Sonntag, 17. Mai 2015

Der auf dem Pfad tanzt - Saar-Hunsrück-Supertrail


Was ist ein Trail?
Zur Beantwortung dieser Frage wird wohl fast jeder sein ganz persönliches Bild vor dem geistigen Auge entwerfen. Für mich ist es ein gewundener, erdiger, mannsbreiter Pfad durch den Wald. Und somit trägt der Saar-Hunsrück-Trail seinen Namen vollkommen zu recht, und auch das "Super" in der Namenserweiterung ist ein zutreffendes Attribut. Mehr "Trail" wird in Deutschland kaum irgendwo gehen! (Ok, ich weiss, das hab ich schon mal geschrieben! Dieses Deutschland hat schon irre Ecken!)

Meine Güte - wo anfangen? Der erste Kontakt zu der Veranstaltung rührt vom Drücken eines Werbe-Buttons auf trailrunning.de. Der zweite Kontakt ist dann die Homepage, die ein schweres DejaVu hervorruft: So was (kein Geflimmer von irgendwelchen Bannern, letzter Eintrag unter Neuigkeiten mehr als ein halbes Jahr alt, keine wirkliche Streckenbeschreibung geschweige denn ein Höhenprofil (was bei +3.400hm doch irgendwie interessant wäre)) kenne ich bisher nur von der Harz-Querung. Und die mag ich ja (nicht nur wegen ihrer Homepage). Später stellt sich heraus, dass es tatsächlich eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Veranstaltungen gibt. Die Startnummern bei der Harzquerung bestanden oft aus der Rückseite überzähliger Vorjahres-Urkunden. Beim SH-Trail besteht die Startnummer aus zwei in der Mitte mit Tesafilm zusammengeklebten Teilen irgendeines wahrscheinlich irgendwie besonderen Papiers. Sie hat gehalten!

Der SH-Trail ist, um das kurz zu machen, eine Veranstaltung von Läufern für Läufer, die mit vollem Herzblut von den 3 involvierten Generationen der Familie um Orga-Chef Bernhard Sesterheim und weiteren Freunden dieses Jahr zum 5. Mal auf die Beine gestellt wird. Es ist eine im positivistischen Sinne minimalistische Veranstaltung (die auf 80 Teilnehmer beschränkt wird) - das beginnt bei den "Startunterlagen", die in einer Papiertragetasche überreicht werden und neben der beschriebenen 2teiligen Startnummer noch einige Blatt Informationen zu den beiden Lauftagen enthalten - und sonst nichts. Kein Shampoo, keine Flyer, keine Werbedreck. Es geht weiter bei den Quartieren: Veranstalterseitig werden Blockhütten (mit Holz-Podesten als Betten ohne Matratze) oder die Zeltwiese angeboten. Man hat aber die Möglichkeit, sich privat im Gästehaus des Sportzentrums Peterberg zu Braunhausen (bei Nonnweiler, alles klar?) einzumieten. Wohltuend einfach geht es bei der Streckenfindung weiter: Bis auf die ersten 3km am ersten Tag und die jeweils letzten 5km der beiden Lauftage geht es zu 100% auf dem bestens ausgeschilderten Saar-Hunsrück-Steig entlang - ohne Ausnahme. Das Leben kann so einfach sein.

Das Veranstaltungs-Paket umfasst die beiden Lauftage (Bus-Transfers zu den Startpunkten, VPs), bis zu 3 Übernachtungen in Blockhütte/Zelt und 2mal Frühstücks- und Abend-Buffet im Gästehaus sowie T-Shirt mit Goldprägung, Medaille und Grillen nach dem Zieleinlauf am 2. Tag. Der Peterberg dient somit mittlerweile (bei den ersten Austragungen war das wohl noch anders) als zentrales Base-Camp ungefähr in der Mitte der zu laufenden Streckenabschnitte. Am ersten Tag geht es über gut 66 km aus der Nähe von Idar-Oberstein, also aus Nordosten kommend, hierher zurück, am 2. Tag über 59 km direkt aus Trier, also aus nordwestlicher Richtung. Das Zielbanner hängt keine 100m von meinem Zelt entfernt, und die Aussicht, sich nach der Ankunft sofort ins Gras oder auf die Matte fallen lassen zu können, hat für mich immer etwas sehr Beruhigendes.

