscheidenden Stelle, wo irgendwelche weißen Pfeile oder weißen Punkte (auch "Quallen" genannt, wenn vom eigentlich Punkt runtergelaufene Farbe das Ganze am Ende so aussehen läßt) scharf nach links weisen werden und wir ab dort "60km den grün/blauen Schildern bis zur Staumauer nachrennen" sollen. Geschafft - da ist er: DER TRAIL! DIE SCHILDER! - und der Tanz kann beginnen.

Ja, es ist wirklich schon sehr bald ein wahrer Tanz auf und mit dem Pfad, der uns durch fast alpin anmutende Felsformationen über die Kammlinie zunächst zurück zum Ausgangspunkt führt und dann weiter über aussichtsreiche Blockhänge steil hinunter ins Tal des Idar-Baches geht, drüben wieder hoch über den Silberich (km 12), hinunter an Langweiler vorbei, hinauf den Idar-Wald auf 710m Höhe querend, hinunter durch die glitschige Steg-Runde im Ortelsbruch bei Morbach (km 24), bevor sich die Laufrichtung endgültig von Nordwesten nach Südwesten wendet und die Erklimmung des Erbeskopf über den Skihang nach 39km ansteht (und ich meinen bis-dato-Laufpartner Christopher endgültig aus den Augen verliere). Ja, es ist ein Ski-Hang und es ist steil, trotzdem kein Vergleich zum Kollegen am Schneekopf. Es folgen die teilweise urigsten, für mich einsamen Trail-Abschnitte durch den Nationalpark-Hochwald hinunter über die Lichtungen bei Börfink (km 48) und die lange Passage am Friedrichskopf vorbei Richtung Dollberg und dann runter zur Talsperre bei Nonnweiler (km 61), an der wir auch morgen wieder den Endspurt nach Braunshausen einläuten werden.

Es wird zusammengefasst eine Art zweitägige Schnitzeljagd fast ausschließlich durch die Buchen- und Fichtenwälder des Hunsrücks, einige Male über offene Feldfluren, nie, wirklich fast nie (1mal?) durch Dörfer. Das Ausspähen des nächsten "hellen Flecks" an einem Pfosten oder Baumstamm (mehr kann ich durch die nasse Brille, die zudem bekanntermaßen nicht mehr ganz die aktuell erforderlichen Korrekturwerte aufweist, aus der Entfernung zunächst meist nicht erkennen) macht unglaublichen Spass, ist wesentlich angenehmer als das Navigieren nach GPS-Track - und lenkt vom eigentlichen Gegenstand des Unterfangens, dem Laufen und der damit über kurz oder lang verbundenen Anstrengung, phasenweise vollständig ab. Es sei vorweg genommen: Wenn man sich wirklich konzentriert, kommt man auch als völlig Landschaftsunkundiger wie ich ohne Schnörkel ins Ziel (ok, ich weiß, das würden jetzt nicht alle Teilnehmer unterschreiben, die 'Besten' haben abends 73km auf der Uhr ...). Ein bißchen Mut gehört vereinzelt aber auch dazu, wenn man sich eisern an die Losung "60km grün/blau" halten will und daher Fällarbeiten-Absperrbänder schon mal ignorieren muss. Die Stellen, wo irgendwelche Blödmänner die Schilder geklaut haben, halten sich sehr in Grenzen, oder es gibt doch nicht so viele Blödmänner wie man denkt oder die Tourismus-Verbände kontrollieren den Weg ständig oder es gibt als letzte Rettung eine (verblasste) Qualle. Das Grundkonzept der Markierung ist professionell: An jeder (!!) Stelle, wo man sich fragen könnte: "Wo jetzt lang?", findet man ein Schild (manchmal verdeckt durch einen belaubten Ast), und nach dem Einschlagen der neuen Richtung gibt es zu 95% nach 20m noch mal ein "Bestätigungsschild". Läuft man mal ausnahmsweise mehr als 100m in eine Richtung, wird einem die Route durch "Zwischen-Schilder" bestätigt. Es müssen insgesamt hunderte (tausende?) gewesen sein, die wir auf diesen gut 125 km durch die wildesten Urwälder, Bachtäler, Feldfluren passiert haben.

