Die goldene Regel für diesen Blog lautet ja: Nur schreiben, wenn ich auch Lust habe und es was zu berichten gibt. Das ist heute gar nicht so leicht zu beurteilen: Sitze ich nicht allein deshalb vor der Tastatur, weil es da draußen wie aus Kübeln schüttet? Hatte ich gestern unterwegs die meiste Zeit über nicht einfach einen leeren Kopf?
Dabei fing der Tag so verheißungsvoll an. Als ich um 4.30h die Klamotten ins Auto lade, um von Leutasch zum Start des Karwendellaufs nach Scharnitz zu starten, traue ich meinen Augen nicht: Auf der Dorfstraße, keine 50m entfernt, steht ein kapitaler Hirsch, ein riesiges Tier, wie ich es in freier Wildbahn noch nie gesehen habe. Er beobachtet mich ein Weilchen und trottet dann gemächlich weiter durch die Gärten Richtung des Hangfusses, um dort in den steilen Wald zu verschwinden. War das jetzt echt oder wieder nur einer dieser verrückten PreRace-Träume vor (zu) frühen Starts?
Wider Erwarten regnet es nicht, und das Thermometer zeigt lauschige 15°C hier oben auf 1.100m an. Vielleicht wird es ja doch was mit einem Lauf unter "einigermaßenen" Bedingungen. Von den bisherigen 5 Auflagen des "neuen" Karwendelmarsches sind allerdings nicht weniger als 4 ins Wasser gefallen. Letzte Woche beim APUT habe ich zwar erfahren, dass man durchaus auch in den Bergen im Regen laufen und einen gewissen Spass haben kann, aber natürlich würde ich Trockenheit und Sicht vorziehen. Den Wettervorhersagen konnt man letztlich nichts wirklich Aussagekräftiges entnehmen, zu wankelmütig kamen sie über die vergangenen Tage daher (und meist zu optimistisch). Wie auch immer, ich bin für alle Eventualitäten ausgerüstet, diesmal auch für unbeleuchtete Dixies vor dem Start.
Ich bereue nicht, bereits eine Stunde vor dem Start um 5h auf dem "Event"-Parkplatz (der im Normalfall von den Myriaden von MTBlern eingenommen wird, die von hier aus das Karwendel erstürmen) anzukommen und noch einen halbwegs unzuparkbaren Slot zu erwischen. Das Dropbag für das 52km entfernte Ziel in Pertisau am Achensee - go straight east! - ist auch fertig, also auf zum Start am Gemeindehaus, das ungefähr 1k entfernt ist. Es nieselt nur leicht, ist nach wie vor fast warm, und ich entscheide mich angesichts der auf den ersten 18k bevorstehenden 900 postiven Höhenmeter die Regenjacke lieber gleich in den Laufrucksack zu packen. Auch die ewige Frage "Startnummernband oder nicht" wird wieder zugunsten der eigentlich nicht vorgesehenen rückwärtigen Montage am Laufrucksack entschieden - die Wanderer, die den Großteil der Teilnehmer der insgesamt damit zurecht "Karwendelmarsch" titulierten Veranstaltung stellen, machen das ja auch so.
Pünktlich 10 min vor dem Start beginnt es zu regnen, zunächst - dann zu schütten. Obwohl ich so was hasse, entscheide ich mich noch um 5:57h dazu, das Icebreaker long sleeve aus- und die Regenjacke anzuziehen. Ich bin voll konzentriert und vergesse nicht einmal, das Shirt im Rucksack auch in eine Plastiktüte zu stecken. Ohne (= nass) würde es mir nicht viel nützen, wenn ich später darauf zurückgreifen muss. Noch immer stehen die meisten in Kurzarm herum, viele ohne Kopfbedeckung, einige sogar im Singlet. Entweder sind die hier alle wirklich hart, oder sie wissen es halt besser. Die Startansage erwähnt dann auch das Wetter nur beiläufig als "typisch" für den Karwendellauf, und bei einer Schneefallgrenze von 3200m sei ja alles halb so wild und eben optimales Laufwetter.
So, jetzt aber! Buumm - der Kanonenschlag haut mich fast um. Das Feld der über 500 Läufer startet vor den Wandereren und auf der Bundesstrasse wird gleich mal Vollgas gegeben. Was haben die hier vor? Selbst weit zurück im Mittelfeld ist eine pace angesagt, die mir so gar nicht dem Restvorhaben (52km und 2.300hm, verteilt auf 3 Hauptanstiege) angemessen scheint. Erst nachdem eine erste Geländestufe hinter uns liegt und sich das Karwendeltal, dem wir bis km18 nach Osten hinauf auf den Hochalmsattel (1803m) beim Karwendelhaus folgen werden, öffnet, finde ich nach und nach zu einem erträglichen Rhythmus.
Ich weiss nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll: Weinen, weil ich ja ansatzweise weiß, wie umwerfend es hier aussieht, wenn die Sicht auf die Berge frei ist. Letztes Jahr kam ich Anfang August bei Traumwetter auf meiner Mission München-Venedig hier durch die Gegend und übernachtete auf dem Karwendelhaus. Ein Highlight der gesamten Tour! - Oder eben freuen, weil heute die ganze Phantasie gefragt ist, hier überhaupt ein Gebirge zu vermuten, wenn die Sichtweite oft nicht weiter reicht als 30m. Und was kann schöner sein als der Phantasie freien Lauf zu lassen!
Durch ein merkwürdiges Geschrei werde ich aus meinen Überlegungen gerissen, wir nähern uns dem ersten VP (der auf österreicherisch "Labe-Station", also besser "LS" heisst). Ein älterer Herr vom Standpersonal unterhält sich nett mit den Läufern, um zwischendurch immer wieder unvermittelt ein gebrülltes "Tää! - Tää!" auszustoßen. So haben beide Seiten ihren Spaß. Der ist für die Läufer nur wenige km später erstmal zu Ende, denn die Serpentinen hoch zum Joch beginnen, und die Steigung nimmt spürbar zu. Mir gelingt es einige Zeit, im Laufschritt zu bleiben, aber als mich der erste im Gehschritt überholt, erinnere ich mich an die goldene Regel des (Ultra-) Berglaufs: Kraft sparen!
Es regnet ziemlich stark, und je näher wir dem Joch mit LS2 in der Nähe des Karwendelhauses kommen, um so windiger wird es. Zu Beginn der eigentlichen Rampe hatte ich die Regenjacke ausgezogen - nass ist nass, egal ob von innen oder von außen. Jetzt wird mir aber trotz des Volldampfes, unter dem wir stehen, langsam etwas kühl und als erstes ziehe ich mir im Schutz eines Bergwacht-Zeltes an der Station wieder Klamotten über. Es gibt hier oben als Schmankerl eine köstliche, fast heiße Kartoffelsuppe, praktischerweise aus normalen Trinkbechern, einfach ideal bei diesen Bedingungen. Ich nehme mir Zeit für zwei Becher im Stehen.
Der erste Downhill über 6km hinunter zum Kleinen Ahornboden auf 1400m steht an. Wie der gesamte bisherige Weg weiterhin auf einem Fahrweg. Allerdings jetzt auf einem sehr ruppigen Belag mit sehr groben Steinen und "eingebautem" anstehenden Fels dazwischen. Nicht ganz einfach und auch nicht ungefährlich zu laufen, denn die Sicht ist allgemein schon schlecht, bei mir tendiert sie wegen beschlagener und nasser Brille gegen Null. Da hilft auch der Schirm der Haglöfs-Kappe, die ich vor einem Jahr bei der Wanderung genau hier auf der Strecke fand und die logischerweise heute hierhin Ausgang bekommen musste, nicht wirklich viel. Mehrfach versuche ich, die Gläser mit den Fingern abzuwischen, aber das Resultat ist leider eher eine Verschlimmerung. Ich torkele also wohl von außen betrachtet relativ amotorisch da hinunter, immerhin scheint es einigen noch schwerer zu fallen, hier die pace zu halten und ich mache einige Plätze gut. Ja - dann der Kleine Ahornboden, letztes Jahr ein kitschiges Idyll mit diesen vereinzelt auf den sattgrünen Wiesenflächen vor den weißen Mauern der Karwendelspitzen unter einem dunkelblauen Himmel stehenden Baumriesen. Heute ein einziges vernebeletes Grau in Grau, hinter dem man - ich erwähnte es bereits - nicht unbedingt ein Hochgebirge vermuten muss. Das schottische Hochland käme auch in Frage. Auch der Boden gibt das her, hier unten eher ein Sumpf als eine Bergwiese. Längst habe ich aufgegeben, "trockene" Trittstellen finden zu wollen.
Ich halte mich nicht groß an der LS auf. Ab hier betrete ich privates Neuland, und das reicht zur Motivation, selbst bei diesem Wetter. Es geht jetzt wieder hinauf zur Falkenhütte auf 1850m, wiederum über 6km, also insgesamt km30. Zunächst vollzieht sich das recht moderat und abwechslungsreich (gemessen an der wenigen Abwechslung, die heute optisch wahrnehmbar ist), am Ende zweigt der Trail jedoch auf einen Grashang ab und zieht sich dann in der Direttissima steil, oft mit Stufen, bergauf. Ich erkenne nach einiger Zeit als Vorteil an, im Nebel nicht ausmachen zu können, wie lang es noch so weiter geht. Normalerweise sieht man die Hütte garantiert über die gesamte Passage, verbunden mit dem berg-typischen Trugschluss "ich bin schon fast da!" Jetzt steigt man eben und steigt und steigt, und irgendwann wird die Hütte aus dem Nebel auftauchen und es wird vorbei sein und die brennenden Schenkel dürfen sich auf die "Erholung" bergab freuen.
Vor dem eigentlichen Abstieg tief hinab zur Eng am oberen Ende des Großen Ahornbodens (1225m, km 36) queren wir nun auf recht alpinen, aber (eigentlich) gut laufbaren Trails vor den bestimmt (wenn man sie denn sehen könnte) sehr imposanten Laliderer-Wänden hinüber zum Hohljoch. Dort oben vollzieht sich wie so oft an solchen Übergängen ein ziemlicher Landschaftswechsel und es geht plötzlich über die völlig durchweichten und von meinen Vorläufern (es müssen recht viele gewesen sein!) zertretenen Almen fast nicht laufbar steil hinunter. Einer nach dem anderen zieht an mir vorbei. Erinnerungen werden wach an den Petit Ballon in den Vogesen, wo es mir auf dem Rückweg hinunter ins Rheintal ähnlich erging. Auf die Dauer sehr frustrierend, zumal ich nicht ausmachen kann, was der Trick dabei nun eigentlich ist. Wie schon beim APUT wäre ich hier ohne die Stöcke verloren bzw. noch langsamer. So schaffe ich es, sturzfrei bis zur Eng zu kommen, was insbesondere auf dem letzten km vor dieser Zwischenzeitnahme (mit Ausstiegs-Möglichkeit, da Straßenende) längst nicht allen gelingt.