der Kenner sieht, wo ich gewohnt habe

Beim Abendessen vor dem ersten Start sehe ich mal nicht nur die gewohnten Gesichter (einige natürlich doch), was aufgrund der heimat-fernen Lage (tatsächlich: ich laufe zum 1. Mal im Saarland! - oder wird es vom Heiligabend-Marathon nebenan auch berührt?) nicht ganz überraschend ist. Es gibt natürlich Pasta (mit und ohne tierischem Protein/Fett) und ordentlich Salat. Und ordentlich Mutmaßungen über das morgige Wetter. Es scheint wohl zumindest klar zu sein, dass es nicht trocken bleibt. Nun ja, bei Temperaturen im deutlich 2stelligen Bereich verschmerzbar. Was auch nicht klar zu sein scheint, sind die Längen und Höhenmeter der Etappen (und die Lage der VPs). Obwohl mich dies sonst alles brennend interessiert, spüre ich eine gewisse Schicksalsergebenheit in mir aufsteigen. Wird schon alles gut gehen - und ich habe ja auch nichts weiter vor als seit ewiger Zeit mal wieder 2 ordentliche Distanzen an 2 Folgetagen zu absolvieren (sozusagen der Startschuss in die konkreteren TAR-Vorbereitungen).

Auch, dass man mich in die "schnelle" Gruppe einsortiert hat, nehme ich gelassen hin. Ich erinnere mich an den Deutschlandlauf, wo ich auch einige Tage dem Rudel der langsameren Frühstarter hinterher gehetzt bin. Das "Einsammeln" war immer eine nette Abwechslung während der Stunden unterwegs. Hier wird die größere Gruppe (52) um 7.00 losrennen, die 19 übrigen Leute dann um 8.30 Uhr. Jeweils eine Stunde früher ist die Bus-Abfahrt zum Start. Und davor das (umfassende) Frühstück. Also letztlich doch alles recht zeitig - und so krieche ich dann schon um 21h in das noch trockene Zelt.

Ich bin gut organisiert - und so braucht es nur etwas gymnastische Geschicklichkeit, irgendwann nach Mitternacht, als der prasselnde Regen mich geweckt hat, für den Weg zum Pinkeln den unter dem Vordach wartenden Regenschirm so aufzuspannen, dass möglichst wenig Wasser ins Innere tropft und ich selbst tatsächlich auch trocken bleibe. Weia - das ist alles richtig nass! Welche Schuhe nachher? Hatte gehofft, wie beim Bilstein nach einigen Tagen Trockenheit wieder in Pure Connect rennen zu können. Wird es hier schmierig sein? Viel roter Buntsandstein hier in der Gegend (jedenfalls in der Pfalz). Ich nehme am Ende (an beiden Tagen) die Pure Grit I (letztes Jahr nochmal für unschlagbare 54 Euronen erwischt!) und komme mit ihnen - obwohl sie auf nassem Asphalt ein Pure Joke sind - bestens zurecht. Das beschreibt - indirekt - wohl recht anschaulich den Teer-Anteil. Übrigens: Schmierigen Lehm gab es dann unterwegs auch nicht, alles sehr schön erdig.

Der Niederschlag wandelt sich dann im Morgen-Grauen (nomen est omen!) in einen dichten Niesel, das Ganze aber GsD bei moderaten Temperaturen von deutlich über 10°. Jedenfalls hier, auf ca. 450m NN. Wir werden heute aber größtenteils zwischen 600 und  800m unterwegs sein - und wenn ich da so an den Harz denke...

Es ist immer wieder erschreckend, wenn man vom späteren Zielpunkt aus motorisiert zum Start gekarrt wird, richtig lange unterwegs ist und von daher eindrücklich vorgeführt bekommt, was die zu bewältigende Aufgabe sein wird. Es erscheint kaum vorstellbar und machbar. Zumal der SH-Trail heute weißGottnicht der kürzest möglichen Route folgt. Aber man hat gelernt, dass es dann immer wieder doch geht und so viel sieht man heute zum Glück draußen nicht ("Existiert im Hunsrück überhaupt Leben?"), denn alles ist wolkenverhangen und trüb und grau. Ganz im Gegensatz zur Stimmung im Bus.

