Montag, 26. Mai 2014

Elm Super Trail



72km Elm Super Trail 2014 - Antworten auf Fragen, die man nicht gestellt hat

Ich war (entgegen anders lautender Gerüchte) ewig nicht so weit gelaufen wie beim Elm Trail vorgesehen (die BC lassen wir mal außen vor, tatsächlich bin ich die im engeren Sinne auch noch nie gelaufen). Genauer gesagt: seit Biel 2012! Entsprechend groß und authentisch war auch mein Respekt vor der 72km-Distanz. Für mich keineswegs ein Selbst-Läufer. Hinzu kam, dass der Ver­lauf dieses Rennens (nicht unbedingt das Ergebnis) als Orientierung für den diesjährigen Start in Biel herhalten sollte. Sanna's letzter Lauf weiter als 20k datierte noch aus 2013, und so stellte die 25k-Strecke auch für sie eine ernstzunehmende Aufgabe dar.

Wir rollten also innerlich einigermaßen (an)gespannt Richtung norddeutscher Bergland­schwelle bzw. Börde. Wir waren in Göttingen zeitig los, wunderten uns über die sich im Süden aufbauende Gewitterfront, wo doch absolute Niederschlagsfreiheit angekündigt war, konnten sie aber während der ganzen Fahrt im pfeilschnellen Astra noch auf gebührendem Abstand halten. Bei Salzgitter hatte sie den Brocken bereits eingenommen, und unser Kaffee­trinken am absolut idyllisch gelegenen Watzumer Häuschen am Elm, wo morgen VP9 bei km47 aufgebaut sein würde, fand leider bereits ohne Sonnenschein statt. In welcher Verfassung würde ich hier morgen ankommen? Ich hatte jetzt schon mehr als Respekt vor dem Abschnitt, der sich über mehrere km wahrscheinlich recht schatten­los zur wärmsten Tageszeit vom tiefsten Streckenpunkt nach der Marathon-Distanz hier wieder hinauf ziehen würde.

Wenig später an der Burg Warberg angekommen, ließen die ersten Tropfen und dann eine ausge­wachsene einstündige Schüttung nicht lange auf sich warten. Das Regenradar zeigte: Definitiv der einzige Niederschlag deutschlandweit! Mal wieder zu früh gefreut - jedenfalls auf ein entspanntes Campen auf einer trockenen Wiese. Natürlich war nach dem Guß auch die Wärme weg, und so verkrochen wir uns recht zeitig in die Schlafsäcke. Das Zelten an der Burg ist ansonsten sehr zu empfehlen: absolut eben und steinfrei, sattes Gras, völlige Ruhe (wenn nicht wie diesmal 3 Hoch­zeits­feiern parallel auf der Burg stattfinden), jedenfalls bis 3:10h, als der erste Hahn anfing, uns darüber zu informieren, dass es bald hell werden würde. Was er nicht wusste: Ich war schon wach, ziemlich schweißgebadet dazu, schockartig hoch­geschreckt aus dem unvermeidlichen "ich-komme-zu-spät-zum-Start"-Alptraum, der hier (100m vom recht späten Start um 9h entfernt) mehr als über­flüssig war. Nach und nach treffen die Läufer ein, viel Hallo und dumme Sprüche wie gewohnt, alle wollen nur locker traben wie gewohnt, nein, kein Rennen! - oder sind eigentlich sowieso verletzt oder nicht im Training. Das gehört dazu. Alle wissen, dass es dann anders kommt.

Das Wichtigste aber: Blauer Himmel (wie versprochen)! Es blieb nur die Frage, wie die Strecke die gestrige Schüttung verkraftet haben würde, ob es schmierig werden würde. Die Ortskundigen halten das für wenig wahrscheinlich, "alles eher sandig". So war es auch tatsächlich, und bis auf km69-71 wurde es nie rutschig. Insgesamt sah ich - später dann unterwegs - im Wässern der Strecke am Vortag den großen Vorteil, es nicht zusätzlich zur Hitze auch noch mit Staub zu tun zu bekommen. Die Brooks Pure Connect ("Straßen­rennschuhe") waren somit wie schon zuletzt beim Röntgenlauf, Bilstein und der Harzquerung die richtige Wahl: kein Gramm zu viel an den Füßen.

Die Phase der bekannten pre-race-Entscheidungen stand an: Welche Schuhe (ach nein, erledigt!), welche Klamotten (so wenig wie möglich), Rucksack? Hmm, bei einem maximalen Abstand von 7.1k zwischen den 14 (!) VPs auf den 72km "wagte" ich, ihn liegen zu lassen. 4 Vega-Gels, 4 Salz­kapseln und 4 Blatt Klopapier, das war alles außer mir selbst, womit ich an den Start ging. Alles (außer mir selbst) wurde dann auch verbraucht, aber es entstand trotz­dem kein Mangel (na, ein Gel mehr hätte nicht geschadet). Also ein diesbzgl. sehr einfacher Ultra ohne großartige Material­schlacht.

Im Burghof erhalten wir nette Grußworte mit auf die Strecke, vor dem Burgtor auf der Brücke geht es zur Fanfare eines veritablen Ritters endlich los. Schon nach 300m auf einem fuß­breiten Trail schön im Gänsemarsch bergauf dem Waldrand entgegen - aber wir wollen ja alle sowieso nicht schnell sein. Überhaupt - mich hat der Trail-Anteil positiv überrascht. Nicht selten, wenn man nach Streckenkarte davon ausgehen könnte, dass die Route vor allem an den endlosen Elm-Waldrändern auf Wirtschaftswegen oder einigen Straßen entlang führen würde, verläuft der Weg 5 oder 10m daneben auf klassischen, gewundenen single trails, wunderbar weich, für Leute über 180cm mit häufigen Verbeugungen vor den tiefhängenden Buchen­zweigen verbunden. Verlaufen ist übrigens absolut unmöglich, erstklassige Boden­mark­ierungen über die gesamten 72km!