Eine Zeit von um die 4h oder knapp darunter hatte ich mir bis hierher vorgestellt, um dann noch insgesamt evtl. eine sub6 zu schaffen. Nun, erstens werden jetzt schon 4:07h ausgewiesen, und zweitens sind die Beine weiß Gott nicht mehr frisch (falls sie das heute jemals waren). In Anbetracht des noch bevorstehenden (sich weiterhin dankenswerterweise in Wolken verhüllenden) abschließenden Aufstiegs über die Binsalm zum höchsten Streckenpunkt am Bimssattel (1905m, 40,5km) beschließe ich, es ruhig zu Ende zu bringen und eher die 6:30h anzupeilen. Die 70km/3000hm vor 6 Tagen stecken schon noch in den Knochen, und auch die "regenerative" 4,5h-Wanderrunde vorgestern von Leutasch über die Scharnitz-Scharte (1000hm) mag suboptimal gewesen sein (aber es schien zum einzigen Mal in der ganzen Woche die Sonne, da musste ich los!). Ich genieße also zunächst ausgiebig den köstlichen "Gemüse-Fond", eine Minestrone wie aus dem Bilderbuch, bevor ich mich dann doch wieder weiterzwinge.
Aus dem Gegenhang dann plötzlich durch ein Wolkenloch der Blick hinunter zurück auf den Großen Ahornboden, der sich selbst in dieser vom heutigen Wetter diktierten Farblosigkeit als verheißungsvolles und spannungsgeladenes Gemälde präsentiert. Ja, ich sollte dieses Ding hier wirklich noch mal bei Normalwetter (nicht aus Sicht der Veranstalter, sondern aus meiner!) wiederholen. Das sollte ich eigentlich wirklich! - Ich kämpfe mich mit zwei Leidengenossen, uns gegenseitig immer wieder antreibend, den sehr steilen Weg hinauf zur Bimsalm. Niemand ist jetzt noch im Laufschritt (hier müssen aber offenbar zuvor welche im Laufschritt durch sein, denn in diesen Minuten meines Kampfes gegen den inneren Schweinehund bei km 38 läuft das Spitzen-Trio insgesamt in Zeiten unter dem alten Streckenrekord von 4:26h im Ziel bei 52km ein - schlicht und einfach unglaublich bei diesen Bedingungen [... aber auch sonst]). Ich habe das oft studierte Höhenprofil der Strecke noch so weit vor dem virtuellen Auge, dass ich mich daran erinnere, dass die Bimsalm nicht der höchste Streckenpunkt ist, sondern es danach noch "etwas" weiter bergauf geht. Nun, dieses etwas wächst sich zu einem hammerharten, steilen und - überflüssig zu sagen - matschigen Trail aus, der mich noch näher an den Rand der Erschöpfung bringt als der finale Aufstieg zum Sonnenkopf letztes Wochenende. In einer keuchenden Kette gebeugter Gestalten arbeiten sich die "Läufer" den endlosen Zickzackweg durch die Latschen hinauf. Oft nerven Zickzacks, weil diese Form der Weganlage meist nur mäßigen Höhengewinn in Bezug auf die zurückgelegte Strecke bedeutet. Hier ist das anders, und ich versuche, die Gedanken an die Ankunft oben am Sattel auszuschalten und setze mir nur immer auf's Neue den nächsten Wendepunkt als Ziel.
Der Sattel ist dann nicht einen Meter breit, drüben geht es sofort wieder gnadenlos steil runter, wieder meist über schlammige Wiesen, zunächst hinunter zur Gramai Hochalm, übrigens immer noch im Regen. Ich möchte mit den Leuten am VP nicht tauschen, auch wenn dort jeweils aufwändige, an 3 Seiten geschlossene Zelte aufgebaut sind. Auf den folgenden 3km verlieren wir 500m an Höhe, und ich gefühlt 20-30 Plätze. Die Leute rennen mit doppelter Geschwindigkeit an mir vorbei. Muss mir egal sein. Weiter konzentriert bleiben, nach wie vor geht es durch steiles, blockiges, verwurzeltes, insgesamt natürlich glitschiges Gelände, wo einfach jeder Schritt und Tritt sitzen muss. Dann ein Bergwacht-Auto, was bedeutet, dass wieder ein fahrbarer = laufbarer Abschnitt beginnt. Ich bin ziemlich froh, bald beide Füße bei jedem Schritt ganz auf den Boden aufsetzen zu können. Mittlerweile ziemliche Schmerzen unter den Ballen, aber tolerabel.
Die letzten 9km werden also noch mal ein "Lauf". Zwar fällt die Strecke auch hier noch über 300hm, aber in der Wahrnehmung ist das nach einem Marathon eher "eben" und dementsprechende Willensstärke ist aufzubringen, um das jetzt noch durchzustehen. Jeder Kilometer ist nun als count down mit Schildern markiert. Es geht über matschige Wiesen, es gibt leichte Gegensteigungen, noch mal im Schritt. 4 oder 5km vor dem Ende beginnt wieder Asphalt. Ich bin in einer Vierer-Gruppe, von der jeder Einzelne garantiert langsamer liefe, wenn er solo unterwegs wäre. Aber so pushen wir uns fast bis ins Ziel. Erst auf dem letzten Kilometer fallen wir auseinander und ich überlasse den drei anderen den Vortritt (sind ja auch alle jünger). Im Zielort Pertisau geht es mitten durch den Touristenverkehr fast bis hinunter zum Ufer des Achensees, das bis auf wenige Meter genauso hoch liegt wie der Start in Scharnitz.
Die junge Dame, die mir die Medaille nach 6:25h um den Hals hängt, entschädigt mit ihrem strahlenden Lachen für Vieles. Im Versorgungszelt gleich nebenan gibt es Sitzbänke, Weizen und Käsebrote und sogar einen Heizlüfter. Während ich letztlich ziemlich zufrieden über meinem Bier sinniere, tropft es vom Schirm der Kappe stetig ins Glas. Mein Gott, ich merke erst jetzt, wie klitschnass ich bin. Nach 10min setzt das Frösteln ein und ich folge den Schildern Richtung "Finisher-Pakete" und "Duschen". Wenn es insgesamt an dem Lauf was zu kritisieren gibt, dann die etwas unwürdige Situation, dass man sich mit Dutzenden anderen Läufern in einem 30m² "großen" Partyzelt neben einer riesigen Tennishalle die nassen Klamotten vom Leib zerren soll, um dann in 2 Containern die erwartungsgemäß eiskalte Dusche zu empfangen. Nein danke! Das Anziehen der trockenen Sachen ist unter diesen Umständen für mich bereits Herausforderung genug und gelingt leidlich. Jetzt irgendwo ins Trockene und Warme! Meine Zuflucht wird der Windfang der Tourist-Info, die gerade wegen Mittagspause geschlossen ist. Es schüttet in Strömen, vergass ich das zu erwähnen?
Die Uhr zeigt halb Zwei und ich mache mich auf die Suche nach den Shuttle-Bussen zurück nach Scharnitz, die ab 14h fahren sollen. Und ja, da steht der erste fast abfahrbereit mit laufender Heizung und einigen Restsitzplätzen. Nichts wie hinein! Wie während der Rückfahrt vom Rennsteig oder von der BC bekommt man jetzt noch einmal plastisch vor Augen geführt, welche Distanz man zuvor bewältigt hat: Der Bus ist trotz 30km auf der Inntal-Autobahn fast 2 Stunden unterwegs, natürlich fährt er dabei ein "paar" km mehr als wir gelaufen sind, aber was solls: Es war nicht mal eben um die Ecke!
Zeit genug, die vergangene Woche Revue passieren zu lassen: Zwei Berg-Ultras mit weit über 5000hm und über 120km Distanz innerhalb von 6 Tagen jeweils im vorderen Viertel/Drittel in vernünftiger Verfassung gefinisht (ich weiß, über diese Eckdaten werden etliche schmunzeln, aber sei's drum!). Dazwischen noch 3 Laufeinheiten und eine längere Wanderung. Zwar extremer Muskelkater nach dem APUT, aber jetzt keinerlei muskuläre oder orthopädische Probleme (und das blieb auch so in den Folgetagen). Wir schreiben den 30.8.2014. Seit Wochen halte ich Jan damit hin, eine Entscheidung bzgl. eines gemeinsamen Starts beim TAR 2015 erst genau nach diesen beiden Läufen, am 31.8. zu fällen. Einige Argumente dagegen wurden nicht entkräftet: In meinen, ganz persönlichen Augen handelt es sich bei diesen Veranstaltungen wirklich nicht um "Läufe". "In den Bergen sollst Du wandern!", sage ich immer (und hab das ja letztes Jahr auch ausführlich praktiziert). Was für mich ein wirkliches no-go wäre, sind solche Unternehmungen bei Nacht, allein schon sicht-technisch. Das kommt ja nun beim TAR nicht vor, und auch sonst erscheinen mir die dortigen Eckdaten noch halbwegs von dieser Welt und auch noch in meiner nächstjährigen AK machbar zu sein.
Also:
Wer immer macht, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.
(oder vielleicht etwas klingender)
Nothing venture, nothing have.
Let's go for it!
Sonntag, 31. August 2014
Dienstag, 26. August 2014
Du machst mich nicht kAPUTt !
Spätestens seit August hatte sich der Sommer 2014, so er denn je wirklich existiert hatte, aus den mitteleuropäischen Gefilden verabschiedet und Hunderte ehemaliger Wetter-Experten, die die Hoffnungslosigkeit ihres Treibens zwischenzeitlich eingesehen hatten, befanden sich auf Jobsuche. Niemand mochte auf ihre 7-Tage-Prognosen, auf denen sie „Sonne“ und „24°“ versprachen, noch einen Pfifferling geben. Das einzige, was teilweise noch half, war ein Blick auf das Regenradar möglichst kurz vor einer geplanten Laufeinheit. Obwohl – mit welcher Geschwindigkeit sich immer neue Gewitterzellen und Starkschüttungen aufbauten, war schon beeindruckend. Ich kann mich jedenfalls an die letzten 48 Stunden ohne Niederschlag, egal ob zu Hause in Göttingen oder während der 14 (rennfreien!) Tage in der ersten Augusthälfte im Chiemgau, nicht erinnern.