Schnell begreife ich die Philosophie der Routenfestlegung des Fernwanderwegs: Es geht keinesfalls darum, auf kürzest- und flachest-möglichem Weg zwei Punkte zu verbinden. Der Weg trägt dich vielmehr an die kitschig-romantischsten Läufe kleiner plätschernder Bäche heran, nur für 50m, dann wieder zurück in den Wald. Er zeigt dir Aussichtspunkte, an denen du auf direkter Route vorbeigerannt wärst. Er zeigt dir kulturelle Zeugnisse wie imposante keltische Ringwälle, römische Wasserleitungen und historische Eisenbahn-Viadukte. Er lässt dich über Blockhalden und über Felsburgen turnen und belohnt dich danach mit matratzenweichem Untergrund im Hochwald. Er führt dich über superseifige Holzbohlenstege durch die Hochmoore und versöhnt dich danach wieder mit dem griffigsten Waldboden, den man sich wünschen kann. Er quält dich kilometerlang über verblockte, verwurzelte Kammlinien. Du lernst, woher der "Hunsrück" seinen Namen hat und das ein "Rücken" etwas anderes ist als ein Berggipfel (wo du auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder runter laufen kannst und weißt, wann du oben warst). Ein Rücken ist vor allem langgestreckt und hat viele kleine fiese Zwischenerhebungen und du glaubst bald nicht mehr, dass es jemals wieder bergab gehen wird (außer einmal: Wenn Du am Dollberg bei km 56 den "höchsten Punkt des Saarlandes" (695,4m) erreicht hast (und auch dein Ziel im Saarland liegt), kann es nach menschlichem Ermessen (erstmal) nur noch bergab gehen (natürlich rein topographisch gesehen).

Auf die körperliche Gesamt-Konstitution sollte das mit dem Bergab-Gehen auf keinen Fall zutreffen - zumindest heute noch nicht. Hier heute bloß kein wörtliches Himmelfahrts-Kommando starten! So war der ganze Tag -  neben dem Suchen von Wegmarkierungen - von Analysen des eigenen Systemzustands geprägt. Ich musste heute nachmittag in guter Verfassung ankommen, wenn ich morgen noch eine realistische Chance auf die erneute Bewältigung einer fast identischen Distanz haben wollte - zumal der Start morgen tiefer als der Zielort liegen würde. Dazu hatte ich einfach zu wenige Trainingskilometer in den Beinen (und im Zweifelsfall eher zu schnelle). Ich hatte mich von vornherein auf Quasi-Autarkie eingestellt und laufe mit Pack (Regenjacke, first aid, Riegel, Trinken). An den VPs (die manchmal doch gehörig weit auseinander liegen, am 2. Tag laufe ich mit zwei statt einer Flasche) tanke ich Salzstangen und Cola/Malzbier (diese Cola-Geysire, wenn die beim Weiterlaufen aufgeschüttelte Kohlensäure die Saugnippel der Brustflaschen aufpresst, haben schon was Bizarres). Ansonsten erprobe ich erfolgreich eine neue Strategie, das Essen - vor allem jenseits der 40k-Grenze - nicht zu vergessen: Hamstermäßig zergehen ohne eigentliches Kauen ständig Bröckchen der köstlichen Chocolate/Coconut-OrganicRawFoodBars in meinen Backentaschen.

Mit Erfolg: Ich komme seltsam "unfertig" nach 7:32h und 66.5km mit +1.700/-1.900hm (lt. SRTM) zusammen mit Thomas, der mir die steile Rampe den letzten km hinauf zum Camp das Gehen verbietet, als Tages-Fünfter an. Nach dem Rennsteig fühlte ich mich immer ganz "anders".

Herrliche Dusche (cola-frei) und dann chillen bis zum Abendessen in der strahlenden Abendsonne im Stuhl vor dem Zelt. Ja, es hat irgendwann noch aufgehört zu regnen! Genau wie letztes Jahr beim APUT. So anstrengend das Laufen auf den Wurzel-Trails, über die höchste deutsche linksrheinische Erhebung (816m) und über die Steine des Dollberg-Rückens auch war: Das Gute daran ist offenbar, dass jeder Schritt anders ist und einem das "Gestell" auch nach dieser Belastung nicht weh tut. Ich kann mich völlig "unauffällig" bewegen (ganz im Gegensatz zu vor 3 Wochen nach dem HH-Marathon) und es gibt auch keine Krämpfe beim Einnehmen "ungewohnter" Positionen. Ich nutze dieses high und packe schon mal alles für die 2. Etappe. Es soll trocken, sonnig und warm werden. Schulterfrei! Gleiche Schuhe! Gleiche Riegel!