Am Parkplatz der Ruine Wildenburg (640m) - about in the middle of nowhere, ein paar km nordwestlich von Idar-Oberstein - werden wir rausgelassen, und Bernhard und sein Team erwarten uns bereits zum "briefing". Das wird wegen des Regens unter einem Vordach abgehalten und ist wirklich brief. Im Kern hält Bernhard zwei Wander-Markierungsschilder hoch. Beide zeigen das SH-Trail-Logo. Eins ist lila, das andere grün/blau. "Ihr lauft immer nach dem grün/blauen, das lila ignoriert ihr!" Kann ich mir merken. Es wird runtergezählt von 10, dann startet seine Frau die Rennuhr.

Los geht's - endlich!
Start 1. Tag: Bernhard erzählt, wo's lang geht

Bereits der Weg, der uns die ersten km "nach Osten" noch ohne SH-Markierung in den Wald trägt, würde mancherorts als "trail" durchgehen. Ich konzentriere mich auf nichts als das Erspähen jener zunächst entscheidenden Stelle, wo irgendwelche weißen Pfeile oder weißen Punkte (auch "Quallen" genannt, wenn vom eigentlich Punkt runtergelaufene Farbe das Ganze am Ende so aussehen läßt) scharf nach links weisen werden und wir ab dort "60km den grün/blauen Schildern bis zur Staumauer nachrennen" sollen. Geschafft - da ist er: DER TRAIL! DIE SCHILDER! - und der Tanz kann beginnen.

Ja, es ist wirklich schon sehr bald ein wahrer Tanz auf und mit dem Pfad, der uns durch fast alpin anmutende Felsformationen über die Kammlinie zunächst zurück zum Ausgangspunkt führt und dann weiter über aussichtsreiche Blockhänge steil hinunter ins Tal des Idar-Baches geht, drüben wieder hoch über den Silberich (km 12), hinunter an Langweiler vorbei, hinauf den Idar-Wald auf 710m Höhe querend, hinunter durch die glitschige Steg-Runde im Ortelsbruch bei Morbach (km 24), bevor sich die Laufrichtung endgültig von Nordwesten nach Südwesten wendet und die Erklimmung des Erbeskopf über den Skihang nach 39km ansteht (und ich meinen bis-dato-Laufpartner Christopher endgültig aus den Augen verliere). Ja, es ist ein Ski-Hang und es ist steil, trotzdem kein Vergleich zum Kollegen am Schneekopf. Es folgen die teilweise urigsten, für mich einsamen Trail-Abschnitte durch den Nationalpark-Hochwald hinunter über die Lichtungen bei Börfink (km 48) und die lange Passage am Friedrichskopf vorbei Richtung Dollberg und dann runter zur Talsperre bei Nonnweiler (km 61), an der wir auch morgen wieder den Endspurt nach Braunshausen einläuten werden.

Es wird zusammengefasst eine Art zweitägige Schnitzeljagd fast ausschließlich durch die Buchen- und Fichtenwälder des Hunsrücks, einige Male über offene Feldfluren, nie, wirklich fast nie (1mal?) durch Dörfer. Das Ausspähen des nächsten "hellen Flecks" an einem Pfosten oder Baumstamm (mehr kann ich durch die nasse Brille, die zudem bekanntermaßen nicht mehr ganz die aktuell erforderlichen Korrekturwerte aufweist, aus der Entfernung zunächst meist nicht erkennen) macht unglaublichen Spass, ist wesentlich angenehmer als das Navigieren nach GPS-Track - und lenkt vom eigentlichen Gegenstand des Unterfangens, dem Laufen und der damit über kurz oder lang verbundenen Anstrengung, phasenweise vollständig ab. Es sei vorweg genommen: Wenn man sich wirklich konzentriert, kommt man auch als völlig Landschaftsunkundiger wie ich ohne Schnörkel ins Ziel (ok, ich weiß, das würden jetzt nicht alle Teilnehmer unterschreiben, die 'Besten' haben abends 73km auf der Uhr ...). Ein bißchen Mut gehört vereinzelt aber auch dazu, wenn man sich eisern an die Losung "60km grün/blau" halten will und daher Fällarbeiten-Absperrbänder schon mal ignorieren muss. Die Stellen, wo irgendwelche Blödmänner die Schilder geklaut haben, halten sich sehr in Grenzen, oder es gibt doch nicht so viele Blödmänner wie man denkt oder die Tourismus-Verbände kontrollieren den Weg ständig oder es gibt als letzte Rettung eine (verblasste) Qualle. Das Grundkonzept der Markierung ist professionell: An jeder (!!) Stelle, wo man sich fragen könnte: "Wo jetzt lang?", findet man ein Schild (manchmal verdeckt durch einen belaubten Ast), und nach dem Einschlagen der neuen Richtung gibt es zu 95% nach 20m noch mal ein "Bestätigungsschild". Läuft man mal ausnahmsweise mehr als 100m in eine Richtung, wird einem die Route durch "Zwischen-Schilder" bestätigt. Es müssen insgesamt hunderte (tausende?) gewesen sein, die wir auf diesen gut 125 km durch die wildesten Urwälder, Bachtäler, Feldfluren passiert haben.