Ideale Rahmenbedingungen also für den Allgäu Panorama UltraTrail (APUT) mit Start und Zielort in Sonthofen, der in den letzten Jahren
bekanntermaßen unter Hitzewellen, wolkenlosem Himmel und allen damit
verbundenen Gefahren für die Teilnehmer zu leiden hatte. Unvergessen bleiben die letzten 5
Kilometer auf der Marathonstrecke 2012 auf dem Iller-Damm bei weit über 30° (im
Schatten, wo keiner war). Heuer (um sich jetzt auch mal sprachtechnisch der
Region anzunähern) würden andere Herausforderungen gestellt werden. Tapfer
verkündeten die Veranstalter bis zuletzt „ideale Laufbedingungen“ auf der
website – nun ja, schlimmer kann es immer kommen, das ist richtig.
Vor dem Start an dieser (heute) trostlosen Kreuzung neben
diesem (heute) trostlosen Betonkasten, der sich „Allgäu Outlet“ nennt, hört man
jedenfalls in der letzten halben Stunde eine Phrase sinngemäß immer wieder:
„Bei so einem Regen bin ich noch nie losgelaufen!“ Und man darf annehmen, dass
das hier versammelte Völkchen, das sich den 69km mit gut 3.000 Höhenmetern auf
der großen Schleife rund um das obere Illertal stellt, schon den einen oder anderen
Lauf in den Beinen hat. Tatsächlich ist es mehr als niederschmetternd, die
wahre Intensität der Schüttung im Scheinwerferlicht der Autos, die auf dieser
schicksalsträchtigen Kreuzung nach und nach mitleidslos die Läufer in die kalte, nasse Nacht
ausspucken, wieder und wieder verdeutlicht zu bekommen. Nieselregen, normaler
Regen – da würde ja kein Ultra meckern – aber das!? Alle drängen sich unter das
schützende Vordach des Outlets, selbst 5 Minuten vor dem Start steht kein
Mensch unter dem Startbanner auf der Straße. OMG, was wird das geben heute!?
Jan und ich sind von den 600m vom Auto (steht am
Zielbereich) hierher schon gut durch. Der erste Planungsfehler wird deutlich:
Ich habe in der Zieltasche zwar Plastiktüten für die nassen Laufklamotten
vorgesehen, aber die (noch) trockenen Zielklamotten nicht auch für diesen weiten Weg bis zur Abgabe am Start wasserdicht verpackt. Nun ja, sie werden ja wohl
nicht auf einer Wiese im Regen liegen wie am Rennsteig und die Tasche als
Ganzes wird ca. 10 Stunden Zeit haben, wieder anzutrocknen.
Ansonsten gab es
diesmal – ha, think positive! – aber sehr wenige Entscheidungen, von denen
manche falsch oder suboptimal hätten sein können, zu fällen: Schuhe – das
fetteste, was Du hast (Brooks Cascadia, ergänzt mit Inov8-Gamaschen: bravourös!). Stöcke – das klarste Ja,
das es geben kann (auf 4 Beinen hast Du einfach bessere Karten im grundlosen
Morast als auf zweien). Regenjacke – (nur ein kleiner Scherz). Wechsel-Shirt
und Mütze, Buff, Trinkblase (ja, doch!) und die Vega-Gels (wie immer liebevoll per Nagelschere an den Ecken zuvor "kantengerundet", damit es keine blutigen Finger beim Hantieren oder Löcher in den Taschen gibt) und Organic Food
Bars. Hat alles gepasst. Auch die dünne Orthovox-Merino-Unterhose unter die
sowieso schon zu enge CompressionsTight. Knie frei, unten CEPs (natürlich in
weiss, damit man hinterher auch sieht, was Sache war!)
Startklar bis auf den Besuch des Dixies auf dem (unbeleuchteten) Parkplatz hinter dem Outlet. Lehre 1: Nachts sind alle Dixies dunkel. Lehre 2: Mit offener Tür fällt minimales Restlicht ein und du erkennst immerhin, wo die Schüssel ist. Lehre 3: Wenn Du wirklich cool bist, erinnerst Du Dich selbst in diesem angespannten Moment daran, dass das Handy zur Pflichtausrüstung gehört und eine Taschenlampenfunktion hat. Ich war dann wohl doch nicht cool genug.
Startklar bis auf den Besuch des Dixies auf dem (unbeleuchteten) Parkplatz hinter dem Outlet. Lehre 1: Nachts sind alle Dixies dunkel. Lehre 2: Mit offener Tür fällt minimales Restlicht ein und du erkennst immerhin, wo die Schüssel ist. Lehre 3: Wenn Du wirklich cool bist, erinnerst Du Dich selbst in diesem angespannten Moment daran, dass das Handy zur Pflichtausrüstung gehört und eine Taschenlampenfunktion hat. Ich war dann wohl doch nicht cool genug.
Um exakt 5:58h setzt so etwas wie Unruhe ein und erste
Läufer nehmen den Kampf mit den Elementen auf und begeben sich hinaus an die
Startlinie. Wir 5 (Ex-)Göttinger wünschen uns gegenseitig einen guten Lauf und
stehen noch keine 20 sec auf der Strasse, als vorne wohl der Startschuss fällt
und sich das Feld in Bewegung setzt. Wir weit hinten in der 2. Hälfte. Sehr
gut, damit ist das traditionelle, anfängliche Überpacen wirklich mal
ausgeschlossen, denn es geht bald auf schmalere Fußwege und Staubildung setzt
ein. Nicht zuletzt wegen des drolligen Versuchs etlicher, nicht mitten in die
dicksten Pfützen zu treten. So viel ist mir klar: Damit wird sich heute
spätestens nach 30min kein Mensch mehr aufhalten!
Bei km3 geht es los: Vernünftigerweise wird marschiert, und
ich erinnere mich an dieser Stelle immer wieder gern an Dennis’ statement vor
meiner 1. Teilnahme 2012: „Der APUT ist komplett laufbar!“ Heute ist er dann
zufällig neben mir und präzisiert: „Ich habe ja nicht gesagt, in welchem
Tempo!“ Lauter Irre hier, er will nächste Woche Sardona laufen und hier heute
mal „locker mitjoggen, vielleicht in Oberstdorf raus.“ Jan „hat Sehnenplatte“
und weiss auch noch nicht so recht, wie weit ihn die Füße tragen werden, möchte
allerdings sein sturzbedingtes DNF vom Pitztal-TrailManiak abarbeiten. Ich
hab’s dagegen leicht: Letzter Lauf weiter als 23k datiert von vor 4 Wochen,
dazwischen weitgehend laufbereinigter Familienurlaub, keine Vorbelastung durch
irgendwelche Höhenmeter. AUF GEHT’S!!
Es regnet, das erwähnte ich ja schon. Die Kapuze der Pearl
Izumi Ultra Barrier ist genial – dicht sowieso, aber sie umschliesst auch das
ganze Gesicht nahezu hermetisch und nichts läuft einem in den Kragen. Ein Buff (der
einem eh irgendwann nur noch als nasser Lappen um den Hals hängt) erübrigt sich
völlig. Das Innenklima bleibt trotz maximalem Dampfdruck (+1000Hm auf den
ersten 14k) angenehm. ASFM-grün ist sie auch noch, also volle Punktzahl.Kurz vorm 1. VP bei km9 offenbart sich dann dennoch der zweite Planungsfehler: Ich hole die Stöcke (Fizan) aus dem Rucksack (Deuter Speedlite 10) und will sie nun doch langsam in Betrieb nehmen. Ich weiss nicht, wann und wo ich sie zuletzt benutzt habe – auf jeden Fall lässt sich bei beiden das mittlere Segment zunächst nicht lösen! Ich Idiot, warum habe ich diese (Trocken!)-Übung nicht zu Hause gemacht? Jetzt, mit nassen, rutschigen, klammen Fingern habe ich kaum Ansatz an dem nur ca. 1cm schmalen Bereich. Mit etwas nur mässig feuchtem Klopapier gelingt es nach mehreren Anläufen dann doch, alles zu lösen und auf die nötige Länge zu bringen. Uff, man darf aber auch gar nichts außer Acht lassen bei so einem Ding! Wie elementar hier ein Material-Versagen hätte werden können, konnte ich zu dieser Zeit, wo wir uns größtenteils noch auf Asphalt oder Schotterwegen befanden, noch gar nicht ahnen.
Bis zum ersten Checkpoint an der Grasgehren-Alm (km19) und
noch etwas darüber hinaus war mir die Strecke wie erwähnt bereits vom Marathon
2012 bekannt. Das hat Vor- und Nachteile. Vorteil: Man erinnert sich grob, was
kommt, man weiss, dass dieser Lauf seinen Beinamen „Panorama“ absolut zu Recht
trägt, auch wenn einem sich dies heute im Nebel zunächst nicht unbedingt
erschliesst. Man freut sich, dass man heute nicht in Staubschwaden gehüllt in
diesem herrlichen Talschluss östlich des Riedberger Horns über Kühe steigen
muss, die auf dem Weg liegen, und dass es nur leicht graupelt und nicht richtig schneit (später sehen wir die Neuschneegrenze bei geschätzten 1900-2000m). Man rafft sich diese exakt 5m zum Laufschritt
auf, um von dem tapferen Fotografen, der dort an gleicher Stelle kurz vor dem
Übergang hinunter zur Alm, aber diesmal eben im Schlamm hockt, würdevoll verewigt zu
werden. Man freut sich auf den wesentlich größeren noch unbekannten
Streckenteil. Nachteil: Man hat schon eine Vorzeit für den ersten Abschnitt, und
wird daher spätestens bei der ersten Zwischenzeit erfahren, wie langsam man tatsächlich
unterwegs ist (der Garmin ist hinter dem engen Bündchen der Regenjacke bisher
keines Blickes gewürdigt worden). Doch große Überraschung: Es sind nur ca. 10
Minuten über „wellige“ 19km, die den Unterschied zwischen dem ambitionierten
Lauf 2012 und diesem eher teilnahmslosen Dahintrotten 2014 machen! Die 2:23h
bis hier lassen sogar nach einschlägigen Vorab-Studien früherer Ergebniislisten eine sub10h gesamt
weiterhin im Bereich des Machbaren erscheinen.