Wir rollen dahin. Ja, es ist ein Rollen über die sanften Wellen am nordöstlichen Waldrand entlang Richtung Königslutter. Nach Norden und Osten ungehinderte Fernsicht bei klarster Luft. Ein spannender Wechsel zwischen Kühle, die noch aus dem Wald strömt, und Wärme, die schon aus den Feldern emporweht, sich oft auf kleinstem Raum verwirbelt, manchmal gar in der Mundhöhle bei einem tiefen Atemzug. Blick zur Uhr: kumulative Pace 5:20 bei 8k. OMG, geht das schon wieder los? Aber es geht so leicht - man atmet kaum. Alle ASFM'ler noch auf Sichtweite ver­sammelt. 10k - pace 5:15. Kein Kommentar.

Wir rollen runter nach Königs­lutter. Ich laufe neben Jan, Jan läuft neben mir. Nicht viele Worte, eigentlich gar keine. Kein Zwang, etwas sagen zu müssen. Das ist angenehm. Schließlich dann doch: "Ich brauche gerade 50% meiner Energie für die Kontrolle meines Schließmuskels!" - "Das wollte ich auch gerade sagen!" - Mit Mühe schaffen wir es noch durch Königslutter, dann springen 2 dudes im Abstand von 200m in die Büsche und treffen sich sekundengenau wieder auf der Strecke. Unglaubliches Timing. - Roll on. - Roll up, to Diana's Ruh bei km20 zurück hinauf in den kühlen feuchten Wald. Steigungen können willkommen sein!

Mein rechter Fuß muckt außen unter dem Knöchel. Kenn ich schon, macht nichts, wird wieder aufhören. Sonnig kurzweilig bergab nach Destedt an der Nordwest-Ecke des Elm. Dort ist bei 25k der 2. Staffel-Wechsel für die 7er-72k-Staffel. Uns hat noch keine überholt, sie sind aber auch 30min nach uns gestartet. Bis km30 folgt jetzt ein Streckenabschnitt, der irgendwie nicht passt, aber für mich nicht wenig Charme hat: Entlang einer Landstrasse geht es auf dem Radweg durch die Prärie des Elm-Vorlandes. Erinnerungen an den Deutschland-Lauf 2010 werden wach, wo man in diesem Stil tagelang unterwegs war. Es geht vorbei, egal wie lang die Geraden scheinen. Frontal vor uns die ganze Zeit der wolkenlose Brocken. Es ist so klar, dass selbst ich mit meiner seit 14 Jahren nicht mehr korrigierten Brille noch die Gipfel­bauten ausmachen kann. Wir überholen die ersten Läufer. 28km - pace 5:12. Es ist 11:25h. "Jetzt starten gleich die Ladies!" - "Hab' ich auch gerade dran gedacht!"

Über das Eilumer Horn, den höchsten Streckenpunkt, an dem wir im Anstieg 2 Run&Bike­-Teams hinter uns lassen, geht es durch Kneitlingen, wo die Bevölkerung auf dem Weg zur Wahlstelle etwas distanziert die Ultras beäugt, wieder hinaus in die Prärie nach Schöppen­stedt. Hier ist es nicht mehr nur warm, hier ist es schon eher heiss, und zum ersten Mal bin ich richtig froh, diese km nicht alleine laufen zu müssen. Es ist unklar, wer hier die pace vorgibt. Wahrscheinlich ist es mal Jan, mal ich. Es passt auf jeden Fall phänomenal. Wir laufen hunderte Meter im absoluten Gleichschritt. Dieser Rhythmus macht was mit einem, hier weiss ich allerdings noch nicht - was?

Der Marathon im pace 5:12 liegt hinter uns, der anstrengendere Teil, auch was die Höhen­meter angeht, wohl noch vor uns. Wir sind auf dem Abschnitt, über den ich gestern bei der Kaffeepause bereits reflektiert habe. Ich bin überrascht, wie leicht es geht. Wir nehmen die leichte Steigung an, wir atmen kaum mehr als bergab, wir kämpfen nicht mit dem Weg. Trotzdem nähern wir uns immer wieder Läufern vor uns. Wir ziehen vorbei. Nichts motiviert mehr, als ohne zu beschleunigen vorbeizuziehen. Knappe Grüße, macht's gut! Viel schneller als gedacht sind wir am Watzumer Häuschen - ich krieg jetzt langsam Angst vor meinem Zustand. Bloß nicht in Euphorie ausbrechen, das darf ich mir frühestens bei km68 erlauben!

Rummss! 3m hinter mir rollt Jan locker ab. Aus dem Trail stechen zwischen Gras und Laub einige fiese, dünne Baumstumpen hervor, die ich wohl nur zufällig nicht erwischt habe. Guten Morgen! Wach bleiben! Nix passiert. Jan: "Ich bin heute ja auch seit 3 Uhr wach, nach meinem obliga­torischen 'ich-verpasse-den-Start'-Traum!" - Der Leser ahnt bzw. kennt bereits die Antwort.