Schnell begreife ich die Philosophie der Routenfestlegung des Fernwanderwegs: Es geht keinesfalls darum, auf kürzest- und flachest-möglichem Weg zwei Punkte zu verbinden. Der Weg trägt dich vielmehr an die kitschig-romantischsten Läufe kleiner plätschernder Bäche heran, nur für 50m, dann wieder zurück in den Wald. Er zeigt dir Aussichtspunkte, an denen du auf direkter Route vorbeigerannt wärst. Er zeigt dir kulturelle Zeugnisse wie imposante keltische Ringwälle, römische Wasserleitungen und historische Eisenbahn-Viadukte. Er lässt dich über Blockhalden und über Felsburgen turnen und belohnt dich danach mit matratzenweichem Untergrund im Hochwald. Er führt dich über superseifige Holzbohlenstege durch die Hochmoore und versöhnt dich danach wieder mit dem griffigsten Waldboden, den man sich wünschen kann. Er quält dich kilometerlang über verblockte, verwurzelte Kammlinien. Du lernst, woher der "Hunsrück" seinen Namen hat und das ein "Rücken" etwas anderes ist als ein Berggipfel (wo du auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder runter laufen kannst und weißt, wann du oben warst). Ein Rücken ist vor allem langgestreckt und hat viele kleine fiese Zwischenerhebungen und du glaubst bald nicht mehr, dass es jemals wieder bergab gehen wird (außer einmal: Wenn Du am Dollberg bei km 56 den "höchsten Punkt des Saarlandes" (695,4m) erreicht hast (und auch dein Ziel im Saarland liegt), kann es nach menschlichem Ermessen (erstmal) nur noch bergab gehen (natürlich rein topographisch gesehen).

Auf die körperliche Gesamt-Konstitution sollte das mit dem Bergab-Gehen auf keinen Fall zutreffen - zumindest heute noch nicht. Hier heute bloß kein wörtliches Himmelfahrts-Kommando starten! So war der ganze Tag -  neben dem Suchen von Wegmarkierungen - von Analysen des eigenen Systemzustands geprägt. Ich musste heute nachmittag in guter Verfassung ankommen, wenn ich morgen noch eine realistische Chance auf die erneute Bewältigung einer fast identischen Distanz haben wollte - zumal der Start morgen tiefer als der Zielort liegen würde. Dazu hatte ich einfach zu wenige Trainingskilometer in den Beinen (und im Zweifelsfall eher zu schnelle). Ich hatte mich von vornherein auf Quasi-Autarkie eingestellt und laufe mit Pack (Regenjacke, first aid, Riegel, Trinken). An den VPs (die manchmal doch gehörig weit auseinander liegen, am 2. Tag laufe ich mit zwei statt einer Flasche) tanke ich Salzstangen und Cola/Malzbier (diese Cola-Geysire, wenn die beim Weiterlaufen aufgeschüttelte Kohlensäure die Saugnippel der Brustflaschen aufpresst, haben schon was Bizarres). Ansonsten erprobe ich erfolgreich eine neue Strategie, das Essen - vor allem jenseits der 40k-Grenze - nicht zu vergessen: Hamstermäßig zergehen ohne eigentliches Kauen ständig Bröckchen der köstlichen Chocolate/Coconut-OrganicRawFoodBars in meinen Backentaschen.