Am nächsten Morgen wache ich tatsächlich erst vom 6:00-Wecker auf! Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass mir das vor einem Rennen schon mal passiert ist. Na klar, gestern "Sport gemacht", nachts erst in der sternklaren Nacht gefroren, dann den 2. Schlafsack (selber-auf-die-Schulter-klopf!) rausgeholt und dann wohl richtig entspannt. Schon wieder bin ich überrascht, dass ich problemlos (wie ein normaler Mensch) in die Schuhe komme! Donnerwetter. Keine Muskel- oder Gelenkschmerzen. Füße absolut i.O. Garmin geladen. Auf geht's zur 2. "Runde".

Die führt uns bald hinter Trier zum tiefsten Streckenpunkt beider Tage auf 160m NN bei Waldrach (km 10). Dahinter wartet nach etlichen steilen Stichen an der Riveristalsperre entlang der Rösterkopf mit 640m nach 25km. Danach einige "Wellen" zwischen 450 und 600m über Kell am See und nach Osten südlich an Hermeskeil vorbei und dann 5km runter (auf der Karte und in der Landschaft) durch das malerische Forstelbach-Tal ins Ziel (bzw. besser gesagt: nach Nonnweiler, das Ziel liegt ja am Rand der Ortschaft am Hang). Diesen moderaten Eindruck vermitteln jedenfalls die Profile der Wander-Etappen, die ich mir vorab auf der Saar-Hunsrück-Wander-Homepage zusammengesucht habe. Im Prinzip stimmen die auch, aber viele kurze steile Stufen, z.B. in den Weinbergen am Anfang, gehen dort graphisch unter.

Das Antraben gelingt ganz manierlich, schnell muss ich hinter den Busch und kehre als Letzter der 19 Leute von der 2. Welle (nee, es sind heute ein paar weniger ...) wieder auf die Strecke. Überhole den Pulk vor mir. Die ersten 3 (mindestens) sind optisch entschwunden. Bis mich der erste von ihnen auf einmal überholt. Grins! Sie haben mal wieder (wie übrigens auch gestern gleich zu Beginn) eine kleine Ehrenrunde eingelegt. Bald folgen auch Nr. zwei und drei, die gestern um die 20-30min vor mir waren und die ich bereitwillig enteilen lasse. Die Hackordnung ist somit wieder hergestellt (und soll sich bis ins Ziel nicht mehr ändern).

Während es gestern noch recht spannend war, nach wieviel km man die ersten (also hintersten) Läufer der frühen Startwelle, die ja 90min Vorsprung hat, einholen würde (es war dann ca. nach 24km so weit), bin ich heute gespannt darauf, ob es ähnlich schnell werden wird und ob die Leute in ungefähr der gleichen Reihenfolge unterwegs sein würden. Man hat ja sonst keine Ablenkung (außer grün/blaue Schilder, viele Steine, Wurzeln (hahaha, ich stelle mir vor, man würde hier die Wurzeln wie bei einigen anderen Läufen mit Warnfarbe ansprühen - das würde Monate dauern!), und Wald, Wald, Wald, dunkelgrün, hellgrün, lichtdurchflutet, schattig, feucht, nass). Es passierte dann (wie erwartet) etwas früher (km19), und es war im Wesentlichen die selbe Reihenfolge. Die Überholten ahnen vielleicht gar nicht, wie sehr man sich als "Elite"-Läufer zusammenreißen muss, noch so weit voraus locker weiter den Hügel hochzutraben (den man sonst lieber wandern würde), bis man wieder außer Sichtweite ist. Udo mit seiner vierbeinigen Begleiterin, den ich gestern erst kurz vor 60k erwischte, erreiche ich heute nicht mehr, und das Team "lahm&taub" hole ich gerade noch an der Staumauer ein.

Zuvor, nach dem letzten VP bei km48 auf diesem ätzend langwierig zu erklimmenden letzten 600m-Rücken, muss ich dann in absoluter Siegesgewissheit und Tiefenentspannung ("nur noch bergab durch dieses Tal ballern") noch mal stolpern. Wieder fangen mich wie beim TGC die Trinkflaschen vorne einigermaßen sanft auf. Eine Art Läufer-Airbag. Spart Schürfwunden und kaputte Klamotten, kann aber zu (heftigen) Rippenprellungen führen. Noch nicht ganz ausgereift das Ganze. Am besten man bleibt in der Senkrechten. Diesmal gibt es keine schicke neue Narbe (Läufer-Tattoo), sondern wirklich nur oberflächliches Haut-Geraspel. Es war ja auch eine von diesen famosen weil humosen Waldbodenstellen, wo eigentlich nichts schief gehen kann. Worüber ich gestolpert bin? Keine Ahnung.