Bei km50 schaue ich zufällig auf die Uhr: 4:25h, pace 5:18. Juchhu, beide Fäuste in den Himmel. - Und dann kommt das, was jeder, der schon ein paar lange Läufe gemacht hat, bei sich oder anderen schon erlebt hat: Alles ändert sich - ganz schnell. Jan fällt unvermittelt (naja, nicht ganz…) in den Schritt und sagt, ich solle mal weiter. Mach ich auch, ohne viel zu überlegen. Ich drehe mich nicht um. Nach ein paar hundert Metern hat sich meine Atmung stark beschleunigt, bin ich schneller ge­worden? Nein, im Gegenteil. Also was ist los? - Es ist ganz einfach: der Taktgeber fehlt! Der Antreiber, der Bremser. Auch auf den nächsten km merke ich, wie viel einfacher das Laufen zu zweit war, bei dem sich offenbar Energien verbanden - eine völlig unerwartete und bereich­ernde Erfahrung, für die allein sich der ganze Lauf schon gelohnt hat.

Frank R. taucht vor mir auf. Huch!? Wir laufen einige hundert Meter zusammen, dann schickt auch er mich weiter. Hinter VP12 geht es weiter bergauf, pace 5:24 gesamt, trotzdem fällt bergauflaufen heute immer noch leichter als bergab, sieht man mal davon ab, dass beides mittlerweile zu anstren­gend geworden ist und man nur noch stehen bleiben und sich hinlegen möchte. - Ein weißes Trikot, ein Tape unterhalb des linken Knies - das ist Michael W. Schon wieder: Huch!! Diese beiden Läufer kommen woanders Stunde(n) vor mir ins Ziel. Weiter, weiter, irgendwann muss es ja nun doch wirklich mal endlich runter nach Schöningen gehen.

Es tut weh auf dem Asphalt hinunter in das Städtchen, und das Schlimmste ist: es ist eine Art Wende­schleife und man muss gleich den selben Weg wieder hinauf. Als ich den VP nach der Ehrenrunde auf dem Schlosshof bei km65, pace 5:26, durch das Tor wieder verlasse, laufen gerade Jan und Frank rein. Das freut mich sehr und ich überlege kurz, einfach so lange zu gehen, bis sie mich eingeholt haben. Aber so "weit" bin ich noch nicht, ich laufe weiter, den ganzen finalen Anstieg bis km 68 zwar langsam, aber immerhin durch. Ein weiterer Staffelläufer überholt mich und zollt Respekt. Es geht zum letzten Mal kilometerlang über diesmal recht rutschige Trails, bis man denjenigen Punkt am Waldrand erreicht hat, an dem man ihn vor 6,5 Stunden erstmals berührte. The circle has been closed! Der Elm ist umrundet. Zieleinlauf im Burghof, Medaille um den Hals. Stuhl - Erdinger - lasst mich erstmal in Ruhe. Jan ist knapp 6min nach mir da und ich hänge ihm seine Medaille um. "War geil, Mann!"



Was soll ich noch sagen? Der Elm Trail ist einer jener Läufe, wo man sich unsicher ist, ob man ihm mehr Aufmerksamkeit und Teilnehmer wünschen soll oder hoffen, dass er noch lange den Status eines verborgenen Kleinods behalten möge (was es allerdings zusätzlich erschwert, unverschämte Anfragen nach Wunsch-Startnummern, die aus dem eigentlich vorgesehenen Nummernkreis fallen, zu erfüllen; nochmals Danke für die "85"!). Ein bereits mehrfach aufgetauchter Vergleich mit dem Rennsteig hinkt meiner Meinung nach jedenfalls von Anfang an und liegt wohl allein in der identischen Distanz begründet. Das ist doch etwas ganz anderes, nicht nur wegen der Vegetation!

Großer Dank geht an alle Involvierten!

Sportliche Grüße,
aschu

(43 Marathons, 42 Ultras)

P.S.
Biel kann kommen!
mit Jan!

Dienstag, 1. Oktober 2013

München - Venedig



Es gibt eine etwas ausführlichere Beschreibung meiner Alpenquerung im Sommer 2013
als pdf-Datei zum Runterladen (64 Seiten, 22Mb).




Donnerstag, 20. Dezember 2012

New York City 2012: run anyway!



Irgendwann um den 25./26.10.2012 las ich im Internet zufällig zum ersten Mal von einem sog. „Monster-Sturm“, der sich aus der Karibik auf den Weg zur US-Nordostküste machen und dort als Tropensturm mit einer arktischen Front genau über New Jersey / New York zusammenprallen sollte – „mit nie dagewesenen Folgen“. Höhepunkt zu diesem Zeitpunkt der Voraussage: Do, 1.11. Also mein Flugtag (und 3 Tage vor dem New York City Marathon, auf den ich mich [noch nie zuvor im big apple gewesen] freute wie ein kleines Kind)! 

Prima. Ich verfolge öfters die Wetterentwicklung bzgl. meiner Läufe und weiss daher, dass man alles über 4 Tage Vorhersage meist vergessen kann. Ich behielt insofern recht, als der Zeitpunkt des Auftreffens des Sturms auf die (deichlose) Küste (und damit auf eine Mega-City mit ca. 15 Mio Einwohnern) auf Montag/Dienstag „vor­ver­legt“ wurde. Immerhin! Und das kam dann ja auch wirklich so. Als ich las: „Der U-Bahn-Verkehr in New York wird eingestellt“ (was es seit der Inbetriebnahme vor ca. 100 Jahren noch nie gab) dämmerte mir langsam, dass dies alles sehr, sehr anders werden würde als geplant.