Mit Erfolg: Ich komme seltsam "unfertig" nach 7:32h und 66.5km mit +1.700/-1.900hm (lt. SRTM) zusammen mit Thomas, der mir die steile Rampe den letzten km hinauf zum Camp das Gehen verbietet, als Tages-Fünfter an. Nach dem Rennsteig fühlte ich mich immer ganz "anders".

Herrliche Dusche (cola-frei) und dann chillen bis zum Abendessen in der strahlenden Abendsonne im Stuhl vor dem Zelt. Ja, es hat irgendwann noch aufgehört zu regnen! Genau wie letztes Jahr beim APUT. So anstrengend das Laufen auf den Wurzel-Trails, über die höchste deutsche linksrheinische Erhebung (816m) und über die Steine des Dollberg-Rückens auch war: Das Gute daran ist offenbar, dass jeder Schritt anders ist und einem das "Gestell" auch nach dieser Belastung nicht weh tut. Ich kann mich völlig "unauffällig" bewegen (ganz im Gegensatz zu vor 3 Wochen nach dem HH-Marathon) und es gibt auch keine Krämpfe beim Einnehmen "ungewohnter" Positionen. Ich nutze dieses high und packe schon mal alles für die 2. Etappe. Es soll trocken, sonnig und warm werden. Schulterfrei! Gleiche Schuhe! Gleiche Riegel!

Am nächsten Morgen wache ich tatsächlich erst vom 6:00-Wecker auf! Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass mir das vor einem Rennen schon mal passiert ist. Na klar, gestern "Sport gemacht", nachts erst in der sternklaren Nacht gefroren, dann den 2. Schlafsack (selber-auf-die-Schulter-klopf!) rausgeholt und dann wohl richtig entspannt. Schon wieder bin ich überrascht, dass ich problemlos (wie ein normaler Mensch) in die Schuhe komme! Donnerwetter. Keine Muskel- oder Gelenkschmerzen. Füße absolut i.O. Garmin geladen. Auf geht's zur 2. "Runde".

Die führt uns bald hinter Trier zum tiefsten Streckenpunkt beider Tage auf 160m NN bei Waldrach (km 10). Dahinter wartet nach etlichen steilen Stichen an der Riveristalsperre entlang der Rösterkopf mit 640m nach 25km. Danach einige "Wellen" zwischen 450 und 600m über Kell am See und nach Osten südlich an Hermeskeil vorbei und dann 5km runter (auf der Karte und in der Landschaft) durch das malerische Forstelbach-Tal ins Ziel (bzw. besser gesagt: nach Nonnweiler, das Ziel liegt ja am Rand der Ortschaft am Hang). Diesen moderaten Eindruck vermitteln jedenfalls die Profile der Wander-Etappen, die ich mir vorab auf der Saar-Hunsrück-Wander-Homepage zusammengesucht habe. Im Prinzip stimmen die auch, aber viele kurze steile Stufen, z.B. in den Weinbergen am Anfang, gehen dort graphisch unter.

Das Antraben gelingt ganz manierlich, schnell muss ich hinter den Busch und kehre als Letzter der 19 Leute von der 2. Welle (nee, es sind heute ein paar weniger ...) wieder auf die Strecke. Überhole den Pulk vor mir. Die ersten 3 (mindestens) sind optisch entschwunden. Bis mich der erste von ihnen auf einmal überholt. Grins! Sie haben mal wieder (wie übrigens auch gestern gleich zu Beginn) eine kleine Ehrenrunde eingelegt. Bald folgen auch Nr. zwei und drei, die gestern um die 20-30min vor mir waren und die ich bereitwillig enteilen lasse. Die Hackordnung ist somit wieder hergestellt (und soll sich bis ins Ziel nicht mehr ändern).