Beschwingt und motiviert durch diese Erkenntnis passieren
wir (ja, Jan ist zufälligerweise mal wieder um mich rum) die wunderschönen km
bis zur Stelle, wo sich bei der Dinigörgen-Alm die Marathon- und die
Ultra-Strecke trennen. Zuvor erhalten wir auf den Wiesen bei der Schönberg-Alm
einen Eindruck davon, was aus Dauerregen und Kuhfladen unter den Schuhen
einiger Dutzend Vorläufer entsteht: Ein knöcheltiefer, grün-brauner Sumpf, der
einem nicht nur fast die Schuhe auszieht, sondern einem hin und wieder auch die
Stöcke aus der Hand reisst. Ist ja nur noch etwas mehr als ein Marathon, und
ein Drittel der Höhenmeter haben wir auch schon! Aber: Es hört jetzt
tatsächlich auf zu regnen, von kurzen Rückfällen abgesehen, und hin und wieder
erscheint schon eine Bergflanke aus dem allumfassenden nassen Grau.
Auf dem steilen Trail hinunter nach Rohrmoos zeigt sich dann
erstmals der Unterschied zwischen mit und ohne Stöcken bei den gegebenen
Bedingungen: Ziemlich mühelos überholen wir einige Läufer, die ohne unterwegs
sind, und eben sämtliche Reibung auf den glitschigen Steinen, Wurzeln und im allgegenwärtigen Matsch allein über die Fußsohlen erzeugen müssen. Es
folgt der einzige (3km)-Abschnitt, der etwas „öde“ daherkommt. Auf Asphalt geht
es schnurgerade ostwärts mässig empor. Wir widerstehen der Versuchung, dies so
schnell wie möglich hinter uns zu bringen, und wandern meist brav bergauf.
Scherz beiseite, zumindest ich merke hier bei km28 bereits deutlich, dass ich
nunmehr 3,5h unterwegs bin und haushalten muss, wenn ich finishen will. Auch
registriere ich wohl gerade noch rechtzeitig einen leeren Magen und schiebe
etwas foodbar in die Backentaschen. Zurück ins Leben holt mich der optimal
bestückte VP am Hörnle-Pass. Mit Blick aufs Kleinwalsertal und die
bevorstehende markante Steigung am Gegenhang hinauf zum Söllereck geht es verdauungsfreundlich
hinunter nach Riezlern, wo wir die atemberaubende Schlucht der Breitach
überqueren. Applaus von den Wanderern, die uns entgegenkommen. Kuhglockengeläut
und immer wieder aufmunternde Worte.
Ok, hinauf zum Söllereck (km35-40, 1050-1400m), Geduldsübung,
Spielchen („wir laufen bis da hinten, wo der Rote jetzt ist“, „ab den Büschen
laufen wir wieder“, usw.). Beruhigend ist, dass wir überhaupt nicht überholt
werden. Einige Startnummern tanzen seit Stunden um uns rum, wir schwimmen also
offenbar gut mit. Oben setzt zum ersten Mal so etwas wie Zuversicht ein: Das
Ding ist im Sack (auch wenn uns das dicke Ende bewusst ist). Kurzweilig, schön
und teilweise ziemlich anspruchsvoll hinunter über den malerischen Freibergsee
auf die Wiesen südlich von Oberstdorf. Die Sonne scheint (!!!). Jacken aus. Wir
dampfen. Schade, fast der ganze Dreck ist wieder von den Schuhen ab! Das sollte sich aber wieder grundlegend ändern. Zum ersten Mal einen lockeren Schritt für die Ebene finden und noch die 3k
bis zur 2. Zwischenzeit im Ski-Stadion abspulen. Ja, fast genau 6h für diese
fast 49k, das müsste nach menschlichem Ermessen (wir wissen allerdings nicht
wirklich, wovon wir reden) eine sub10 werden!
Wir gönnen uns 6min „Pause“ für etwas Weizen, Salzbrot, SMS
(„alles ok“) an die Fans am Ziel. Als wir weiter wollen, kommt Dennis rein und
ist wie wir erneut erstaunt darüber, wie wenig Unterschied „Vollgas“ und
„locker laufen lassen“ machen. Auch bis hier nur wenige Minuten. Er will bis
zum Ziel „nur noch gehen“ und sich heute „nicht zerschießen“ (und kommt dann 8min
nach uns rein …). Weiter. Wir sind im Marschschritt doppelt so schnell wie die
Wanderer, die wahrscheinlich 50k weniger in den Beinen haben. Zu viel
Adrenalin, ganz klar. Das Stück Oberstdorf – Gaisalpe erinnere ich noch (gegen
die Laufrichtung) von meiner post-marathonischen Nebelhornbesteigung 2012 am
Tag nach dem Lauf. Also erst hinter der Gaisalpe wieder echtes Neuland. Aber
hier ist jetzt endlich APUT-Time: Panorama unter blau-weißem Himmel mit Blick auf
die gesamte bereits abgespulte Runde. Geniale Landschaft! Aber immer noch
erzählt uns Jan’s Ambit etwas von noch fehlenden 500hm!
Dann die psychologisch wichtige und menschlich sehr herzlich
besetzte Station an der Entschenalp (1350m) vor dem Schlussanstieg auf den
Sonnenkopf (1712m). Wir bekommen zum lecker Kräuterbrot 0,5l-Cola-Flaschen mit auf den Weg. Aschu darf
tragen (weil er hat ja einen Rucksack, in den auch was reinpasst).
Nervositäts-Pinkeln direkt vor dem „Einstieg“. Mein erstes Mal heute (seit dem Start), aber
immerhin. Die rötliche Färbung kann ich auch schnell wieder zuordnen: Kein Blut, sondern 0,5l Rote
Beete-Saft heute morgen, angeblich 16% Leistungssteigerung (EPO bringt nur 7%).
Was jetzt kommt, ist für mich neu: Volle 33min ohne einen einzigen Zwischenstopp für exakt 1.5k, bis
wir endlich an diesem verdammten Gipfelkreuz stehen und unseren nicht
gebrauchten Cola-Ballast an die dankbaren Nachfolger weiterreichen können. Rechnerisch
irgendwas bei 23% Durchschnittssteigung. Steil ist schön und gut, Matsch ist
schön und gut, aber steil und Matsch (und wir reden hier von: MATSCH!) nach
knapp 60k können grenzwertig sein. Wie das unser dortiger temporärer Begleiter
auf Straßen-Slicks ohne Stöcke gemacht hat, bleibt für mich ein Rätsel.
Ich habe keine (benutzbaren) Oberschenkel mehr. Die Aussicht auf 1000hm
downhill über 8k (man sieht tatsächlich das Ziel von hier oben!) lässt mich
etwas erschaudern – zu Recht, wie sich schnell zeigt. Jan könnte flitzen, aber
er will nicht. Ich will, aber ich kann nicht. Es ärgert mich, dass uns dadurch
gerade hier auf diesem „einfachen“ Teil zum ersten Mal einige Leute überholen.
Und plötzlich stehen da unsere Ladies am Wegesrand, 4k vor dem Ziel. Beide sind heute auch schon
gelaufen, allerdings nicht zusammen. Ich hatte unterwegs mit dem Gedanken gespielt, dass das passieren
könnte und dass es nett wäre. Ist es jetzt auch, aber ich kann der Freude
keinerlei Ausdruck verleihen und muss mich bei jedem Schritt vollständig auf
die Kontrolle meiner Schmerzen konzentrieren. Luft zum Reden hab ich eh nicht. Sie
werden es verstehen. Endlich eine Passage mit für mich optimalem Gefälle, wo
ich ansatzweise rund laufen kann. Pace noch mal 5:00. Wunderschön der
vorletzte Kilometer an einem Bach entlang, bis unmittelbar vor dem Ziel ist man umgeben von echter Landschaft. Dann bei geöffneter Schranke über die Schienen und ins Ziel, persönliche Gratulation vom Race Director, Umarmung
mit Jan, der letztlich mehr als verdient vor mir in der Ergebnisliste erscheint. Mensch, schon wieder so ein Ding!
Die Ausrüstung hat gestimmt, die Ernährung hat gestimmt, die
Taktik hat gestimmt. Alles gut. Nie zuvor habe ich an einem Tag mehr Höhenmeter
gemacht, egal ob Wandern und/oder Laufen (es sind wohl gut 3.100). Das erste
Weizen, das zweite Weizen. Ich sitze in der Sonne (!!), mehr ist momentan nicht drin. Sanna holt meinen
Zielbeutel, Maren holt mein Steinmanderl. Jan holt Pommes. Sanna schwärmt uns
vom Sole-Bad vor, das sie nach ihrem 4. Platz im HM genossen hat. Aber Jan und
ich brauchen/können das jetzt nicht. Nach Hause, duschen, essen, Feierabend!“
Spricht ja auch nichts dagegen, zwar ist um 17.30 Siegerehrung, aber was wollen
wir da? AK-Podium? Niemals! Doch nicht bei einem Berglauf.
Man lernt nie aus.
Montag, 14. Juli 2014
Auch wer im Kreis läuft, kann weiterkommen*
* diesen schönen Titel habe ich hier gefunden
2. Anstaltsmarathon der JVA Rosdorf 12. Juli 2014
Lange Zeit (sofern diese Wortwahl in Bezug auf die Dauer
meiner vergleichsweise doch noch recht überschaubaren Marathon-Karriere, die
sich momentan im 8. Jahr bewegt, überhaupt angemessen bzw. zulässig ist) war
ein Mehr-Runden-Kurs beim Marathon für mich ein striktes Tabu. Und das
logischerweise nicht aus bereits gemachten Negativ-Erfahrungen, sondern eben
einfach aus Prinzip. Und so was ist ja immer schlecht.
Erstmals gebrochen habe ich das Tabu beim Zeiler Waldmarathon 2010,
der das zweimalige Durchlaufen einer Halbmarathonschleife vorsieht. Ich habe es
ohne Komplikationen überlebt, und erinnere mich noch dunkel daran, dass ich
auch schon damals einen gewissen Reiz darin empfand, den Verlauf, die Eindrücke
und Gefühle dieser zwei Varianten des vermeintlich Selben zu vergleichen und zu versuchen,
die faktischen und gefühlten Unterschiede irgendwie zu erklären.