John-F.-Kennedy, mein Zielflughafen, war Montag und Dienstag komplett wg. Überflutung gesperrt, am Mittwoch gab es vereinzelte erste Flüge, aber es waren Tausende (!!) ausgefallen. Wenn man weiss, dass ca. 25.000 Teilnehmer des Marathons aus Übersee kommen, ahnt man, was das bedeu­tete: Völliges Chaos. Ich hing nur noch im Internet und las, wie Leute, die für diese Tage gebucht waren (umbuchen ging ja gar nicht, weil alle Folgetage Do/Fr/Sa natürlich alle Maschinen sowieso bis auf den letzten Platz mit Läufern voll waren), versuchten, z.B. nach Toronto zu fliegen und dann per Mfg nach NY. Was allein deswegen aberwitzig ist, weil man mit einem Auto in NYCity nicht viel anfangen kann (vgl. u.). Parallel zur Frage: „Komme ich da hin?“ die Frage: "Was ist mit dem Marathon? Ist die Strecke frei, findet er statt?" Hierzu kam das definitive Go am Donnerstag morgen durch den Veranstalter und den Bürgermeister per email, 1 Stunde bevor ich in Göttingen in den Zug nach Frankfurt stieg. Mein Flugstatus war auch bis zuletzt OK, also warum sollte ich mich nicht auf den Weg machen? Schlimmstenfalls – da grübelte ich schon ein wenig drüber nach – wäre ich halt 4 Tage ohne Strom in NY. Ich schenkte es mir, zu recherchieren, ob mein Hotel nun Strom hatte oder nicht – das konnte sich alles binnen Stunden ändern.



Und so kam es, dass Aschulein nach irrsinnigen Sicherheitschecks irgendwann im Flieger saß und gen Westen abhob und es begann das große

Wie kommt man an eine Startnummer für den NYC Marathon, der zwar ca. 50.000 Startplätze bietet, aber ca. dreimal so viele Interessenten hat? Es gibt (für Nicht-US-Bürger) 4 Wege: Den Lostopf (wohl keine realistische Chance), einen Charity-Start (= $2.000 aufwärts ohne Reisekosten), ein Reise-Paket mit Flug und Hotel bei einem offiziellen Travel Partner (= € 2.000 aufwärts) oder einen Garantie-Slot über eine AK-abhängige Quali-Zeit (Anm. 2014: damit ist es inzwischen leider vorbei). Die hatte ich. Und mir dann eine 4-Tage-Reise zusammengeklickert, die noch im 3stelligen Euro-Bereich blieb (das Hotel hatte allerdings nur einen halben Stern).

Als ich nach Fingerabdrücken und Foto den US-Einreise-Wahnsinn hinter mir hatte, stehe ich in einem Haufen orientierungsloser, übermüdeter Möchtegernläufer in zugigen Katakomben des J.F.K.-Flughafens, der es infrastrukturell nun überhaupt nicht mit Frankfurt aufnehmen kann. Alles im Vergleich sehr veraltet und bescheiden – vor allem: Wegweiser etc. sind Mangelware. Alle 300 Insassen stürmen auf den einzigen Info-Stand, der mit 2 Mann besetzt ist und immerhin über Telefon verfügt. "No subway to Manhattan!" Viele haben einen Gutschein für den Transfer nach Manhattan (ich nicht), gucken aber trotzdem blöd aus der Wäsche als sie hören: "You’ll have to wait 3 hours – minimum!“ Wieso das? „No gas!“ – Kein Benzin! Diese Facette war neu und sozusagen „im Flug“ entstanden: Ohne Strom funktionieren auch die Pumpen der Tank­stellen nicht, und egal ob Taxi oder Bus – ohne Sprit fahren die auch nicht. Wir hören von stundenlangen Wartezeiten an den Tankstellen.

Oh je! Bin müde, es ist nach innerer Uhr 23h abends, aufgestanden bin ich um 5. Ich drifte mit der Masse in Richtung Taxi-Stand. 100m Warteschlange, es gibt kein Taxi. Entfernung zum Hotel in Manhattan: ca. 25km. Drüben ein privater Busstand, der den schnellsten Non-stop-Transfer nach Downtown für 16 $ verspricht – auch hier kein Fahrzeug, aber ein Fahrschein-Verkäufer. „I don’t know!“ ist die Antwort auf die kaum ausgesprochene Frage, wann der nächste Bus fährt. Ich kaufe trotzdem ein Ticket, sicher ist sicher. Ich warte eine Stunde in dieser abgasgeschwängerten, zugigen, kalten Tiefgarage – nichts passiert. Außer, dass die Warteschlange am Taxi-Stand gegenüber sukzessive kürzer wird. Irgendwann gibt es keine Schlange mehr – aber ein Taxi!