Während es gestern noch recht spannend war, nach wieviel km man die ersten (also hintersten) Läufer der frühen Startwelle, die ja 90min Vorsprung hat, einholen würde (es war dann ca. nach 24km so weit), bin ich heute gespannt darauf, ob es ähnlich schnell werden wird und ob die Leute in ungefähr der gleichen Reihenfolge unterwegs sein würden. Man hat ja sonst keine Ablenkung (außer grün/blaue Schilder, viele Steine, Wurzeln (hahaha, ich stelle mir vor, man würde hier die Wurzeln wie bei einigen anderen Läufen mit Warnfarbe ansprühen - das würde Monate dauern!), und Wald, Wald, Wald, dunkelgrün, hellgrün, lichtdurchflutet, schattig, feucht, nass). Es passierte dann (wie erwartet) etwas früher (km19), und es war im Wesentlichen die selbe Reihenfolge. Die Überholten ahnen vielleicht gar nicht, wie sehr man sich als "Elite"-Läufer zusammenreißen muss, noch so weit voraus locker weiter den Hügel hochzutraben (den man sonst lieber wandern würde), bis man wieder außer Sichtweite ist. Udo mit seiner vierbeinigen Begleiterin, den ich gestern erst kurz vor 60k erwischte, erreiche ich heute nicht mehr, und das Team "lahm&taub" hole ich gerade noch an der Staumauer ein.

Zuvor, nach dem letzten VP bei km48 auf diesem ätzend langwierig zu erklimmenden letzten 600m-Rücken, muss ich dann in absoluter Siegesgewissheit und Tiefenentspannung ("nur noch bergab durch dieses Tal ballern") noch mal stolpern. Wieder fangen mich wie beim TGC die Trinkflaschen vorne einigermaßen sanft auf. Eine Art Läufer-Airbag. Spart Schürfwunden und kaputte Klamotten, kann aber zu (heftigen) Rippenprellungen führen. Noch nicht ganz ausgereift das Ganze. Am besten man bleibt in der Senkrechten. Diesmal gibt es keine schicke neue Narbe (Läufer-Tattoo), sondern wirklich nur oberflächliches Haut-Geraspel. Es war ja auch eine von diesen famosen weil humosen Waldbodenstellen, wo eigentlich nichts schief gehen kann. Worüber ich gestolpert bin? Keine Ahnung.

Im Ziel nach 59.5km und +1.500/-1.300hm (SRTM) als Tages-Vierter in 6:53h gratuliert mir der Chef persönlich und junge Damen hängen mir die Medaille um, kaum dass ich Luft holen kann. Perfekt! Haken hinter. Die Bratwürste sind auch schon schön kross. Leider keine aus Tofu.

Ach ja, das Wetter! Sie (die Frösche) haben es immer noch nicht im Griff. Kein bißchen! Ich renne schulterfrei und es beginnt unterwegs auf 600m zu wehen und zu nieseln! Insgesamt 3min Sonne heute! Wehmütige Erinnerung an die herrliche Abend-Atmosphäre gestern (am Regentag). Frösteln allerorten.

Ich verkrieche mich in die Schlafsäcke und lausche auf das Knattern des Zelts im Wind und das gelegentliche Klatschen des Ziel-Kommitees bei der Ankunft eines späten Läufers. Es ist 18.30h und im Gegensatz zum BL-Abstieg bin ich schnell entschieden: Ich brauche keine 15min, dann ist entgegen der ursprünglichen Planung, hier nochmal zu übernachten, der Astra startklar. Er katapultiert mich mit Rückenwind in sub4h nach Hause. Die insgesamt knapp 1.000 Fahr- und Lauf-Kilometer dieses langen Wochenendes haben sich mehr als gelohnt.

Wer Trail laufen möchte - gefühlte 80-90% -, sollte mal in den Hunsrück fahren.

Herzlichen Dank an alle Beteiligte für dieses großartige Lauf-Erlebnis!!


Tracks mit VPs:
1. Tag
2. Tag


P.S.
Zwei Sachen haben mich abschnittsweise gestört - und gegen beide sind die Veranstalter natürlich absolut machtlos:

1. Wenn Du durch diesen sagenhaften (Natur-)Wald joggst, möchtest Du nur die Vögel hören, höchstens ab und zu mal eine Motorsäge. Auf keinen Fall aber irgendwelche Kampf-Jets über dir in der Luft.

2. Ja, der Hunsrück ist schön hoch und windig. Man sollte aber trotzdem überlegen, ob man nicht wenigstens an einigen Stellen auf diese Monster-Windräder verzichtet.


P.P.S.
Alles Kopfsache:
"Heute hätte ich keine 3. Etappe laufen können!"

(na logisch, es stand ja auch keine mehr an!)




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