Gesteigert wurde dieser Wagemut dann beim Sondershausener
Untertage-Marathon, der 2011 über 8 Runden führte. Ich stellte fest, dass jede
einzelne Runde „ihr“ eigenes Thema und damit neben den Kilometern, die sie
lieferte, auch ihre eigene Bedeutung hatte. … 1. Kennenlernen der Strecke (es
gab ja z.B. mangels GPS-Einsetzbarkeit vorab kein Höhenprofil) 2. Überprüfen,
ob man sich alles einigermaßen korrekt gemerkt hatte 3. Irrtümer korrigieren usw.
Die nächste substanzielle Weiterentwicklung liegt dann in
der Absolvierung eines Marathons mit einer Rundenlänge von ca. 1km, so dass ca.
40 Runden erforderlich werden. Wie geht denn so was? Gar nicht so schwer, und
interessanter als vermutet! Vor allem dann, wenn das Setting „natürlich“ ist,
die kurze Rundenlänge sich quasi notwendigerweise von allein ergibt – wie in
einem Gefängnis, wo bereits der Umfang der Außenmauern die theoretisch maximal
möglich Rundenlänge definiert (und nicht die Böswilligkeit eines Veranstalters
o.Ä.). Bei Knast-Marathons in Oldenburg letzten Herbst und jetzt direkt vor der
Haustür in Rosdorf bekam ich die Gelegenheit, es auszuprobieren. Dass ich nach
Oldenburg überhaupt ein zweites Mal am Start stand, lag dabei nicht nur in der kurzen
Anreise begründet.
Die sich ergebenden Vorteile eines Multi-Rundenlaufs liegen teilweise auf der
Hand, teilweise erschließen sie sich aber auch erst durch’s tatsächliche Laufen: Es
gibt jeden Kilometer einen VP, wodurch sich das Mitführen von Trinkfläschchen
oder Geltüten erübrigt. Man kann ggf. jeden Kilometer das Equipment anpassen
(Jacke an/aus, Schuhe wechseln, Mütze, Handschuhe). Man kann jede Runde auf’s
Klo. Es gibt (ziemlich bald) keine Überraschungen mehr, was die Streckenführung
angeht (Untergrund, Steigungen). Es gibt quasi unbegrenzt viele Foto-Punkte für
die Fotographen. Man bleibt (fast) über die Gesamtdauer der Veranstaltung mit
allen Teilnehmern zusammen: Entweder man überrundet oder man wird überrundet,
auf jeden Fall sollte man am Ende wirklich alle Teilnehmer mehrfach gesehen
haben.
Aber sonst – ist das nicht dann doch irgendwann langweilig? Ich tendiere
hier stark zu: ganz im Gegenteil! Es gibt ungeahnt viele Aspekte des
Rundenlaufens, auf die man vorab vielleicht nicht kommt, die sich dann aber
unterwegs ganz von selbst in die Wahrnehmung schieben: Ist es Zufall, dass ich
in jeder Runde diesen Gullydeckel mit dem linken Fuß erwische? Die Pfütze in
dieser einen Kurve, die wird ja offenbar von Runde zu Runde kleiner, oh, jetzt
ist sie ganz weg! Der Trampelpfad im Gras neben der gemulchten Finn-Bahn, der
war doch am Anfang noch nicht da? Kann ich es wagen, in der Linkskurve noch
enger um den Pfosten des Tores herumzulaufen, ohne zu riskieren, mir meine
Schulter anzuhauen? Oh, jetzt hat die Besetzung des Wachpostens am zweiten
VW-Bus gewechselt! Wo befindet sich mein "Konkurrent" (lat. =‚zusammenlaufen‘) diesmal, wenn ich an dem
einen bestimmten Punkt bin, von dem aus man die Hälfte der Runde überblicken
kann? (Man, läuft der gleichmässig!). Du kommst eben einfach an jedem Streckenpunkt nicht wie sonst nur einmal, sondern x-Mal vorbei, kannst beim ersten Mal nach rechts (die Mauer), beim zweiten Mal nach links (die Zellenhäuser), beim dritten Mal nach oben (die Stacheldrahtrollen) schauen, und dann wieder von vorn, denn die wandernden Schatten verändern alles ständig.
Es kann tatsächlich passieren, dass man über diese epochalen
Beobachtungen alles vergisst und plötzlich ist man in Runde 29 und es sind nur
noch 9 to go. Das macht es wirklich einfach! Allerdings – ist der Gedanke „nur
noch x Runden“ erst einmal gedacht, wird es doch noch gewohnt hart, das Marathon-Ziel
zu erreichen. Es wäre ja so einfach und bequem, einfach aufzuhören, ohne
aufwändigen Rücktransport bei einem DNF!
Hier hilft der besondere Hintergrund des Laufes. Es geht ja
nicht primär darum, dass irgendwelche Lauf-Verrückten eine weitere Möglichkeit
bekommen, einen "neuen" Marathon auf ihre Liste setzen zu können. Es
geht vor allem darum, dass wenige, sozusagen handverlesene Häftlinge sich nach
einer gewissen Trainingsphase einer Wettkampfsituation stellen können, bei der
sie nicht wie sonst auf ihre noch kürzere Sportplatz-Trainingsrunde und mit
den immer gleichen Gesichtern beschränkt bleiben, sondern in einem größeren
Teilnehmerfeld durch sonst verschlossene Zwischentore unterwegs sein können und
prüfen oder erfahren können, wie weit ihre Leistungs- und Leidensfähigkeit
schon gereift ist. Vor diesem Hintergrund ist es Ehrensache, dass ich durchhalte
und durchlaufe, obwohl es vermeintlich um nichts geht. Tatsächlich geht es hier
für Einige um mehr als irgendwo sonst.
Wer im Kreis läuft, kann weiterkommen. Mit Sicherheit gilt das im Sonderfall eines Knast-Marathons für alle Beteiligten, unabhängig davon, auf welcher Seite der Mauer sie gerade leben. Es hat mich gefreut, dass Einige, die ich in Oldenburg kennengelernt hatte, jetzt wieder dabei waren. Teilweise haben sie inzwischen "die Seiten" gewechselt (und das ausschließlich in der anzustrebenden Richtung).
Montag, 7. Juli 2014
Vergiss Biel
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist natürlich mit
dieser Überschrift nicht gemeint: „Biel kann man (als 100km-Lauf) vergessen!“ Nein,
dieser Text ist wieder mal rein ego-zentrisch, und somit ist dieser Leitsatz (zunächst!)
als Aufruf an mich selbst gedacht: „Vergiss Biel!“ (und dein dortiges zweites
DNF beim 4. Versuch). Inwieweit weitere Deutungsmöglichkeiten hinzukommen,
werden wir im Laufe des Textes sehen…
Wie macht man ein 100k-DNF vergessen? Indem man einen 100k-Lauf finisht, das ist nahe liegend. Nicht unbedingt nahe liegend mag sein, dass man diesen nächsten 100k-Lauf auf die Minute genau 3 Wochen nach dem Rennausstieg zeitgleich morgens um 04:00 beginnt und ihn damit auch unter diesem Aspekt in gewisser Weise fortsetzt bzw. zu Ende bringt. Das geht wohl definitiv nur in der gewählten Kombination Biel / thüringenUltra. Mit „fortsetzen“ kann dabei nur die gedankliche Ebene gemeint sein, denn was haben Biel und tU gemeinsam außer der Distanz? Nicht viel! Startgeld, Teilnehmerzahl, Höhenmeter, Sprache – alles klafft doch deutlich auseinander. Aber was wären wir ohne diesen Strauß an Möglichkeiten!
Wie macht man ein 100k-DNF vergessen? Indem man einen 100k-Lauf finisht, das ist nahe liegend. Nicht unbedingt nahe liegend mag sein, dass man diesen nächsten 100k-Lauf auf die Minute genau 3 Wochen nach dem Rennausstieg zeitgleich morgens um 04:00 beginnt und ihn damit auch unter diesem Aspekt in gewisser Weise fortsetzt bzw. zu Ende bringt. Das geht wohl definitiv nur in der gewählten Kombination Biel / thüringenUltra. Mit „fortsetzen“ kann dabei nur die gedankliche Ebene gemeint sein, denn was haben Biel und tU gemeinsam außer der Distanz? Nicht viel! Startgeld, Teilnehmerzahl, Höhenmeter, Sprache – alles klafft doch deutlich auseinander. Aber was wären wir ohne diesen Strauß an Möglichkeiten!
Bei der Anfahrt an Eisenach vorbei grüßt der anlässlich des Rennsteig-Ultra von mir leicht hassgeliebte Inselsberg, und ich bin froh, morgen
nicht über ihn, sondern nur um ihn herum laufen zu müssen. Die Abfahrt
Waltershausen ist schnell erreicht, und tatsächlich finde ich meinen Weg durch
diese unglaubliche Zone aus McDoof, Baumärkten, Speditionen und Betrieben aller
Art und bin beruhigt, dass sie wenigstens das nette Dörfchen Fröttstädt nicht gleich auch noch
mit solch einer Mega-Halle überbaut haben.
Schon vom Auto aus erkenne ich die
auf den Asphalt gesprühten gelben U-Symbole für die Laufroute und habe so kein
Problem, die Lokalität Dorfgemeinschaftshaus / Sportplatz zu finden. Selbst zu dieser
frühen Stunde (15.30) sind bereits motivierte Einweiser vor Ort und so stehe
ich schnell auf einer traumhaften, sattgrünen Wiese zwischen Apfelbäumen, 50m
vom Ziel-Banner entfernt, und kann mir sogar noch einen geeigneten Platz
aussuchen. Geeignet heisst heute – Schatten muss her, denn es sind 29°C und der
Himmel ist fast wolkenlos. Gut, dass wir erst morgen laufen, wo „nur“ 24° und
ein paar Gewitter angesagt sind.