Ein Blick zu meinen Nachbarn am Bus-Stop genügt, schon trotten wir zu viert hinüber. Der Fahrer kann kaum ein Wort Englisch, aber das ist ja normal hier. Die anderen 3 (Belgien, Frankreich, Schweiz) wollen in ein Hotel kaum einen Kilometer von meiner Zieladresse entfernt – besser geht es nicht! Wir vereinbaren 60 $ Festpreis für die Fuhre, was angesichts der Umstände mehr als fair ist. Wir fahren 1 Meile, dann stehen wir 6spurig im Stau: Alle normalen, leistungsfähigen Zufahrten nach Manhattan sind Tunnels, die allesamt in der Flut über­schwemmt wurden. Nun muss sich der Verkehr über 3 oder 4 vor­sintflutliche Hängebrücken nach Manhattan quälen. „It will take us 3 hours“ prophezeit der pakistanische Fahrer, der ununterbrochen am handy mit Landsleuten über die Lage palavert und es irgendwie schafft, über dunkle Zuwege plötzlich auf die Rampe zur Queens­borough-Bridge abzubiegen. Noch eine letzte Polizei-Kontrolle (kein Auto mit weniger als 3 Insassen darf nach Manhattan hinein!), dann hebt es uns auf die Brücke und haut es mich aus den Schuhen:

Diese Silhouette ist unbeschreiblich! Einerseits wegen dieser unglaublichen Aus­dehnung von irrsinnigen Wolkenkratzern an sich, andererseits wegen dieser unüber­sehbaren Licht-Schatten-Grenze mitten durch die Halbinsel: Der gesamte Südteil ist stromlos, der mittlere und nördliche Teil ist taghell erleuchtet wie immer, es gibt eine messerscharfe Grenze.
Blick von der 39th nach Süden ...                                  .... und Norden
„39th street is border!“ lässt der Fahrer wissen. 39th? Ich soll 43rd wohnen, also 4 Strassen = ca. 200m im hellen Teil – ich bin gerettet! Ich denke nur: Das ist der Wahnsinn, über diese Brücke mit diesem Panorama wirst du in 2,5 Tagen laufen – dafür lohnt sich vieles oder fast alles. Es ist wie damals am Grand Canyon: Man hat dutzendweise Fotos, Bildbände, Reise­führer etc. gesehen und glaubt zu wissen, was einen erwartet. Doch man erkennt dann an­ge­sichts der realen Szene sofort, dass man sich ganz gewaltig geirrt hat und nichts die wirkliche Augenscheinnahme ersetzen kann. Dies musste unbedingt mal wieder aufgefrischt werden, aber ich war diesmal – da es sich „nur“ um Kultur, nicht Natur handelte – nicht darauf vor­bereitet und umso mehr überwältigte es mich. Im Umkehrschluss bedeutet das für mich: Ich spare mir auch in Zukunft alle Diavorträge etc. – selbst sehen oder ahnungslos sterben! 

In dieser Stimmung cruisen wir durch Manhattan, die 3rd Ave sechsspurig nach Süden, in den gespenstischen dunklen Teil, wo nicht einmal die Ampeln leuchten und auf jeder Kreuzung Polizei patroulliert, durch die 35th St nach Westen und wieder zurück nach Norden ins Licht in die 42nd St. Ich habe noch 500m zu gehen zu meiner Adresse, und mein Herz schlägt ver­nehm­bar, denn jetzt naht sie, die Stunde der Wahrheit: Wie wird mein „Hotel“ aussehen – nur Kakerlaken oder auch Ratten, wie in einigen Erfahrungsberichten im Internet zu lesen war, von denen man allerdings nie weiss, was Lug und Trug ist. Ich bin im Leben immer am besten damit ge­fahren, mich einerseits vorab zu informieren, also sozusagen den Bereich des Erwartbaren abzustecken, aber letztlich doch zu einem eigenen Urteil und Bewertung zu kommen (was dann oft nicht unbedingt der Mehrheitsmeinung entsprach).

So auch diesmal: Ich jubele innerlich fast, als ich sehe, dass es das Hotel Carter überhaupt als solches gibt, dass es hell erleuchtet ist, dass die Lobby voller meist junger Leute ist, dass mein Check-In problemlos läuft. Ich fahre in den 9. von 24 Stockwerken und betrete ein Zimmer mit eigenem Bad (welches ich defintiv nicht bezahlt habe) und finde bei einem ersten Check und auch später keine Anzeichen für krabbelnde Mitbewohner. Perfekt!! New York City – here I am. Die Krönung ist ein riesiger FlatScreen an der Wand, der in den nächsten Tagen meine Informationsbasis bzgl. der aktuellen Entwicklungen sein wird. Dazu gibt es in der Lobby noch einige Internet-PCs, an denen man sich für 5$/30min mit der Welt verbinden kann.

Ich bin so wach wie man nur sein kann und muss einfach noch mal raus in die Strassen. Die Lage des Hotels ist – vor allem angesichts der besonderen Umstände ohne subway – nicht zu toppen, aber das merke ich erst später. Für diesen ersten Abend, der längst gefühlte tiefe Nacht bzw. innerer früher Morgen ist, begnüge ich mich mit einem faszinierenden Rundgang über den Times Square und durch den Theatre District. Es ist eine komplett andere Dimension in Vielem – Verkehr, Menschen, Läden, Licht - und Berlin oder welche deutsche Stadt auch immer sind Dörfer verglichen mit diesem Gewirre. Es ist wohl nahe am Maximum dessen was vor­stell­bar ist als künstliche Natur, als man-made landscape (obwohl – ich war noch nicht in Tokio). Ich spüre es wie 1981 in Los Angeles: mir liegt dieser Irrsinn irgendwie. Als Urlauber.