Im Ziel nach 59.5km und +1.500/-1.300hm (SRTM) als Tages-Vierter in 6:53h gratuliert mir der Chef persönlich und junge Damen hängen mir die Medaille um, kaum dass ich Luft holen kann. Perfekt! Haken hinter. Die Bratwürste sind auch schon schön kross. Leider keine aus Tofu.

Ach ja, das Wetter! Sie (die Frösche) haben es immer noch nicht im Griff. Kein bißchen! Ich renne schulterfrei und es beginnt unterwegs auf 600m zu wehen und zu nieseln! Insgesamt 3min Sonne heute! Wehmütige Erinnerung an die herrliche Abend-Atmosphäre gestern (am Regentag). Frösteln allerorten.

Ich verkrieche mich in die Schlafsäcke und lausche auf das Knattern des Zelts im Wind und das gelegentliche Klatschen des Ziel-Kommitees bei der Ankunft eines späten Läufers. Es ist 18.30h und im Gegensatz zum BL-Abstieg bin ich schnell entschieden: Ich brauche keine 15min, dann ist entgegen der ursprünglichen Planung, hier nochmal zu übernachten, der Astra startklar. Er katapultiert mich mit Rückenwind in sub4h nach Hause. Die insgesamt knapp 1.000 Fahr- und Lauf-Kilometer dieses langen Wochenendes haben sich mehr als gelohnt.

Wer Trail laufen möchte - gefühlte 80-90% -, sollte mal in den Hunsrück fahren.

Herzlichen Dank an alle Beteiligte für dieses großartige Lauf-Erlebnis!!


Tracks mit VPs:
1. Tag
2. Tag


P.S.
Zwei Sachen haben mich abschnittsweise gestört - und gegen beide sind die Veranstalter natürlich absolut machtlos:

1. Wenn Du durch diesen sagenhaften (Natur-)Wald joggst, möchtest Du nur die Vögel hören, höchstens ab und zu mal eine Motorsäge. Auf keinen Fall aber irgendwelche Kampf-Jets über dir in der Luft.

2. Ja, der Hunsrück ist schön hoch und windig. Man sollte aber trotzdem überlegen, ob man nicht wenigstens an einigen Stellen auf diese Monster-Windräder verzichtet.


P.P.S.
Alles Kopfsache:
"Heute hätte ich keine 3. Etappe laufen können!"

(na logisch, es stand ja auch keine mehr an!)




Samstag, 2. Mai 2015

1. Quartal 2015

What’s lost is lost, we can’t regain what went down in the flood


Next exit: Saar-Hunsrück-SuperTrail

Montag, 16. Februar 2015

die 5. Jahreszeit



Im Dunkeln geht es los, das Renne.
Am Anfang tun paar Fackeln brenne!
Manch harter Ultra muss da flenne
kei' Angst:  Du bist nicht zu erkenne.

Zum Hellberg hoch - jetzt ohne Quatsch,
da gibt es jede Menge Matsch!
Da hilft nur eins: Ich glaub, ich latsch!
Was kümmert mich danach der Tratsch ...

In Rüdershausen passt gut auf:
Da macht'n scharfen Knick der Lauf.
Steil geht es zur Kapell' hinauf,
das wird ein herrliches Geschnauf.

Legendär ist der Entsafter! 
dem Läufer raubt jede Menge Kraft er!
Ungläubig auf die Steigung gafft er,
bald aus dem letzten Loche pafft er.

Der Entsafter, der ist legendär!
Schnell werden hier die Beine schwer.
die Flaschen, die sind auch bald leer.
Manch einer wandert (als Ersatzverkehr ...)


Zu viel der Müh!
Es sticht im Knie!
Nein: nie! nie! nie
wieder lauf ich die BC!

Jetzt sind wir an der Lausebuche.
Ein Ort, wo viele tun schon fluche ...
Verzweifelt nach dem Weg ich suche:
denn Umweg schlägt mit Zeit zu Buche. 

Von Königskrug bis Oderbrück 
da braucht man jede Menge Glück!
Schon lang nicht mehr gibt's ein Zurück.
Ich werd' es schaffen mit Geschick.

Jetzt ist er schon zu seh'n, der Brocken. 
Es sei denn, 's toben wild die Flocken.
Ich will nur eins noch: Endlich hocken!
Und raus aus diesen heißen Socken.

Zu viel der Müh!
Es sticht im Knie!
Nein: nie! nie! nie
wieder lauf ich die BC!