Kaum habe ich mit dem Zeltaufbau begonnen, steht auch
schon der race director himself neben mir und begrüßt mich. Ja, eigentlich
wollte ich hier schon seit Jahren starten, aber der Termin fiel oft in die
Ferien und da war es urlaubsfamilientechnisch immer schwierig. Dann erscheint der
allseits bekannte und beliebte Ultra-Texaner mit dem schwäbischen Akzent auf
der Szene. Wir haben Großes für morgen vor – ich jedenfalls, denn ich will
mindestens bis zum 1. Checkpoint bei ihm bleiben, um die Gefahr des Überpacens
zu minimieren (und mal „in Ruhe“ mit ihm zu quatschen). André hat hier schon 5mal gefinisht und dabei immer sehr konstant ein Zeitfenster von etwas über 12
Stunden getroffen. Angesichts der knapp 2.300 Höhenmeter und der meist
herrschenden hohen Temperaturen auch für mich eine Zeit, die einen passenden
Rahmen darstellen könnte. Vergiss Biel – meine 9.30er-Zeiten von dort sind hier
garantiert nichts wert bzw. unerheblich (ok, surprise, surprise, vergiss auch diesen Plan –
immerhin: die ersten 5k sind wir zusammengelaufen, und das in der selben AK, was nur alle 5 Jahre möglich ist).
Nach dem Abholen der Startunterlagen (der Astra bekommt endlich mal wieder einen neuen Aufkleber!) trinken wir unser erstes bleifreies Weizen unter diesem
reizenden Freisitz, der wie gemacht für dieses Wetter ist. Urlaub pur, sozusagen. Was André eigentlich
(konkret) beruflich mache, frage ich ihn, ohne zu ahnen, dass die uns beide
nicht sehr erhellende Antwort „operations“ (jetzt nicht im medizinischen Sinne
zu verstehen) ihn angeblich während des gesamten Laufs beschäftigen sollte und
er im Laktat-Rausch dann doch noch eine zumindest ihn befriedigende Übersetzung
finden wird. Wenn man bei einem 100k-Lauf sonst keine Probleme hat –
herzlichen Glückwunsch!
In der Garage eines neuen Anbaus gibt es später das an diesem Tag natürlich unvermeidliche
public viewing, es ist immerhin Viertelfinale! Ich weiss nicht, wann sich die
ersten dort ihre Sitz- (und Sicht!-) Plätze gesichert haben: Um kurz vor
Anpfiff hat man jedenfalls keine Chance mehr und eigentlich muss ich mich ja eh
auf andere Sachen konzentrieren. Drop Bag? Ja / nein / wie viele / wohin /
Inhalt? Rucksack ja / nein? Welche Schuhe? Das ist der Nachteil der
Auto-Anreise – man drückt sich vor Entscheidungen zu Hause und die Karre ist dann
einfach zu voll mit Optionen. Letztlich nehme ich den Rucksack mit 1,5l-Blase mit (Gott sei Dank, sag
ich nur im Nachhinein …), u.a. weil da alle Gels und auch ein Regenjäckchen
reinpassen. Auf 700m NN ist bei Gewitter der Sommer ganz schnell vorbei, machen
wir uns da nichts vor! Die Pure Grit II gehören zur Start-Formation (und tuen ihren Dienst dann ganz passabel und außer einer winzigen Blase gibt es keinerlei "bleibende" Spuren), die Pure
Flow kommen zum Einwechseln in den (einzigen) Dropbag für km54 (2. checkpoint).
Natürlich hab ich die Schuhe dann doch nicht getauscht, obwohl zumindest das
Ausziehen der Treter allein wg. diverser Steinchen (Gamaschen? Vergessen!!!)
angesagt gewesen wäre – aber man kennt das ja: Nach dieser Distanz mach ich
keine überflüssige Bewegung mehr, und die Doppelschleife krieg ich da schon mal
gar nicht mehr auf mit den unbeweglichen Fingern.
Nachdem ich dann mit leichtem Groll mein Zelt um 180°
gedreht habe, um nicht über die Motorhaube eines später angekommenen
Mitstreiters in meinen Eingang klettern zu müssen, ist wohl alles perfekt
vorbereitet, der Wecker natürlich völlig überflüssigerweise auf 03:00 gestellt
und alles klar für eine milde (selbst der dünne pro-forma-Schlafsack ist noch
zu warm), ruhige (Schade, dass die Autobahn auch nachts auf hat) und entspannte
(hahaha) Nacht. Unglaublich, aber wahr: gegen 1 Uhr werde ich von –
Regentropfen! – geweckt, die auf’s Zelt prasseln. Gut – „prasseln“ ist etwas
übertrieben, aber es regnet auf jeden Fall für ca. 1h, und ich erinnere mich an
den Elm-Lauf, wo alle Wetter-Portale einig waren, dass es im Vorfeld trocken
bleiben würde, und wir dann auf einer gleichfalls lieblichen, aber trotzdem
klitschnassen Wiese saßen. Nun, so schlimm wurde es hier nicht, und da man
einmal wach war, konnte man auch aufstehen, die Schlafzeit betrug geschätze 2
Stunden. Das Auto-Thermometer sagt 17.5°, und das ist doch mal ein Wort, morgens um
drei. Kein Problem, sich mitten in der Nacht gleich lauffertig anzuziehen und
dabei nicht zu frieren.
Erst jetzt morgens vor dem Start erhält man seinen frisch
auf die Startnummer kodierten Zeitmess-Chip, der – Novum! – am Handgelenk zu
tragen ist und ab und zu (grün) vor sich hinblinkt, was ich als Zeichen
verstehe, dass er noch lebt. Die Zeitmess-Firma SportIdent erscheint mir, nicht
zuletzt wegen der umfassenden Auswertungsmöglichkeiten im Nachgang, als sehr
professionell (übrigens genau wie DataSport in Biel!). Es folgt eine launige
Ansprache der Orga und schon schlurfen wir Richtung Start-Banner. Der Himmel
zeigt zwar bereits Spuren von Dämmerung, aber am Boden ist noch schwarze Nacht.
Das wird aber schnell vorbei sein und die ersten 5km gehen noch über einfache
Wege durch die Prärie, sodass sich Stirnlampen erübrigen. Nur Texaner tragen
eine, sogar über die Gesamtdistanz.
Der 8. thüringenUltra (mein 1.) hat begonnen! Es gibt kein
Zurück mehr und nur diese eine, einfach, aber brutale Option: Finishen! Vergiss Biel – die Erklärungen
(Nachtlauf gegen die Körperrhythmen und -funktionen) ziehen hier alle nicht!
Klar, um 04:00 bin ich auch noch nie losgelaufen, aber da stehen andere Leute
jeden Tag auf. Zeit
egal, denn (und das macht Erst-Läufe so angenehm): es wird auf jeden Fall die
Lauf-PB. Und wenn da die Latte nicht ganz so hoch gelegt wird, wird es
beim nächsten Mal einfacher, eine neue Marke zu setzen (und das ist bei mir
eigentlich immer Pflicht, Ausnahme: BC).
Ein bisschen mulmig wird mir schon, weil der Toilettengang vor
dem Start „nicht nötig“ war und es nach einigen km anfängt, in den Gedärmen zu
rumpeln und zu poltern. Nicht schon wieder! Ich bin wach genug, mich an so etwas wie
Bauch-Atmung zu erinnern und sie auf entspannenden Bergab-Passagen zu praktizieren. Dies
führt letztlich zum Erfolg bei km16.
Ok, was gibt es zur Strecke generell zu sagen? Sie ist
(erstaunlich genau) 100km lang. Und sie ist ultra-abwechslungsreich. Prärie,
Laubwald, Nadelwald, (wenige) Dörfchen, Wiesen, Felder, lila Fingerhüte, weiße
Fingerhüte, Teiche, Stauseen, Industriezone, Asphalt, Forststraßen (glatte und
grobschottrige, nach links hängende, nach rechts hängende), Wanderwege, Trails, einige km (jetzt aspaltierte) Bahnstrecke
mit (herrlich kühlem) Tunnel, bergauf, bergab, wenig ebene Abschnitte, 2mal
über die Kammlinie des Thüringer Waldes bei ca. 750m NN. Ich hab mich definitiv
nicht gelangweilt in den 11 Stunden – super! Der Rennsteig hat dagegen seine
Längen, in Biel sieht man notgedrungen nicht so viel. Und dann die VPs. Ja, es gehört ja fast zum
guten Ton, diese bzw. die Menschen, die sie eigentlich ausmachen, bei den
meisten Läufen hervorzuheben. Ist ja auch in Ordnung. Manchmal gibt es trotzdem
noch Steigerungen. Wenn man unaufgefordert bei km80+ mit einer Gießkanne
beträufelt wird und überall Melone, Gurke, Tomate und bleifreies Bier (meine lebensrettende
Entdeckung des Tages!) bereitstehen, ja, dann vergebe ich gerne die
Maximalpunktzahl (aber die hab ich wie gesagt schon oft vergeben). Will nur
heißen: PERFEKT! Wie der ganze Lauf. Drop bags, Wertsachenaufbewahrung,
Übernachtung, Soforturkunde - noch dazu auf einem Papier, das der Leistung der Teilnehmer
und der Orga gerecht wird: fett!, Versorgung vor und nach dem Lauf (ok, hier ist
der vegetarische Anteil noch ausbaufähig). Dann die Markierung, bei solch einem
Trip sicher nicht ganz unerheblich: einfach sensationell! Ich habe mir unterwegs immer
vorgestellt, wie das Team die geeigneten
Stellen/Steinplatten/Baumstümpfe/Abflussrinnen ausgesucht, ggf. liebevoll von Staub befreit und dann bepinselt
hat. GPS-Track komplett überflüssig. Ich bin versucht zu sagen, man sollte Didi
dort mal ohne Guide laufen lassen (sorry, ihr wisst, was ich meine).