Der nächste Morgen, Freitag, beginnt für mich sehr früh nach New Yorker Zeit, so um 4, aber das war ja innerlich 10h, also bin ich wohl ausgeschlafen. Bezüglich Zeitumstellung hatte ich mir nichts vorgenommen, dafür waren die 4 Tage eh zu kurz. Sollte ich die Deutschland-Zeit beibehalten, so würde ich das Rennen halt gefühlt um 15.40 starten, statt 9.40, letztlich ziem­lich egal. Die Stadt ist zu dieser frühen Stunde ungefähr im Modus wie Göttingen an einem Wochentag zur Mittagszeit – keine prime time, aber von Ruhe oder gar Leere keine Spur.

die Tages-Produktion Müll meines Frühstück-Cafés
Alle Läden und Cafes haben geöffnet, man findet allerdings jetzt leicht einen Sitzplatz. Nach einem denkwürdigen Frühstück mit einer Art Spinat-Pizza, garniert mit Chips, das ganze natürlich aus Pappbechern und mit Plastikgabel (ich habe die ganze Zeit kein Porzellan oder Metallbesteck zu Gesicht bekom­men), torkle ich zurück ins Hotel und wage mich in die Badewanne bzw. Dusche (es ist klar, dass ich mich in diese Wanne nicht legen werde). Das Wasser wird nicht warm. Später erklärt man mir an der Rezeption, dass man Dusche und Waschbecken gleichzeitig aufdrehen und 10 Minuten laufen lassen soll. Das passt zur Heizung, die nicht ausgeht, und zur Klima­anlage, die nachträglich ins Fenster eingesetzt und völlig dilettantisch eingepasst wurde, mit einem freien Spalt zur Außenwelt von mehreren Milli­metern. Scheint hier alles immer noch nichts zu kosten und egal zu sein – auch wenn es im Winter -30° und im Sommer +30° sind. Hat Sandy was mit Climate Change zu tun und spielen die USA darin eine Rolle? Das wird hier noch untersucht.

Ok, was liegt heute an? Ich will wenigstens mal ein paar Stationen U-Bahn fahren und das kriege ich auch hin, vom Times Square zum Central Park West. Heute ist das Fahren noch komplett umsonst, weil eh nur Teilstrecken weniger Linien bedient werden. Man ist eigentlich nach wie vor auf Manhattan gefangen, bzw. kommt nicht hin von außerhalb. Für die abge­soffenen UBahn-Strecken unter dem Hudson- und dem East-River gibt es Bus-Ersatz-Dienst über die paar alten Brücken – lächerlich. Ein UBahn-Zug spuckt mehrere Hundert Leute aus, so viele Busse kann man gar nicht hin­stellen, und die paar, die fahren, stehen dann im Mega-Stau. Ich werde halt die 2 bis 3 Meilen Fuß-Radius um meine Basis erkunden – und da liegt alles drin, was für den Lauf wichtig ist: die Anmeldung im Javits-Messe-Center, die Abfahrt der Busse zum Start an der Public Library und das Ziel im Central Park. Ich beginne wie gesagt mit einer Stippvisite zum Central Park, hin subway, zurück zu Fuß. Der Park ist noch wegen der Sturmfolgen gesperrt. Insofern ballt sich das Läufervolk auf den Randstrassen. Schon jetzt sehr beeindruckend – es sind hunderte und tausende, die da meist in Gruppen langjoggen.

Über die 8th Avenue kehre ich zurück zum Hotel und der große Moment naht: Abholen der Startunterlagen! Das ist bei großen Läufen immer eine Show für sich, meist kombiniert mit einer Messe für alles (meist Überflüssige) rund ums Laufen.
Auch hier sprengen die Dimensionen alles Bekannte, ein unglaublicher Lindwurm von Leuten wird durch eine unglaubliche Zahl von Helfern in Schlangenlinien kanalisiert. Tausende und Tausende von Leuten aus aller Welt, Wartezeit allein bis zum Security Check (na klar!) weit über eine Stunde. Selbst hier wird der Reisepass noch mal gescannt, aller­dings braucht es keine Finger­abdrücke. Die Verkaufsfläche des Hauptsponsors Asics ist größer als Karstadt in Göttingen, sie haben allein dort ca. 20 Kassen, die Leute kaufen alles, wo NYC Marathon drauf steht, es ist der Wahnsinn. An den Ständen der anderen Aus­steller wird man zugeschmissen mit give-aways, und als ich für 10$ eine Packung Chia-Samen aus Australien kaufe, bekomme ich eine zweite gratis dazu plus ein Marken-Singlet mit Werbung. Ansonsten futtere ich mich bei den diversen PowerBar- und Riegel-Ständen durch. So halte ich zwar länger durch als sonst, aber ich will ja nachmittags noch ein Ründchen zum Park drehen. Also sitze ich recht bald wieder in einem speziellen MidTown-Hotels-Shuttle­­bus, der über teilweise unglaublich kaputte Straßen rumpelt, deren Schlaglöcher häufig dauerhaft-provisorisch mit Stahlplatten abgedeckt sind, und mich quasi bis vor die Haustür bringt.

Todesmutig laufe ich etwas später direkt über die 8th Ave zum Colum­bus Circle, dem „offiziellen“ Parkeingang, wo wir übermorgen bei km 41 kurz vor dem Ziel in den Park einbiegen werden. Es gibt zwar einen farblich markierten Radweg auf der Strasse, auf dem ich etwas einfacher voran zu kommen hoffe als auf den völlig überfüllten Gehwegen, aber das bleibt ein Wunschtraum, denn natürlich wird der primär als Not­parkplatz benutzt. 

Apropos Parken: Genau gegenüber vom Hotel ist ein Parkhaus – für die Tagesgebühr kann man fesch essen gehen, der Monatspreis reicht zu Hause für die Miete einer mittleren Wohung, erst recht, wenn man die über 18% zusätzliche Park-Steuer addiert hat.

Irgendwann liege ich dann wieder im Hotel vor der Glotze, wo ich nichts als News-Sender schaue, die natürlich nichts als „Sandy“ und "Election Day" bringen. 


Und dann – aus heiterem Himmel – sehe ich plötzlich das:


Das ist so das Gefühl, das man nur selten im Leben hat, dieses „das kann jetzt nicht wahr sein!“ aber man weiss gleichzeitig, dass man nicht träumt und dass es endgültig ist. Was für eine Scheiße, entschuldigung, ist das denn? Es ist 36 Stunden vor dem Start, wir haben die Start-Unterlagen abgeholt, die Zieltribüne ist aufgebaut, die Strecke ist frei! Was soll das? Das Sandy-Opfer-Respekt-Argument zieht irgendwie nicht wirklich, auf dem Times Square und in den Shows vergnügt man sich wie gehabt und andere Sportveranstal­tungen wie Foot­ball-Ligen laufen nach dem normalen Plan, wie ich später erfahre. Es ist eine rein politische Entscheidung, deren Konsequenzen bis heute (20.12.) unklar sind (es gibt nach wie vor keine Verlautbarungen über den Umgang mit der Absage was finanzielle oder organisa­torische Aspekte [wird der Startplatz nach 2013 übertragen?] angeht). Der Marathon hatte letztlich wohl das „Pech“, dass der Start einfach zu nah am Zentrum der Schäden auf Staten Island lag und diese Bilder (Läufer vs. Sturmopfer) wohl nicht zu vermitteln gewesen wären. Verstehe ich ja alles auch und natürlich ist dieser Lauf nicht lebenswichtig – aber das hätte man schon am Dienstag so wissen und entscheiden und ich zu Hause bleiben kön­nen. Es riecht ein bisschen nach „lasst die Leute mal kommen, damit wenigstens die Hotels noch ihren Umsatz machen“. Nun ja, als ich es begriffen habe, gehe ich in die Lobby um die Neuigkeit (die natürlich auch in Europa schon längst keine mehr ist) über facebook zu verbreiten.

Aber ziemlich bald wird mir klar, dass es keinen Grund zum Trübsal blasen gibt: Ich bin immer noch in New York City! – und was jetzt Samstag und Sonntag hier passieren wird, das wird wahrscheinlich ein­malig bleiben und live erlebte Geschichte! Keine 2 Stunden später gibt es die ersten facebook-Gruppen, die zu einem „run-anyway-Marathon“ am Sonntag morgen im Central Park auf­rufen. Stündlich gibt es hunderte und tausende neue follower, am Sonntag gibt es dann bereits natürlich auch – unvermeidlich – die passend bedruckten T-Shirts.

Schon am Samstag Vormittag, als der Central Park erstmals nach dem Sturm wieder geöffnet ist, kommt mehr oder weniger das gesamte Läuferfeld auf einer Pilgerfahrt zum und durch den Park zusammen. Ich gehe mit gemischten Gefühlen die letzte Meile bis zum Zieltor ab, ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Sehr schade – aber trotzdem unvergesslich.
Am Sonntag morgen, es ist ein strahlend blauer Himmel bei 2°-3°, werden diese Eindrücke weiter gesteigert, als sich unübersehbare Mengen an Läufern sammeln und den run-anyway-Marathon in beiden Lauf-Richtungen im und gegen den Uhrzeigersinn in Angriff nehmen. In den ersten Jahren des NYC Marathon verlief die Strecke noch auf 4 Runden durch den Central Park, was nahe legt, dass eine Runde etwas mehr als 10km sind. Ich schätze, dass 15-20.000 Leute laufen. Die meisten von ihnen wohl auch über die volle Distanz, natürlich alles ohne Verpflegung, Zeitnahme etc. 

Ich weiss nicht, welche Länderflaggen ich unterwegs nicht gesehen habe, es waren schier unglaubliche Mengen an Europäern und Süd­amerikanern auf den Beinen. Ein echtes Volksfest in vollkommen fröhlicher und friedlicher Atmosphäre. Sogar eine Medaille (zum Selbstausschneiden) gibt es! Solch einen Lauf unter vergleichbaren Vorzeichen werde ich wohl nicht noch einmal erleben. The Great Concert In Central Park! Ich entschliesse mich, wenn es irgendwie geht, 2013 zurück zu kommen und auch den normalen NYC Marathon zu absolvieren.

Der letzte Abend bricht an und mein Fokus richtet sich mehr und mehr auf das Thema Rückreise. Die Haupthürde wird der Transfer zum Flughafen werden. Nach wie vor keine Subways dorthin und unkalkulierbare Busabfahr- und reisezeiten. Glücklicherweise ist der Abflug erst 19.40, also hab ich sozusagen den ganzen Tag zur Verfügung.
Hohes Gebäude - hohe Empfangshalle
Ein Highlight nehme ich deshalb am Montag morgen noch mit – denn es liegt ja auch wieder in Fuß-Entfernung – das Empire State Building, „Schlaflos in Seattle“ lässt grüßen (vielleicht treffe ich da oben jemanden?). Allein für diese „Besteigung“ sollte man sich einen ganzen Tag nehmen, denn in den Hallen auf dem Weg zu den Fahrstühlen gibt es beeindruckende Ausstellungen über die Bauphasen oder auch nachträgliche Klimaschutz-Sanierungen. Aber dafür bin ich doch ein wenig zu un­ruhig. Mit der ersten Fuhre geht es um 8 Uhr hinauf in den 86. Stock – für 28 $ in ca. 2min. Man kann auch 54 zahlen, wenn man tagsüber die dann hunderte Meter langen Warte­schlan­gen umgehen will und instant access bucht.
Oben ist es lausig kalt, und wieder mal sehr sehr umwerfend: Zum ersten Mal sehe ich ganz Manhattan, die Freiheits-Statue auf ihrer kleinen Insel, und die Verrazano-Narrows-Bridge zwischen Long Island und Staten Island, über die die erste Meile geführt hätte. Ich sehe wirklich die ganze Marathon-Strecke von hier oben: Staten Island, Brooklyn, Queens, Bronx, Man­hattan – die 5 „borrows“ von New York. Das ganze aus einem gänzlich anderen Stockwerk, obwohl die um­liegenden Gebäude nun auch nicht gerade flach sind.