Details? – Nicht viele, irgendwie ist alles eine Wolke. Obwohl
ich den Grundverlauf der Strecke vorher oft studiert habe, hab ich unterwegs
teilweise die Orientierung (was war schon, was kommt noch) verloren und wunderte mich abschnittsweise über die Position der Sonne. 11 Stunden
sind so lang, man sieht so viel, der Speicher reicht nicht. Da war der mit Lautsprecheranlage bewaffnete Posten bei km21 am Ortsrand von Ruhla, der kurz nach 6 Uhr morgens dem noch schlafenden Talkessel verkündete, welche Größen des Ultra-Laufsports gerade diesen denkwürdigen Ort passierten. Das
stundenlange Jojo-Spiel mit den Fahrradbegleitern, bergauf überholt man sie bei noch überraschend
mässigen Steigungen, sie keuchen oft mehr als man selbst, bergab schießen sie
an dir vorbei und du bist neidisch, weil sie sich etwas ausruhen können. Dennoch
wissen auch sie am Ende des Tages mit Sicherheit, was sie getan haben. Die Kontrollblicke auf die Startnummern der mich überholenden Läufer, wobei es sich beruhigenderweise in der Mehrzahl um eine Stunde später gestartete Staffelteilnehmer handelte, die sich nicht selten sogar dafür entschuldigten, vorbeiziehen zu müssen. Da waren die langen Passagen auf frischem Grobschotter, wo man besser doch auf den Weg guckt, obwohl der im Prinzip einfach ist. Wann werden endlich Schuhe erfunden, die die seitliche Längsneigung der Forststraßen durch keilförmige Sohlenquerschnitte ausgleichen? Ok, man müsste sich im Vorfeld für "linker" oder "rechter" Rand entscheiden, vllt. doch nicht so praktikabel. Ein paar
Bekannte hab ich überholt (das brennt sich halt ein, wenn man damit nicht
rechnet, siehe Elm-Trail). Superschön – halt einfach "schön" - war
die Landschaft und die Ausblicke bei km15, zwischen km32 und 36 (ohne Anspruch auf
Vollständigkeit). Die Bahnstrecke runter nach Floh-Seligenstadt war im wahrsten
Sinne des Wortes die Härte, der Rück-Aufstieg zur Ebertswiese nicht so schlimm
wie erwartet, der Wiesen-Trail hinunter nach Tambach sagenhaft. Warum sind die
Bergab-Abschnitte immer so kurz und steil, dass man sie kaum laufen kann (km79) und sie kaum Erholung oder Zeitgutmachen ermöglichen?
Aber dann kam der Abschnitt ab km85. Der war anders – und
ich werde ihn so schnell nicht vergessen! Da muss ich schon etwas genauer drauf
eingehen. Laut Veranstalter gibt es 17 VPs. Richtig müsste es heißen:
„Mindestens“ 17 VPs. Denn auf einmal stehen teilweise alle 50m auf kleinen
Tischchen vor den Häusern oder Datschen an den Ortsrändern zumindest
Wasserwannen mit Schwamm, oft aber sogar noch diverse Getränke, einmal plätschert
sogar eine kühle Gartendusche. In der Mittagsglut oft unbemannte Stationen der
Anteilnahme und Liebenswürdigkeit, die ich (jetzt 44 Ultras) so noch nicht
erlebt habe. Unbemannt? - Nicht immer. Manchmal lassen es sich die Kinder nicht nehmen,
einem den Wasserbecher entgegenzutragen und ahnen dabei vielleicht gar nicht,
wie dankbar man ihnen dafür ist. Oder das Rentnerpärchen bei km89 (und wohl
ungefähr auch genauso alt), das vor seiner Datsche sitzt und kräftig
applaudiert und natürlich auch noch eine kleine Versorgungsstation aufgebaut
hat. Es treibt mir spontan das Wasser in die Augen und ich bekomme diesen Kloß
im Hals, den ich sonst nur von der Vorab-Visualisierung des Ziel-Durchlaufs
kenne und der mir gefährlicherweise für ca. 300m den Atem nimmt. Hinter der nächsten Kurve hat jemand aus (knochentrockenen) Pferdeäpfeln
das tU-Markierungssymbol am Wegrand nachgebildet. Ich frage mich, ob es ein
wohl Teilnehmer oder ein Spaziergänger war. Dann endet der Thüringer Wald
plötzlich und man steht wieder am Rand der Prärie, die es nun erneut zu queren
gilt und die ihrem Ruf (heiß, flach, staubig) alle Ehre macht. Der Südwind
kommt genau von hinten, und so hat man den Eindruck, die Luft steht. Dann sogar
eine Fata Morgana: In der Ferne am Horizont (an dem erfreulicherweise auch
schon die überdimensionalen blauen Fabrikhallen vor Fröttstädt zu erkennen
sind) taucht im Flimmern ein merkwürdiges Tor auf, das da mitten auf dem Acker steht. Beim Näherkommen wird klar: das ist der berühmte VP 95km, an
dem man – so die Lautsprecherdurchsage – die sieben hübschesten Frauen
Thüringens umarmen darf. Das möchte ich bei aller Wertschätzung in meinem
verklebten Zustand aber keiner zumuten – nur die jüngste (geschätzt 9 Jahre
alt) kommt in den zweifelhaften Genuss. Alles was dann bis zum Ziel noch folgt ist
ein mittlerer Alptraum, den durchlebt zu haben am Ende wieder etwas Positives hat: Kilometerlange Geraden, menschenleer, durch die Industrie-Zone, der Kampf
(?) gegen die tickende Uhr („Wieviel darf ich bei der Reststrecke noch gehen,
um noch unter 11 Stunden zu bleiben?“), was - jetzt kommt erst die
Autobahn-Unterführung? - der nahende, gefühlte Hitzetod, die Komplett-Krämpfe
in den Unterschenkeln, die mich mehrmals zum Stehenbleiben zwingen. Am Ende
siegt die Vernunft, für eine 10:59 nicht noch ein richtig böses Ende zu
riskieren, und so laufe (!) ich in einer ehrlichen 11:01 – natürlich mit
persönlicher Ansage, die durch im Dorf stationierte Vorab-Posten auch dann garantiert wird, wenn man seine Startnummer hinten auf dem Rucksack trägt – ins Ziel. Mein 3. Finish über die 100k, yes! Nach 10 sec. ist mein Chip abgenommen und
ich bekomme einen Auswertungsbon in die Hand gedrückt, der mich überraschenderweise als 4. der (wie in letzter
Zeit so oft zahlenmässig größten) AK50 ausweist. Ich bin überrascht und zufrieden
und nehme die 50m bis zum Zelt in Angriff, ziehe irgendwie die Matte raus und lasse mich in den Schatten fallen. Die nächste halbe Stunde ist geprägt von Versuchen,
die Beinmuskulatur zu entspannen, was aber zu immer neuen, teilweise krassen
Krämpfen führt. Hoffentlich hat mich niemand beobachtet, wie ich mehrfach wie
von der Tarantel gestochen aufspringen muss. Trotzdem: unter dem Strich ein
„gutes finish“, mir geht’s gut, ich habe Durst und Appetit und nach einer
Stunde spielen auch die Gräten beim Gang zur Dusche (warm!) wieder mit.
Es ist einfach nur herrlich, im himmelblauen 1-Stern-Finisher-Shirt auf der Wiese zu liegen, und die
Zieldurchsagen mit den vielen bekannten Namen zu hören. Pünktlich wie ein Maurer
kommt nach 12:20h André an, und erzählt mir nach der Gratulation als erstes,
dass er die passende Übersetzung für „operations“ gefunden habe. Der tU macht
einfach jeden glücklich.
Was geht mir durch den Kopf? Mehr als 100km? Niemals!
Nochmal Rennsteig? Nö. Nochmal Biel? Nö. Nächstes Jahr den 2. Stern holen? Muss
nicht nächstes Jahr sein, aber bestimmt irgendwann. Auf jeden Fall gehört der
tU - nicht allein der Strecke wegen - in meine geheime Liga der besonderen Läufe.
Dort gibt es nur 5 Tabellenplätze. Wenn einer aufsteigt, muss einer absteigen, das ist so einfach wie beim Fußball.
Einmal im Leben solltest du nach Fröttstädt.
Montag, 26. Mai 2014
Elm Super Trail
72km Elm Super Trail 2014 - Antworten auf Fragen, die man nicht gestellt hat
Ich war (entgegen anders lautender Gerüchte) ewig nicht so
weit gelaufen wie beim Elm Trail vorgesehen (die BC lassen wir mal außen vor,
tatsächlich bin ich die im engeren Sinne auch noch nie gelaufen). Genauer gesagt: seit Biel 2012! Entsprechend groß und
authentisch war auch mein Respekt vor der 72km-Distanz. Für mich keineswegs ein
Selbst-Läufer. Hinzu kam, dass der Verlauf dieses Rennens (nicht unbedingt das
Ergebnis) als Orientierung für den diesjährigen Start in Biel herhalten sollte.
Sanna's letzter Lauf weiter als 20k datierte noch aus 2013, und so stellte die
25k-Strecke auch für sie eine ernstzunehmende Aufgabe dar.
Wir rollten also innerlich einigermaßen (an)gespannt Richtung
norddeutscher Berglandschwelle bzw. Börde. Wir waren in Göttingen zeitig los,
wunderten uns über die sich im Süden aufbauende Gewitterfront, wo doch absolute
Niederschlagsfreiheit angekündigt war, konnten sie aber während der ganzen
Fahrt im pfeilschnellen Astra noch auf gebührendem Abstand halten. Bei
Salzgitter hatte sie den Brocken bereits eingenommen, und unser Kaffeetrinken
am absolut idyllisch gelegenen Watzumer Häuschen am Elm, wo morgen VP9 bei km47
aufgebaut sein würde, fand leider bereits ohne Sonnenschein statt. In welcher
Verfassung würde ich hier morgen ankommen? Ich hatte jetzt schon mehr als
Respekt vor dem Abschnitt, der sich über mehrere km wahrscheinlich recht
schattenlos zur wärmsten Tageszeit vom tiefsten Streckenpunkt nach der Marathon-Distanz
hier wieder hinauf ziehen würde.
Wenig später an der Burg Warberg angekommen, ließen die ersten Tropfen und dann eine ausgewachsene einstündige Schüttung nicht lange auf sich warten. Das Regenradar zeigte: Definitiv der einzige Niederschlag deutschlandweit! Mal wieder zu früh gefreut - jedenfalls auf ein entspanntes Campen auf einer trockenen Wiese. Natürlich war nach dem Guß auch die Wärme weg, und so verkrochen wir uns recht zeitig in die Schlafsäcke. Das Zelten an der Burg ist ansonsten sehr zu empfehlen: absolut eben und steinfrei, sattes Gras, völlige Ruhe (wenn nicht wie diesmal 3 Hochzeitsfeiern parallel auf der Burg stattfinden), jedenfalls bis 3:10h, als der erste Hahn anfing, uns darüber zu informieren, dass es bald hell werden würde. Was er nicht wusste: Ich war schon wach, ziemlich schweißgebadet dazu, schockartig hochgeschreckt aus dem unvermeidlichen "ich-komme-zu-spät-zum-Start"-Alptraum, der hier (100m vom recht späten Start um 9h entfernt) mehr als überflüssig war. Nach und nach treffen die Läufer ein, viel Hallo und dumme Sprüche wie gewohnt, alle wollen nur locker traben wie gewohnt, nein, kein Rennen! - oder sind eigentlich sowieso verletzt oder nicht im Training. Das gehört dazu. Alle wissen, dass es dann anders kommt.