Blick auf Lower Manhattan, oben links die Verrazano Bridge, Mitte rechts Liberty Island mit der Freiheits-Statue

Keine 500m vom Hotel liegt das zentrale Port Authority Bus Terminal, wo auch die Bus-Firma vertreten ist, von der ich vom Hinweg vom Flughafen noch das ungenutzte Ticket in der Tasche habe. Es steht zwar klar drauf, dass es nur am Lösungstag gültig ist und nur für die aufgedruckte Fahrt-richtung, aber was soll’s, fragen kostet ja nichts, und der ca. 25j. schwarze Fahrer meint nur: „Sure, Sir, that’s ok!“ Diese Haltung ist typisch für die New Yorker und das New York, wie ich es in diesen 3 Tagen erlebt habe: trotz unglaublicher Hektik, Enge, Lärm, denen man nirgends entkommen kann (auch nachts im Hotel war das Grundgeräusch der Lüftungen aus den benachbarten Wolkenkratzern unüberhörbar), sind die Leute im Schnitt wesentlich entspannter als in Deutschland. Geduldiger. Sogar freundlicher. Was zunächst verblüffen mag, findet seine Erklärung vielleicht darin, dass dies die einzige Strategie sein dürfte, wie man es auf Dauer in diesem Gewusel aushalten kann.

Ich merke jedenfalls, dass ich mittlerweile ganz dringend sehr viel weniger Menschen und sehr viel mehr Bäume um mich herum brauche. Göttinger Wald – I'll be back! Aber vor die Annäherung an die Heimat hat der liebe Gott noch den East River gesetzt, und die Situation an der Queensborough-Bridge ist unverändert: Stillstand!  Der Fahrer springt nach einiger Zeit im Stau auf, macht eine Durch­sage, dass sich keiner beunruhigen soll, weil er jetzt die Strecke verlässt, aber wir würden ja alle zu unseren Fliegern wollen und deshalb müsse er alternative routes  nehmen. Naja, über die Brücke muss er trotzdem – aber er schafft es tatsächlich, nicht von Süden, sondern von Norden zu kommen und da bewegt sich die Schlange immerhin ab und zu etwas.

Ich komme mit reichlich Zeitpuffer am JFK an, drehe noch ein paar Runden mit dem AirTrain zwischen den Terminals und erhalte so einen Eindruck über das Ausmass dieses Flughafens. Der Rest ist unaufregend: Viele Pizzas, Kaffees, Brötchen bis zum pünktlichen Abflug, wieder ein sehr gediegenes veganes Menu an Bord , dass ich ohne Aufpreis auf Basis meiner bei der Buchung gewählten Option bekomme und das neidvolle Blicke der Chicken-Fraktion hervorruft. Dann hat mich Deutschland wieder.
Was für ein Trip!


Kann es einen größeren Kontrast geben als den New York City Marathon und die Solling-Querung von Karlshafen nach Dassel? 47.000 Teilnehmer vs. 50, Beton & Asphalt pur vs. Wald und sonst nichts. 5 Tage auseinander. Der Mensch schafft auch dies. Merkwürdigerweise.

Es gäbe weiteres zu berichten, z.B. über Sanna's ersten Gesamtsieg in einem Marathon in Arolsen am 1.12. oder über die 3,5 Stunden, nach denen dieses Jahr der Berlin-Marathon 2013 mit 40.000 Anmeldungen ausgebucht war. Ganz zu schweigen von den 10min nach Mitternacht am 2.12., in denen sich 180 Leute für die Brocken Challenge 2013 angemeldet haben.
 
Aber wenn dieses Werk bei Euch noch rechtzeitig zu Weihnachten ankommen soll, dann muss jetzt einfach mal Schluss sein.

 
P.S.
3 Stunden nach der Fertigstellung dieses Textes kam am Abend des 20.12. eine email vom Veranstalter aus New York über die Regelungen bzgl. des Ausfalls des Marathons. Ich kann es für mich so gestalten, dass ich das Startgeld 2012 zurückbekomme, trotzdem aber für 2013 einen garantierten Startplatz über die Zeit (<3:06 für M50) erhalte.

Die Reise war 2 Stunden später gebucht.

P.S.S.
Zu früh gefreut:
Die Regeln für 2013 wurden noch mehrmals geändert. Letztlich gab es keine Quali-Zeiten mehr, sondern nur einen kleineren Lostopf für diejenigen, die die Zeiten erfüllten. Bei der Ziehung Ende Mai 2013 ging ich leer aus.

Für 2014 hat es geklappt.