Das Wichtigste aber: Blauer Himmel (wie versprochen)! Es blieb nur die Frage, wie die Strecke die gestrige Schüttung verkraftet haben würde, ob es schmierig werden würde. Die Ortskundigen halten das für wenig wahrscheinlich, "alles eher sandig". So war es auch tatsächlich, und bis auf km69-71 wurde es nie rutschig. Insgesamt sah ich - später dann unterwegs - im Wässern der Strecke am Vortag den großen Vorteil, es nicht zusätzlich zur Hitze auch noch mit Staub zu tun zu bekommen. Die Brooks Pure Connect ("Straßenrennschuhe") waren somit wie schon zuletzt beim Röntgenlauf, Bilstein und der Harzquerung die richtige Wahl: kein Gramm zu viel an den Füßen.
Die Phase der bekannten pre-race-Entscheidungen stand an: Welche Schuhe (ach nein, erledigt!), welche Klamotten (so wenig wie möglich), Rucksack? Hmm, bei einem maximalen Abstand von 7.1k zwischen den 14 (!) VPs auf den 72km "wagte" ich, ihn liegen zu lassen. 4 Vega-Gels, 4 Salzkapseln und 4 Blatt Klopapier, das war alles außer mir selbst, womit ich an den Start ging. Alles (außer mir selbst) wurde dann auch verbraucht, aber es entstand trotzdem kein Mangel (na, ein Gel mehr hätte nicht geschadet). Also ein diesbzgl. sehr einfacher Ultra ohne großartige Materialschlacht.
Im Burghof erhalten wir nette Grußworte mit auf die Strecke, vor dem Burgtor auf der Brücke geht es zur Fanfare eines veritablen Ritters endlich los. Schon nach 300m auf einem fußbreiten Trail schön im Gänsemarsch bergauf dem Waldrand entgegen - aber wir wollen ja alle sowieso nicht schnell sein. Überhaupt - mich hat der Trail-Anteil positiv überrascht. Nicht selten, wenn man nach Streckenkarte davon ausgehen könnte, dass die Route vor allem an den endlosen Elm-Waldrändern auf Wirtschaftswegen oder einigen Straßen entlang führen würde, verläuft der Weg 5 oder 10m daneben auf klassischen, gewundenen single trails, wunderbar weich, für Leute über 180cm mit häufigen Verbeugungen vor den tiefhängenden Buchenzweigen verbunden. Verlaufen ist übrigens absolut unmöglich, erstklassige Bodenmarkierungen über die gesamten 72km!
Wir rollen dahin. Ja, es ist ein Rollen über die sanften
Wellen am nordöstlichen Waldrand entlang Richtung Königslutter. Nach Norden und
Osten ungehinderte Fernsicht bei klarster Luft. Ein spannender Wechsel zwischen
Kühle, die noch aus dem Wald strömt, und Wärme, die schon aus den Feldern
emporweht, sich oft auf kleinstem Raum verwirbelt, manchmal gar in der
Mundhöhle bei einem tiefen Atemzug. Blick zur Uhr: kumulative Pace 5:20 bei 8k.
OMG, geht das schon wieder los? Aber es geht so leicht - man atmet kaum. Alle
ASFM'ler noch auf Sichtweite versammelt. 10k - pace 5:15. Kein Kommentar.
Wir rollen runter nach Königslutter. Ich laufe neben Jan,
Jan läuft neben mir. Nicht viele Worte, eigentlich gar keine. Kein Zwang, etwas
sagen zu müssen. Das ist angenehm. Schließlich dann doch: "Ich brauche
gerade 50% meiner Energie für die Kontrolle meines Schließmuskels!" -
"Das wollte ich auch gerade sagen!" - Mit Mühe schaffen wir es noch
durch Königslutter, dann springen 2 dudes
im Abstand von 200m in die Büsche und treffen sich sekundengenau wieder auf der
Strecke. Unglaubliches Timing. - Roll on. - Roll up, to Diana's Ruh bei km20
zurück hinauf in den kühlen feuchten Wald. Steigungen können willkommen sein!
Mein rechter Fuß muckt außen unter dem Knöchel. Kenn ich
schon, macht nichts, wird wieder aufhören. Sonnig kurzweilig bergab nach
Destedt an der Nordwest-Ecke des Elm. Dort ist bei 25k der 2. Staffel-Wechsel
für die 7er-72k-Staffel. Uns hat noch keine überholt, sie sind aber auch 30min
nach uns gestartet. Bis km30 folgt jetzt ein Streckenabschnitt, der irgendwie
nicht passt, aber für mich nicht wenig Charme hat: Entlang einer Landstrasse
geht es auf dem Radweg durch die Prärie des Elm-Vorlandes. Erinnerungen an den
Deutschland-Lauf 2010 werden wach, wo man in diesem Stil tagelang unterwegs
war. Es geht vorbei, egal wie lang die Geraden scheinen. Frontal vor uns die
ganze Zeit der wolkenlose Brocken. Es ist so klar, dass selbst ich mit meiner
seit 14 Jahren nicht mehr korrigierten Brille noch die Gipfelbauten ausmachen kann.
Wir überholen die ersten Läufer. 28km - pace 5:12. Es ist 11:25h. "Jetzt starten gleich
die Ladies!" - "Hab' ich auch gerade dran gedacht!"
Über das Eilumer Horn, den höchsten Streckenpunkt, an dem
wir im Anstieg 2 Run&Bike-Teams hinter uns lassen, geht es durch
Kneitlingen, wo die Bevölkerung auf dem Weg zur Wahlstelle etwas distanziert
die Ultras beäugt, wieder hinaus in die Prärie nach Schöppenstedt. Hier ist es
nicht mehr nur warm, hier ist es schon eher heiss, und zum ersten Mal bin ich
richtig froh, diese km nicht alleine laufen zu müssen. Es ist unklar, wer hier
die pace vorgibt. Wahrscheinlich ist es mal Jan, mal ich. Es passt auf jeden
Fall phänomenal. Wir laufen hunderte Meter im absoluten Gleichschritt. Dieser
Rhythmus macht was mit einem, hier weiss ich allerdings noch nicht - was?
Der Marathon im pace 5:12 liegt hinter uns, der
anstrengendere Teil, auch was die Höhenmeter angeht, wohl noch vor uns. Wir
sind auf dem Abschnitt, über den ich gestern bei der Kaffeepause bereits
reflektiert habe. Ich bin überrascht, wie leicht es geht. Wir nehmen die
leichte Steigung an, wir atmen kaum mehr als bergab, wir kämpfen nicht mit dem
Weg. Trotzdem nähern wir uns immer wieder Läufern vor uns. Wir ziehen vorbei. Nichts
motiviert mehr, als ohne zu beschleunigen vorbeizuziehen. Knappe Grüße, macht's
gut! Viel schneller als gedacht sind wir am Watzumer Häuschen - ich krieg jetzt
langsam Angst vor meinem Zustand. Bloß nicht in Euphorie ausbrechen, das darf
ich mir frühestens bei km68 erlauben!
Rummss! 3m hinter mir rollt Jan locker ab. Aus dem Trail
stechen zwischen Gras und Laub einige fiese, dünne Baumstumpen hervor, die ich
wohl nur zufällig nicht erwischt habe. Guten Morgen! Wach bleiben!
Nix passiert. Jan: "Ich bin heute ja auch seit 3 Uhr wach, nach meinem obligatorischen
'ich-verpasse-den-Start'-Traum!" - Der Leser ahnt bzw. kennt bereits die
Antwort.
Bei km50 schaue ich zufällig auf die Uhr: 4:25h, pace 5:18.
Juchhu, beide Fäuste in den Himmel. - Und dann kommt das, was jeder, der schon
ein paar lange Läufe gemacht hat, bei sich oder anderen schon erlebt hat: Alles
ändert sich - ganz schnell. Jan fällt unvermittelt (naja, nicht ganz…) in den
Schritt und sagt, ich solle mal weiter. Mach ich auch, ohne viel zu überlegen.
Ich drehe mich nicht um. Nach ein paar hundert Metern hat sich meine Atmung
stark beschleunigt, bin ich schneller geworden? Nein, im Gegenteil. Also was ist los?
- Es ist ganz einfach: der Taktgeber fehlt! Der Antreiber, der Bremser.
Auch auf den nächsten km merke ich, wie viel einfacher das Laufen zu zweit war, bei dem sich offenbar Energien verbanden
- eine völlig unerwartete und bereichernde Erfahrung, für die allein sich der
ganze Lauf schon gelohnt hat.
Frank R. taucht vor mir auf. Huch!? Wir laufen einige
hundert Meter zusammen, dann schickt auch er mich weiter. Hinter VP12 geht es
weiter bergauf, pace 5:24 gesamt, trotzdem fällt bergauflaufen heute immer noch
leichter als bergab, sieht man mal davon ab, dass beides mittlerweile zu
anstrengend geworden ist und man nur noch stehen bleiben und sich hinlegen möchte.
- Ein weißes Trikot, ein Tape unterhalb des linken Knies - das ist Michael W.
Schon wieder: Huch!! Diese beiden Läufer kommen woanders Stunde(n) vor mir ins
Ziel. Weiter, weiter, irgendwann muss es ja nun doch wirklich mal endlich
runter nach Schöningen gehen.
Was soll ich noch sagen? Der Elm Trail ist einer jener Läufe, wo man sich unsicher ist, ob man ihm mehr Aufmerksamkeit und Teilnehmer wünschen soll oder hoffen, dass er noch lange den Status eines verborgenen Kleinods behalten möge (was es allerdings zusätzlich erschwert, unverschämte Anfragen nach Wunsch-Startnummern, die aus dem eigentlich vorgesehenen Nummernkreis fallen, zu erfüllen; nochmals Danke für die "85"!). Ein bereits mehrfach aufgetauchter Vergleich mit dem Rennsteig hinkt meiner Meinung nach jedenfalls von Anfang an und liegt wohl allein in der identischen Distanz begründet. Das ist doch etwas ganz anderes, nicht nur wegen der Vegetation!
Großer Dank geht an alle Involvierten!
Sportliche Grüße,
aschu
(43 Marathons, 42 Ultras)
P.S.
Biel kann kommen!
mit Jan!
(43 Marathons, 42 Ultras)
P.S.
Biel kann kommen!
mit Jan!
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